Stromengpässe zur Winterzeit möglich

Nichtverfügbarkeit französischer und belgischer Kernkraftwerke kann Strompreisniveau im 1. Halbjahr 2019 deutlich heben (Kopie 1)

07.11.18 | Wirtschaft

Same procedure as every year! Wie in den vergangenen beiden Jahren, kündigen sich rechtzeitig vor dem Winter Probleme in französischen Kernkraftwerken an. EDF meldet, dass in acht Anlagen Bodenverankerungen verstärkt werden müssen. Betroffen sind vor allem große Blöcke mit jeweils mehr als 1.300 MW.

Bei fünf der Anlagen dauern die Arbeiten noch bis Ende des 1. Quartals 2019 an. Damit werden in den stromnachfragestarken Wintermonaten mindestens 6.500 MW Grundlastkapazität definitiv nicht verfügbar sein. Sollten sich ähnliche Witterungsverhältnisse wie in den vergangenen beiden Wintern einstellen, drohen Versorgungsengpässe und Netzinstabilitäten sowie die temporäre Abhängigkeit von Stromlieferungen aus dem Ausland.

Auch in Belgien werden die Sorgen über Stromengpässe größer. Von den sieben Kernkraftwerksblöcken stehen derzeit nur zwei Anlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 2.000 MW zur Verfügung. Das ist lediglich ein Drittel der Kernkraftwerksleistung in Belgien. Infolge komplexer technischer Probleme und langwieriger Instandhaltungsarbeiten an den übrigen fünf Kernkraftwerksblöcken, ist mit deren Wiederanfahren erst im kommenden Jahr zu rechnen. Der Übertragungsnetzbetreiber Elia denkt inzwischen offen über Stromsperren und geplante Netzabschaltungen nach. Welchen Einfluss hat das auf die Strompreisentwicklung, wenn diese Situation bis weit in das kommende Jahr anhält?

Die Energieökonomen der enervis energy advisors GmbH haben die Auswirkungen mit energiewirtschaftlichen Modellen untersucht.

„Unsere Modellierungen zeigen, dass die aktuelle Situation einer mehrmonatigen Nichtverfügbarkeit von 10 GW französischer und belgischer Kernkraftwerkskapazitäten erheblichen Einfluss auf das Strompreisniveau in Q1 und Q2 2019 haben kann. Die aktuellen Börsennotierungen Frankreich Base 2019 liegen für Q1 bei 65 €/MWh und für Q2 bei 45 €/MWh. Die Base-Erwartungen Belgien 2019 notieren für Q1 bei 80 €/MWh und für Q2 bei 50 €/MWh.

Sollten die derzeit nicht verfügbaren französischen und belgischen Nuklearkapazitäten auch im 1. Halbjahr 2019 noch nicht am Netz sein, würde sich der fundamentale französische Basepreis 2019 Q1 bei 80 €/MWh und Q2 bei 50 €/MWh bewegen. Die fundamentale enervis-Preisabschätzung für Belgien liegt im Q1 bei 78 €/MWh und im Q2 bei 60 €/MWh. Gegenüber den derzeitigen Handelskontrakten 2019 sind das teils spürbare Aufschläge.“, so Mirko Schlossarczyk von enervis.

Die Situation bliebe auch nicht ohne Auswirkungen auf den deutschen Strommarkt. Aus dem deutschen Markt würden merklich mehr Strommengen direkt nach Frankreich fließen. Auch Belgien importiert dann deutlich mehr Strom aus Frankreich und den Niederlanden. Das Strompreisniveau in Deutschland zöge im Windschatten steigender französischer und belgischer Strompreise ebenfalls an.

Die enervis-Analyse illustriert anschaulich, dass eine längerfristige Nichtverfügbarkeit von etwa 10 GW französischer und belgischer Kernkraftwerkskapazität - insbesondere in sehr kalten Wintermonaten mit dann besonders hohen Stromnachfragespitzen - auf das Strompreisniveau in hohem Maße preistreibend wirken kann. Dies führt auch bei Kraftwerksbetreibern in Deutschland zu spürbaren positiven wirtschaftlichen Mitnahmeeffekten.

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