Zwischen Strompreisen und Stromkosten unterscheiden

„et“: Bei den Stromkosten von Letztverbrauchern gibt sich die Bundesregierung gute Noten. Vergleichsportale hingegen kommen zu drastischen Ergebnissen wie einem Anstieg von 50 % seit 2007. Wo liegt hier die Wahrheit?

Löschel: Wir haben im Monitoring versucht, zwischen Strompreisen und den Belastungen durch Stromkosten zu unterscheiden. Die Strompreise für Letztverbraucher sind in der Tat in den letzten Jahren stark angestiegen, insbesondere durch die nicht-marktgetriebenen Preisbestandteile, die steil nach oben gingen. So kommt es zu einem Anstieg von fast 50 % im letzten Jahrzehnt und Höchstständen um die 30 Cent/kWh für private Haushalte und etwa 15 Cent/kWh für Industrieunternehmen, die nicht unter Entlastungsregelungen fallen. Wichtig ist aber doch, wie sich Preise in Stromkosten übertragen und sich diese im Verhältnis zu den Einkommen der Haushalte und der Wertschöpfung der Unternehmen verhalten. Das zeigt nämlich, wie gut diese Kosten getragen werden können. Die Letztverbraucherausgaben für Strom gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind in den letzten Jahren aber gesunken, die Belastungen der Haushalte und Unternehmen fielen also niedriger aus. Gaben die Letztverbraucher im Jahr 2011 noch etwa 2,5 % des Bruttoinlandsprodukts für Strom aus, so sind es 2017 nur noch 2,1 % gewesen. Auch im Bereich von Wärme und Verkehr gibt es diese Entwicklung. Die relative Kostenbelastung für Energie ist also in den letzten Jahren gesunken.

„Bei den Erneuerbaren haben wir im Strombereich einen recht dynamischen Ausbau gesehen, der dazu beigetragen hat, die angestrebten Ziele sogar zu übertreffen. Trotzdem gibt es auch in diesem Kontext weiteren Anpassungsbedarf: Ausschreibungen sind nur ein wichtiger erster Schritt. Wir haben uns in der Stellungnahme dafür ausgesprochen, die erneuerbaren Energien noch weiter in den Markt zu integrieren und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in dieser Richtung weiterzuentwickeln. Vor allem die Flexibilitätsoptionen können hiervon profitieren. Also mehr Integration, mehr Effizienz in der Förderung und der Wunsch, mittels CO2-Bepreisung die Erneuerbaren wettbewerbsfähig zu machen.“

Prof. Dr. Andreas Löschel, Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“; Inhaber des Lehrstuhls für Mikroökonomik, insbesondere Energie- und Ressourcenökonomik, an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

„et“: Industriekunden außerhalb der Befreiung von Entlastungsregelungen haben 2017 allerdings fast 5 % mehr für Strom bezahlen müssen als 2008.

Löschel: Das ist natürlich eine problematische Entwicklung, die in der Tat darauf zurückzuführen ist, dass die Strompreise durch die Energiewende-Belastungen immer stärker angestiegen sind. Und diese steigenden Kosten sind zweifellos ein Problem für die Unternehmen, die von EEG und Co. nicht ausgenommen sind. Es ist ein wichtiger Punkt für das Gelingen der Energiewende, dass man Strompreise günstiger gestaltet. Dabei geht es weniger um die Großhandelspreise, sondern insbesondere um Entgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen auf Energie. Eine Energiepreisreform ist auch vor dem Hintergrund unabdinglich. Wir haben im Monitoring vorgeschlagen, die Umlagen auf Elektrizität durch einen CO2- bezogenen Zuschlag auf fossile Energieträger aufkommensneutral zu ersetzen. Mit einem CO2-Preis von etwa 50 €/tCO2 in allen Sektoren könnten alle zusätzlichen Belastungen auf den Strom weggenommen werden, d.h. der Strompreis wird entlastet und es gibt eine massive Umlenkungswirkung von 25 Mrd. € im Jahr zu Lasten der fossilen Energieträger in Bereichen wie Gebäude und Verkehr, in denen wir massiv Emissionen reduzieren müssen. Das würde die Anreizsysteme in der Energiewirtschaft grundlegend verändern.

Energieeffizienz und Einsparung breiter angehen

„et“: Große Sorgen bereitet der Energieverbrauch, der seit 2008 jährlich nur um durchschnittlich 0,8 % abgenommen hat, was ja auch zur Verfehlung der eigenen 2020-Ziele beiträgt.

Löschel: In der Tat, das ist eine große Baustelle. Im aktuellen Fortschrittsbericht hat die Bundesregierung zum ersten Mal die Anstrengungen im Rahmen des Aktionsplans Energieeffizienz bewertet. Das ist ein wichtiger Schritt, die Wirkungen der meisten Maßnahmen sind aber ernüchternd. Wir haben in unserem Monitoring der Energiewendemaßnahmen der Bundesregierung in diesem Bereich empfohlen, das Thema Energieeffizienz breiter anzugehen und sich von der Fülle an Einzelregulierungen abzuwenden.

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