Abb. Entwicklung des Verbrauchs an Kohle nach Staaten/Weltregionen bis 2040, in Mtoe

Schnelles Handeln und ein weltweites Umsteuern in allen Bereichen sind erforderlich. Doch in der in Deutschland geführten Debatte gehen Berichterstattung und Rückschlüsse einmal mehr nur in eine Richtung – die nationale.      

Bis 2011 hat die Menschheit bereits rund zwei Drittel der CO2-Menge ausgestoßen, die nach Berechnungen des IPCC höchstens freigesetzt werden darf, wenn das 2°C-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 % eingehalten werden soll [1].

Im aktuellen Sonderbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) heißt es, um 1,5 °C Erderwärmung nicht zu überschreiten, müssen die globalen anthropogenen Netto-CO2-Emissionen bis 2030 um etwa 45 % gegenüber 2010 reduziert werden, um das Jahr 2050 netto zu Null erreichen.

Wie ist das zu schaffen? 

Dem Weltklimarat zufolge sind dazu weltweit einschneidende Emissionsminderungen in allen Sektoren erforderlich. Mehr noch sind schnelle und weitreichende Systemübergänge in Energieversorgung, Landwirtschaft, Stadt und Infrastruktur- (einschließlich Transport und Gebäude) sowie in Industriesystemen in beispiellosem Ausmaß notwendig. Um die Erd-erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, sind also grundlegende gesellschaftliche und systemische Transformationen unumgänglich. Davon ist die Weltgemeinschaft meilenweit entfernt.

Der Bericht des IPCC sagt auch, dass, selbst wenn es gelingt, das Klimaabkommen von Paris umzusetzen, die globale Erwärmung nicht auf 1,5 °C begrenzt wird, auch nicht, wenn nach 2030 der Umfang des Abkommens sehr anspruchsvoll gesteigert werde und die Ziele der Emissionsminderungen verschärft werden. Selbst bei einem Emissionsstopp bleibt das Klimapotenzial der bereits freigesetzten Treibhausgase bestehen.

Alle anthropogenen CO2-Emissionen sind letztlich dem konsumtiven Ressourcenverbrauch zuzuordnen. Eine signifikante CO2-Minderung ist damit untrennbar mit einer grundlegenden Änderung der individuellen Lebensgewohnheiten verbunden. Das umfasst den Verzicht auf Flugreisen genauso wie eine drastische Einschränkung des Individualverkehrs. Die Zunahme des Straßenverkehrs führte zwischen 1990 und 2015 global zu einem Emissionsanstieg des Verkehrs von 75 % [2]. Das Ernährungs- und Konsumverhalten müsste sich vor allem in den Industrieländern grundsätzlich verändern.

Die medialen und politischen Reaktionen auf den jüngsten IPCC-Sonderbericht in Deutschland suggerieren, dass ein nationaler Kohleaus-stieg einen zentralen Beitrag zur Erreichung des 1,5° C-Grad-Zieles haben würde. Deutschland scheint bereit, einen Grundpfeiler seiner Energie- und Stromversorgung zu beseitigen, ohne ein Konzept für den Erhalt der Versorgungssicherheit zu haben.

Strom aus deutscher Braunkohle hat einen Anteil von etwa 0,5 % an den weltweiten CO2-Emissionen. Da die entfallende Braunkohle-stromerzeugung durch Strom aus Steinkohle- und Gaskraftwerken ersetzt werden müsste, liegt die Netto-Ersparnis bei etwa 0,2 Prozentpunkten. Langfristig betrachtet sind aber weder Kohle- noch Erdgaskraftwerke mit der Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 °C vereinbar. Die meisten Szenarien nehmen deshalb ein Anwachsen der Kernenergienutzung an. Zudem berücksichtigen alle Pfade des IPCC, welche die globale Erwärmung auf 1,5 °C begrenzen, auch negative Emissionen durch die aktive Kohlendioxidentnahme aus der Atmosphäre. Die Entnahme in der erforderlichen Größenordnung unterliegt jedoch vielfältigen Einschränkungen bezüglich der technischwirtschaftlichen Machbarkeit und der Nachhaltigkeit.

Die Welt steht vor der gewaltigen Herausforderung, den wachsenden Energiebedarf klimagerecht zu stillen. Die IEA (International Energy Agency) prognostiziert, dass der Bedarf an Primärenergie bis 2040 global um 28 % zunimmt [3]. Die Dimensionen des weltweiten Kohleverbrauchs bis 2040 verdeutlicht die Abbildung.

Ohne den flächendeckenden Einsatz der Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) – nicht nur in der Stromerzeugung, sondern auch bei vielen Industrieprozessen – ist die Erderwärmung laut IPCC kaum noch unter 2°C zu halten. In Deutschland aber wurde CCS faktisch verboten.

Klimaschutz kann nicht wirksam erreicht werden, wenn einzelne Akteure vorrangig ihre eigenen Interessen verfolgen, so das UN-Klimagremium. Wirksamer Klimaschutz kann nur durch gemeinsame Lösungen erreicht werden. Die deutsche Klimapolitik muss den Fokus auf eine starke internationale Zusammenarbeit und weniger auf kleinteilige Umweltpolitik innerhalb der eigenen Grenzen richten. Der Nutzen einzelner Klimaschutzmaßnahmen und die damit verbundenen Risiken für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt sind abzuwägen. Es muss ein Kompromiss für den Zielkonflikt zwischen Wohlstand und Klimaschutz – gefunden werden, bei dem alle Länder mitziehen. Auch die Suche nach Anpassungsmöglichkeiten an die Folgen des Klimawandels darf nicht länger ausgeblendet werden.

Quellen

[1] Fünfter Sachstandsbericht des IPCC, 2014.

[2] Weltenergierat: Energie für Deutschland 2018.[3] IEA: World Energy Outlook 2017.

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„et“-Redaktion

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