Industriestandort, an dem ein Großteil des Energiebedarfs lokal selbst durch erneuerbare Energien erzeugt wird, was Teil von grünen Energielösungen ist

Industriestandort, an dem ein Großteil des Energiebedarfs lokal selbst durch erneuerbare Energien erzeugt wird, was Teil von grünen Energielösungen ist (Bildquelle: Adobe Stock)

Auch im Jahr 2020 sind die Themen Klimaschutz, Nachhaltigkeit und CO2-Emissionen – neben der COVID-19-Pandemie – weiterhin ganz oben auf der Agenda zahlreicher Unternehmen aus Industrie und Gewerbe. Als Reaktion auf den Klimawandel verankern immer mehr eine aktive Klimaschutzstrategie in ihren Unternehmens- und Nachhaltigkeitszielen. Ein elementarer Bestandteil ist dabei die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks, insbesondere der CO2-Emissionen. Innerhalb der nächsten zehn Jahre, d.h. bis 2030, wollen beispielsweise Siemens, Bayer und SAP (ab 2025) klimaneutral werden; E.ON und RWE bis 2040.

Da laut Umweltbundesamt rund 85 % aller CO2-Emissionen energiebedingt sind, ist der Energieverbrauch der Unternehmen in aller Regel der größte Hebel zur Erreichung der Klimaziele. Schlüsselfaktor ist dabei – neben der Durchführung von Energieeffizienzmaßnahmen – der Einsatz von grünen Energielösungen an den Standorten und Produktionsstätten, das heißt der Umstieg auf klimafreundliche Erzeugungstechnologien und Erneuerbare Energien. Unternehmen wie ABB Busch-Jaeger haben bereits erste Produktionsstandorte in Deutschland auf eine CO2 neutrale Energieversorgung umgestellt.

Im Folgenden werden drei Optionen für grüne Energielösungen näher diskutiert:

  • Deckung des Stromverbrauchs durch langfristige Stromlieferverträge aus erneuerbaren Quellen, sog. Power Purchase Agreements oder kurz „PPAs“;
  • Bau eigener, grüner Erzeugungsanlagen am Standort sowie
  • Realisierung und Betrieb dieser Anlagen durch Dritte in Form von Contracting.

PPAs aus Erneuerbare- Energien-Anlagen

PPAs sind eine in Deutschland noch recht junge, relativ unbekannte und bislang selten genutzte Möglichkeit zur Stromversorgung eines Unternehmens direkt aus erneuerbaren Energien. Ein PPA funktioniert grundsätzlich nach folgendem Prinzip: Ein Stromabnehmer, beispielsweise ein Industrieunternehmen, schließt einen bilateralen, langfristigen Stromliefervertrag direkt mit dem Produzenten des grünen Stroms, z.B. dem Betreiber eines Windparks oder einer Photovoltaikanlage. Darin wird der Preis je Kilowattstunde im Vorfeld über die Laufzeit fixiert. Das Unternehmen muss sich hierbei nicht zwingend in räumlicher Nähe des Standorts der Erneuerbare-Energien-Anlage befinden. Die physische Stromlieferung kann über das Netz der allgemeinen Versorgung erfolgen.

Mit Blick auf die eigene CO2-Bilanz ist ein Hauptvorteil von PPAs für das Unternehmen der Bezug von grünem, emissionsfreiem Strom „unmittelbar von der Quelle“, ohne dafür eigene Anlagen vor Ort errichten zu müssen. Das ist für das Unternehmen relativ einfach und unkompliziert. Durch den PPA ist sichergestellt, dass genau die Strommenge geliefert wird, die die Erneuerbare Energien Anlage auch tatsächlich produziert. Es wird also – im Gegensatz zu den meisten Grünstromlösungen über Zertifikate – ein echter, ökologischer Effekt erzielt. Entsprechend hoch ist auch die mit PPAs verbundene Glaubwürdigkeit bzw. nachhaltige Reputation.

Die Wirtschaftlichkeit von PPAs ist schwieriger zu bewerten. Prinzipiell darf die grüne Qualität des Stroms nur dann genutzt werden, wenn die Kraftwerke keine staatliche Förderung erhalten – als Lieferquellen kommen also Anlagen in Frage, die am Ende der gesetzlichen Einspeisevergütung aus der Förderung „fallen“ oder aber neue Anlagen, welche von vornherein ohne staatliche Förderung geplant werden.  Damit neue Anlagen ohne staatliche Förderung realisiert werden können, ist meist eine langfristige Abnahmeverpflichtung durch den Verbraucher notwendig. Typischerweise haben PPAs eine Laufzeit von mindestens 5 bis 15 Jahren. Unternehmen können sich auf diese Weise zwar eine langfristige Preisstabilität sichern. Sollte der Strompreis aus anderen Quellen in einigen Jahren jedoch deutlich günstiger sein – und das kann heute noch niemand mit Sicherheit ausschließen – können langfristige PPAs jedoch auch eine Belastung für das beziehende Unternehmen werden. 

Manche Unternehmen wünschen sich deshalb kürzere Laufzeiten. Diese sind insbesondere möglich, wenn der Strom aus „Post-EEG“-Anlagen stammt. Das sind alte, bereits refinanzierte Anlagen, die keine Einspeisevergütung mehr nach dem EEG erhalten und folglich den Strom zu Grenzkosten produzieren. Dieser Effekt tritt allein im Jahr 2021 bei Windenergieanlagen mit einer installierten Erzeugungsleistung von rund 4 GW ein, in den Folgejahren kommen jeweils weitere GWs hinzu.

Neben der Langfristigkeit des Liefervertrags haben PPAs noch einen weiteren Nachteil im Vergleich zu Eigenerzeugungs- und Contracting-Lösungen. Da die Lieferung zumeist über das Netz der allgemeinen Versorgung erfolgt, fallen auch weiterhin Netzentgelte sowie alle üblichen Steuern, Abgaben und Umlagen an. Da diese Preiskomponenten regelmäßig 50 bis 70 % der Stromrechnung ausmachen, sind die Spielräume zur wirtschaftlichen Optimierung automatisch auf den reinen Energiepreis beschränkt.

Eigene Erzeugungsanlagen am Standort

Deutlich mehr Flexibilität und Unabhängigkeit bietet die Errichtung von eigenen, grünen Erzeugungsanlagen direkt am Standort. Diese können unmittelbar auf die Verbrauchssituation vor Ort optimiert werden. Neben Photovoltaik- und speziellen Windkraftlösungen kann durch den Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (KWK) neben der Stromversorgung – im Gegensatz zu einem PPA – auch die Wärme- bzw. Kälteversorgung am Standort berücksichtigt werden. So lässt sich ein deutlich größerer Teil des Energiebedarfs durch die grüne Energielösung abdecken, entsprechend höher ist die damit verbundene Reduktion der CO2-Emissionen. Durch den Einsatz erneuerbarer Gase (z.B. Biomethan) sind Minderungen von 50-80 % keine Seltenheit. Der ökologische Effekt tritt zudem unmittelbar am Standort ein, was für maximale Stärkung des nachhaltigen Images sorgt.

In Bezug auf die Wirtschaftlichkeit bieten eigene Erzeugungsanlagen – insbesondere Photovoltaik- und Windkraftanlagen – am Standort ebenfalls signifikante Vorteile. So wird nicht nur eine langfristige Preisstabilität ohne externe Abhängigkeiten erzeugt, sondern es lassen sich auch echte Einsparungen realisieren. Die Erzeugungskosten einzelner Technologien sind bereits seit einigen Jahren unter die typischen Netzbezugskosten gefallen. Da der Strom nicht mehr über das Netz der allgemeinen Versorgung geliefert wird, sind für den selbst erzeugten Strom keine Netzentgelte und teilweise auch keine bzw. nur eine reduzierte EEG-Umlagen zu entrichten. Diese Einsparungen stellen aktuell den wohl größten großen Hebel bei der Reduktion der Energiekosten dar. Zusätzlich können Unternehmen durch eine optimierte Auslegung ihr Verbrauchsprofil unter Umständen dahingehend beeinflussen, dass weitere Einsparungen von Steuern und Umlagen auf Basis sog. Privilegierungspotenziale, wie z.B. der Atypischen Netznutzung realisiert werden können. Durch die Einspeisung bzw. Vermarktung von überschüssig produziertem Strom entstehen darüber hinaus regelmäßige neue Erlöse. Insgesamt lassen sich so die Energiekosten um 20 bis 50 % reduzieren. Für einige Technologien, z.B. Batteriespeicher, stehen überdies auch Förderprogramme zur Verfügung, die die Anschaffungskosten senken.

Dennoch schrecken viele Unternehmen noch vor der Errichtung eigener, grüner Erzeugungsanlagen zurück. Die Hauptgründe sind dabei vornehmlich die benötigten Investitionsmaßnahmen zur Errichtung sowie der hohe Verwaltungsaufwand für den Betrieb der Anlagen, der überwiegend der komplexen Energiemarktregulierung geschuldet ist. Denn um auch wirklich alle Vorteile realisieren zu können, ist es nötig, das komplexe Zusammenspiel aus technischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen am Standort ganzheitlich zu betrachten und zu bewerten. Hinter Stichworten wie Eigenverbrauch, Direktlieferung, Drittmengenabgrenzung, atypische Netznutzung, Privilegierung, Umlagen und Steuern verbergen sich wahre „Paragraphenmonster“, die für den Laien kaum verständlich sind und auch so manchem Experten Schweißperlen auf die Stirn treiben.

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