Strategische Bedeutung der Rohstoffversorgungssicherheit

Abbildung 2 zum Thema deutsche Rohstoffversorgungssicherheit - Industrielle Entwicklung und Verwendung von chemischen Elementen
Abb. 2: Industrielle Entwicklung und Verwendung von chemischen Elementen
(Quelle: BDI 2017)

Die Rohstoffsicherheit ist eine zentrale Voraussetzung für die Stabilität der gesamten wirtschaftlichen Wertschöpfungsketten einer modernen Industrie- und Technologienation. Vor allem Deutschland als eher rohstoffarmes Land und Exportvizeweltmeister ist auf eine funktionierende Weltwirtschaftsordnung, politische Stabilität der Rohstoffproduzenten sowie sichere Transportrouten zu Lande und Wasser angewiesen, um einen fairen und sicheren Zugang zu den Rohstoffmärkten zu gewährleisten. Zwar ist Deutschland keineswegs ein „rohstoffarmes“ Land und kann den Bedarf z.B. an Steine- und Erdenrohstoffe, Kali und Salzen sowie einigen Industriemineralen vollständig aus heimischen Lagestätten decken. Bei Metallen und insbesondere kritischen „Technologie-Metallen“ ist die deutsche Industrie jedoch stark von Importen aus dem Ausland (bei Primärmetallen zu 100 %) und vom Zugang zu ausländischen Minen sowie der Verfügbarkeit auf den internationalen Rohstoffmärkten abhängig.

Bereits heute nutzt die deutsche Industrie über 80 % der chemischen Elemente des Periodensystems eines immer größeren Rohstoff-Mix (Abb. 2). Deutschland zählt schon heute zu den weltweit fünftgrößten Rohstoffimporteuren und ist zu 100 % Nettoimporteur bei Metallerzen und -konzentraten. Zudem wird sich der künftige globale Rohstoffbedarf als Folge der weiter ansteigenden Weltbevölkerung und des Wirtschaftswachstums vor allem in den Schwellenländern sowie neuer Technologierevolutionen weiter erhöhen – und damit  auch die Versorgungsrisiken als Folge des globalen Ausbaus der Erneuerbaren Energien (EE), Digitalisierung, Batteriespeicher- und anderen „grünen Technologien“.

Neue Herausforderungen für Deutschland und die EU

Die Bestätigung dieser globalen Trends manifestierte sich in 2010, als China sein Förder- und Exportmonopol bei SE in einem eskalierenden maritimen Territorial- und Ressourcenkonflikt mit Japan instrumentalisierte. So verhängte Peking ohne Vorankündigung einen Exportstopp bei SE nach Japan, das seinerzeit der weltgrößte Importeur der SE war. Zu diesem Zeitpunkt kontrollierte China die weltweite Förderung bei SE zu 97 %, obwohl es selbst nur über weniger als 40 % der weltweiten Reserven und 57 % der globalen Ressourcen der SE verfügt (Abb. 3). Am Ende dieses Konfliktes verhängte Peking auch einen kurzfristigen Exportstopp der SE in die USA und EU, nachdem Japan über Umwege versucht hatte, chinesische SE von dort zu re-importieren. Zwar nahm Peking dann den Exportstopp zurück, doch die Herausforderung der Verringerung der Importabhängigkeit bei SE aus China und anderer KR blieb auf der politischen Tagesordnung der westlichen Länder. Allerdings führte der Verfall vieler Rohstoffpreise ab 2012 wieder zu einer verringerten Aufmerksamkeit von Politik und Industrie auf die künftigen Herausforderungen der Rohstoffversorgungssicherheit.

Demgegenüber bestätigten sich die US-Besorgnisse im Mai 2019 infolge des Handelskonfliktes mit China, als chinesische Staatsmedien drohten, eine Exportreduzierung von SE gegenüber den USA zu verhängen. Stattdessen wurde vorerst durch Peking eine 25 %-ige Erhöhung der Importtarife für SE aus der US-Mountain-Pass Mine für die Weiterverarbeitung in China verhängt. Bereits zuvor hatten internationale Experten gewarnt, dass China künftig seine Exporte von SE aufgrund des starken Anstiegs des inländischen Bedarfs für den Bau von Elektroautos und andere Hightech-Industrien stark einschränken und sogar selbst bei SE zu einem Nettoimporteur werden könnte.

Eine solche Exportverknappung könnte nicht nur massive Auswirkungen auf die US-Wirt­schaft, sondern sogar die Weltwirtschaft haben. Zwar ist der weltweite Handel von SE in Höhe von jährlich 9 Mrd. US-$ auf den ersten Blick klein, doch haben die Industrien, die auf SE angewiesen sind, einen Marktwert von mehr als 7 Bio. US-$. Die 17 verschiedenen SE sind für die High-Tech-Industrie häufig unentbehrlich und in Smartphones, Computern, Bildschirmen, anderen Elektrogeräten ebenso zu finden wie in wartungsarmen Windkraftanlagen sowie hocheffizienten Elektroantrieben, Autos und Hightech-Waffensystemen.

Der internationale Rohstoffmarkt ist in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem durch vier internationale Rohstoffkonzerne beherrscht worden, die eine hohe Angebotskonzentration mit oligopolistischen Auswirkungen zur Folge haben: den beiden australischen Firmen BHP und Rio Tinto, Vale aus Brasilien sowie Glencore Xstrata aus der Schweiz. Allerdings sehen sich diese „vier Schwestern“ (analog der früheren „sieben Schwestern“ auf dem Rohölmarkt) seit mehr als einem Jahrzehnt einer immer größeren Konkurrenz durch chinesische Staatsunternehmen mit starker politischer Rückendeckung der Pekinger Regierung ausgesetzt, welches den internationalen Ressourcennationalismus weiter verstärkt hat.

Zwar gibt es bei den weltweiten Rohstoffmärkten eine Vielzahl von internationalen Institutionen für eine globale Regierungsarchitektur. So identifizierte eine holländische Studie in 2017 nicht weniger als 144 Institutionen und Organisationen, die mit natürlichen Ressourcen und Rohstoffen zu tun haben. Aber diese globale Regierungsarchitektur ist durch eine hohe Fragmentierung und einen Mangel an Effizienz sowie weltweiter Koordination zwischen diesen Organisationen, Institutionen und Foren gekennzeichnet.

Bereits in den letzten Jahren haben sich die internationalen Herausforderungen durch den weltweiten Ausbau der EE, anderer „grüner Technologien“, der Digitalisierung aller Industriesektoren („Industrie 4.0“) sowie bei Batterietechnologien oder Künstlicher Intelligenz (KI) weiter verschärft, da diese neuen Dekarbonisierungstechnologien sehr viel materialintensiver sind als jene der alten fossilen Energiewirtschaft und somit weitaus mehr KR benötigen. Dabei ist die Markt- und Angebotskonzentration für viele für die Energiewende benötigten mineralischen Rohstoffe und deren Zwischenprodukte weit oberhalb der als kritische Marke von >2.500 beim „Herfindahl-Hirschmann-Index (HHI)“ gekennzeichnet. So mahnte denn auch der BDI in 2017: „Ohne Rohstoffe keine Energiewende, keine Elektromobilität, keine Digitalisierung, schlussendlich keine Industrie 4.0.“

Gleichzeitig ist das globale Angebot vieler KR jedoch auf wenige und zudem oft politisch instabile Länder begrenzt, während sich der globale Wettbewerb bei Zugang zu sowie Zugriff auf diese KR künftig noch erheblich zu verschärfen droht. Zwar gibt es zumeist keine akuten geologischen Beschränkungen einer Ressourcenverfügbarkeit weder bei SE noch bei anderen KR, wohl aber bei der konkreten Förderung, Weiterverarbeitung oder dem Recycling, da diese durch zahlreiche Probleme (wie instabile Förderländer, restriktive Umweltregulierungen, das Fehlen von Good Governance, eines Ressourcennationalismus u.a. Faktoren) realpolitisch und ökonomisch oft beschränkt sind.

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