Auch osteuropäische Konsumenten profitieren von Nord Stream 2

Gasversorgung: Abb. 2: Preisdifferenzen im Referenzfall in 2030 (Szenario ohne NSP2 minus Szenario mit NSP2)
Abb. 2: Preisdifferenzen im Referenzfall in 2030 (Szenario ohne NSP2 minus Szenario mit NSP2) (Bildquelle: Energiewirtschaftliches Institut (EWI) an der Universität zu Köln)

Da LNG-Importe im Großen und Ganzen teurer sind als Pipeline-Importe aus Russland, hat die Nutzung von Nord Stream 2 somit einen preisdämpfenden Effekt auf den europäischen Gasmarkt. Dies gilt auch für die Staaten, die nur indirekt Gas über die Pipeline beziehen. Hierzu zählt insbesondere Deutschlands östlicher Nachbar Polen: Bei einer Nutzung von Nord Stream 2 liegt der durchschnittliche, mengengewichtete Gaspreis in Polen im Jahr 2030 ca. 5 % unter dem Gaspreis, der sich ohne die zusätzliche Bezugsroute einstellen würde. Somit profitiert Polen in ähnlichem Umfang von Nord Stream 2 wie Deutschland, die Niederlande oder Dänemark. Aber auch in den anderen Visegrád-Staaten und im Baltikum sinken die Gaspreise durch eine Nutzung der neuen Ostseepipeline, wenn auch naturgemäß etwas geringer als in Ländern in unmittelbarer Nähe.

Die Modellrechnungen zeigen außerdem, dass es in diesem Szenariovergleich kein EU-Land gibt, das eine Preissteigerung zu befürchten hätte. Abb. 2 veranschaulicht die relative Preisdifferenz je Land zwischen dem kontrafaktischen Szenario ohne Nord Stream 2 und dem Referenzszenario mit Nord Stream 2 für das Jahr 2030.

Gut integrierter EU-Gasbinnenmarkt ist Schlüssel für breite Verteilung der Wohlfahrtsgewinne

Investitionen in Grenzkuppelkapazitäten, die Umrüstung von Pipelines zur bi-direktionalen Durchleitung von Gas, die Umsetzung der Network Codes sowie zusätzliche Speicher und LNG-Terminals haben die Flexibilität des europäischen Gassystems in den letzten Jahren deutlich erhöht. Diese Investitionen leisten einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Versorgungssicherheit für alle Mitgliedstaaten und verbessern die Effizienz des gemeinsamen Marktes. Das in die EU gelieferte Gas kann nicht nur frei gehandelt, sondern auch leicht über Ländergrenzen hinweg verteilt werden. Dies hat nicht zuletzt dafür gesorgt, dass sich Wohlfahrtsgewinne über den gesamten Binnenmarkt verteilen können.

Dass sich diese Maßnahmen auszahlen verdeutlichen auch die Modellrechnungen: Die in Abb. 1 dargestellten Gasflüsse zeigen, dass Gas in Europa Preissignalen folgt und somit frei fließen kann. Gasflüsse sind nicht wie in der Vergangenheit an Himmelsrichtungen gebunden, bspw. von Ost nach West. Des Weiteren verdeutlicht die Abbildung, dass Deutschland im Referenzszenario zum Transitland für über Nord Stream 2 geliefertes Erdgas wird und dieses an die Nachbarmärkte weiterverteilt. Dadurch profitiert nicht nur Deutschland als direkt an Nord Stream 2 angebundener Staat von den positiven Preis- und Wohlfahrtseffekten, sondern auch insbesondere viele der direkten und indirekten Nachbarn wie Polen, die Niederlande oder Dänemark. Insgesamt sinkt der EU-weite mengengewichtete Erdgaspreis im Referenzszenario mit Nord Stream 2 um ca. 0,8 €/MWh gegenüber dem Szenario ohne Nord Stream 2. Für die europäischen Konsumenten im Ganzen bedeutet dies im Jahr 2030 einen Wohlfahrtsgewinn von rund 3,8 Mrd. € [10].

Aus ökonomischer Sicht stellt die Inbetriebnahme und Nutzung der Nord Stream 2 Pipeline eine zusätzliche, kostengünstige Route für Gasimporte dar, die einen Wohlfahrtsgewinn für die europäischen Erdgaskonsumenten ermöglicht. Die Rechnungen zeigen zudem, dass auch mit Nord Stream 2 das UGTS in Zukunft weiter erforderlich sein wird, um den Gasbedarf der EU möglichst kostengünstig zu decken.

Fazit

Die Ergebnisse mehrerer Szenario-Simulationen unter Verwendung des EWI-Gastransportmodells TIGER [11] zeigen, dass der Betrieb von Nord Stream 2 die Erdgaspreise für europäische Verbraucher senkt. Außerdem wird durch die Simulation deutlich: Auch mit Nord Stream 2 besteht weiter Bedarf für die ukrainische Route. Diese trägt ebenfalls zu niedrigeren Erdgaspreisen in Europa bei, da sie einen stärkeren Wettbewerb zwischen russischem Pipelinegas und LNG-Importen ermöglicht. Aus europäischer Sicht ist daher der Betrieb beider Korridore ökonomisch sinnvoll.

Anmerkungen

[1] Plus Belarus, Bosnien-Herzegowina, Großbritannien, Nordmazedonien, Norwegen, Schweiz, Serbien, Ukraine und Türkei.

[2] Die Analyse baut auf einer Untersuchung von Hecking und Weiser (2017) “Impacts of Nord Stream 2 on the European Natural Gas Market“ auf und erweitert sie um die Relaxierung der in der Studie angenommenen Kapazitätsrestriktionen für Gastransite durch die Ukraine, welche in Hecking und Weiser (2017) auf 30 Mrd. m³/Jahr begrenzt wurden. Die Annahmen der Studie wurden zudem an die aktuellen Entwicklungen in 2019 angepasst.

[3] Z.B.: Lochner, S.: The Economics of Natural Gas Infrastructure Investments – Theory and Model-based Analysis for Europe. Dissertation, Universität zu Köln, 2012.

[4] ENTSO-G: Ten-Year Network Development Plan. URL: https://www.entsog.eu/tyndp#entsog-ten-year-network-development-plan-2018 (zuletzt abgerufen am 07.04.2020). Verwendung des Sustainable Transition Szenarios exklusive der Nachfrage nach Biomethan.

[5] ENTSO-G: Ten-Year Network Development Plan. URL: https://www.entsog.eu/tyndp#entsog-ten-year-network-development-plan-2018 (zuletzt abgerufen am 07.04.2020).

[6] Eine detaillierte Übersicht über die der Studie zugrundeliegenden Annahmen ist im Anhang des Kurzberichts von Frontier Economics und EWI (2020) zu finden.

[7] https://www.ewi.uni-koeln.de/de/modelle/columbus/

[8] KPMG: Situation of the Ukrainian natural gas market and transit system. 2017.

[9] http://www.gazpromexport.ru/en/statistics/

[10] Unterschiede zu Hecking und Weiser (2017) resultieren aus unterschiedlichen Annahmen hinsichtlich der Transportkapazität des UGTS sowie einer Aktualisierung der Fundamentaldaten (Angebot und Nachfrage, z.B. globale Verflüssigungskapazität). Alle Annahmen befinden sich im Anhang des Kurzberichts (Auswirkungen von Infrastruktur-Investitionen wie der Nord Stream 2 auf den europäischen Gasmarkt. April 2020).

[11] Die Simulationsergebnisse sind Teil eines ausführlichen ökonomischen Gutachtens zu den Auswirkungen der Nord Stream 2-Pipeline auf den europäischen Gasmarkt, welches das Beratungsunternehmen Frontier Economics Ltd. in Zusammenarbeit mit dem EWI im Rahmen des Antrags der Nord Stream 2 AG auf Freistellung von der Energieregulierung der Europäischen Union (EU) gemäß der Richtlinie (EU) 2019/692 erstellt haben. Das EWI war im Rahmen des Gutachtens für die Simulation und ökonomische Analyse der Nord Stream 2-Pipeline zuständig. Zudem wurde das Gutachten in einem Kurzbericht mit dem Titel: „Auswirkungen von Infrastruktur-Investitionen wie der Nord Stream 2 auf den europäischen Gasmarkt“ im April 2020 veröffentlicht.

Dr. S. Schulte, Manager & Leiter Gasmärkte, D. Schlund und M. Schönfisch, Wissenschaftliche Mitarbeiter, Energiewirtschaftliches Institut (EWI) an der Universität zu Köln, Simon.Schulte@ewi.uni-koeln.de

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