Konstantin von Oldenburg, Geschäftsführer VNG Handel & Vertrieb GmbH, Leipzig

Konstantin von Oldenburg, Geschäftsführer VNG Handel & Vertrieb GmbH, Leipzig (Bildquelle: VNG)

„et“: Digitalisierung ist ein schillernder Begriff, was verstehen Sie im Zusammenhang mit Ihrem Geschäft darunter?

von Oldenburg: Vereinfacht verstehen wir darunter zwei grundsätzliche Aspekte. Zum einen sind die eigenen internen Prozesse möglichst entlang des gesamten Geschäftsverlaufs zu automatisieren, was wiederum eine gewisse Standardisierung z. B. von Produkten erfordert. Ohne Digitalisierung der eigenen Prozesse könnten wir die in den letzten Jahren signifikant gestiegene Anzahl von Geschäften bei gleichzeitig gesunkener, zur Verfügung stehender Bearbeitungszeit nicht umsetzen. Dadurch erhöhen wir auch unsere Kosteneffizienz und sind somit wettbewerbsfähiger. Zum anderen prüfen wir auch die nach außen gerichteten Prozesse, um auch diese sinnvoll zu automatisieren. Nehmen Sie z.B. unser Businessportal, welches 2001 als Plattform für die Übermittlung von Allokationsdaten begann und mittlerweile vielfältige Funktionen zusammenfasst, bis hin zum Online-Kauf. In der Schnittstelle zum Kunden liegen die größten Herausforderungen für digitale Prozesse. Denn die Akzeptanz beim Kunden für neue Funktionalitäten wird nur erreicht, wenn diese zu seinen eigenen Prozessen komplementär sind und er tatsächlich substanzielle Vorteile daraus erzielen kann. Die gestiegene Volatilität im Gasmarkt bietet sowohl Lieferanten als auch Kunden eine Vielzahl von Chancen für die Portfoliobewirtschaftung, die jedoch ohne Digitalisierung nicht gehoben werden können. Neben dieser vereinfachten Darstellung steht natürlich die Frage, welche neuen Geschäftsmodelle sich aus den digitalen Möglichkeiten ergeben.

 „et“: Beim Strom hat der Ausbau der erneuerbaren Energien zu neuen Anforderungen an das Handelsgeschäft geführt, es ist volatiler und kurzfristiger geworden. Wie ist die Entwicklung beim Gashandel?

 von Oldenburg: Die Volatilität im Gasmarkt ist ebenfalls stark gestiegen, was neben den Risiken eben gerade auch eine Vielzahl von Chancen für die Bewirtschaftung unseres Portfolios erlaubt. Letzteres lässt sich aufgrund der Größe nur durch standardisierte und entsprechend digitalisierte Prozesse verwirklichen. Und die Entwicklung bleibt selbstverständlich nicht stehen. Wir testen gerade die Verwendung „automatisierter Routinen“, um in bestimmten Standardsituationen die Möglichkeiten des Algo-Tradings zu nutzen.

 „et“: Gibt es eine Digitalisierung des Energieeinkaufs durch Großverbraucher und Weiterverteiler auch beim Gas?

 von Oldenburg: Auch auf Kundenseite sehen wir einen verstärkten Trend zur Digitalisierung. Neben dem angesprochenen Online-Kauf implementieren wir gerade ein Portlet zur Tranchenfixierung in unser Businessportal. Damit können Kunden die im Rahmen ihres Vertrages vereinbarten Tranchen preislich fixieren und wieder de-fixieren. Das ermöglicht es dem Kunden ebenfalls, Prozesskosten zu optimieren. Aber auch unabhängige Plattformen, auf denen Kunden ihren Gasbedarf ausschreiben können, etablieren sich am Markt. Diese bilden eine genormte Schnittstelle zwischen den Anforderungen des Kunden und den verschiedenen Lieferanten. Für Kunden wird der Prozess vereinfacht und sie erhalten ein transparentes Bild der Angebotssituation. Da der Vertragsschluss über die Plattform erfolgt, können theoretisch über die entsprechenden Schnittstellen die Vertragsdaten zum Kunden und zum Lieferanten übertragen und nahtlos in die jeweiligen Systeme migriert werden. Allerdings lohnen sich solche Systeme nur für Kunden, die sehr häufig größere Gasmengen ausschreiben wollen. Ein Industriebetrieb, der einmal im Jahr einen Liefervertrag schließen will, ist nicht die Zielgruppe. Für ein solches Unternehmen ist dann eher unser Online-Kauf sinnvoll.

„In der Schnittstelle zum Kunden liegen die größten Herausforderungen für digitale Prozesse. Denn die Akzeptanz beim Kunden für neue Funktionalitäten wird nur erreicht, wenn diese zu seinen eigenen Prozessen komplementär sind und er tatsächlich substanzielle Vorteile daraus erzielen kann. Die gestiegene Volatilität im Gasmarkt bietet sowohl Lieferanten als auch Kunden eine Vielzahl von Chancen für die Portfoliobewirtschaftung, die jedoch ohne Digitalisierung nicht gehoben werden können.“ Konstantin von Oldenburg, Geschäftsführer VNG Handel & Vertrieb GmbH, Leipzig


„et“: Was gibt es jetzt noch an neuen Produkten und Dienstleistungen?

von Oldenburg: Neben den vereinfachten Prozessen im Rahmen der Digitalisierung dürfen wir nicht vergessen, dass für die Erdgasbeschaffung und die Bewirtschaftung von Portfolien eine gute Marktkenntnis erforderlich ist. Dementsprechend haben wir zur diesjährigen E-world den VNG Analysten Call in den Markt eingeführt. Dieser Analysten Call ist eine Webkonferenz, bei der wir die Marktentwicklung der für uns wichtigen Commodities wie Erdgas, Öl, CO2 usw. der vergangenen 14 Tage analysieren und anschaulich erklären. Zielgruppe für diese Dienstleistung sind Kunden ohne eigene Analyseabteilung, die sich einen detaillierten Marktüberblick verschaffen wollen.
 „et“: Digitalstrom ist mittlerweile ein gängiger Begriff, wann kommt das „digitale“ Gas?
von Oldenburg: Bei allen technischen Entwicklungen ist es wichtig, ob und wie sie vom Markt und vom Kunden angenommen werden. Wenn sie keine Vorteile bieten, setzen sie sich auch nicht durch. Natürlich denken wir auch darüber nach, aber wir können aktuell nicht feststellen, dass der Markt dafür bereit ist.

„et“: Welche Perspektiven sehen Sie für grünes Gas?

von Oldenburg: Im Rahmen der Energiewende dürfen wir uns nicht nur auf den Strom konzentrieren, sondern müssen auch das Gas in die Überlegungen einbeziehen. Wir haben in Deutschland eine exzellente Gasinfrastruktur mit einem annähernd flächendeckenden Gasleitungsnetz und modernen Erdgasspeichern. Es ist volkswirtschaftlich mehr als empfehlenswert, diese Infrastruktur weiter zu nutzen. Sie eröffnet relativ einfach die Möglichkeit, Erdgas sukzessive durch grüne Gase wie Biomethan oder synthetischem Gas aus regenerativem Strom oder Wasserstoff zu ersetzen. Wir gehen davon aus, dass Gas auch weiterhin eine wichtige Säule im Rahmen der Energieversorgung spielen wird. Heute ist es noch reines Erdgas, aber es wird einen stetig wachsenden grünen Anteil haben.

„et“: Herr von Oldenburg, vielen Dank für das Interview. 

et-Redaktion

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