Prof. Dr. Karen Pittel, Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, Mün-chen

Prof. Dr. Karen Pittel, Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, München (Foto: ifo)

„et“: Was kommt heraus, wenn man den Abschlussbericht am energiepolitischen Zieldreieck Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz misst?

Pittel: Diese Frage kann meines Erachtens nicht pauschal beantwortet werden. Entscheidend wird sein, wie die Politik die Empfehlungen der Kohlekommission umsetzt. Absehbar ist allerdings eine Erhöhung der Börsenstrompreise, die vor allem Unternehmen treffen wird. Haushalte werden dagegen weniger betroffen sein, da ein Anstieg der Börsenstrompreise durch einen entsprechenden Rückgang der EEG-Umlage ausgeglichen wird.

Rückwirkungen auf die Versorgungssicherheit hängen schlussendlich davon ab, ob es gelingt, kurzfristige Erzeugungslücken zu schließen. Bis 2022, so der aktuelle Plan, sollen knapp 30 % der Kohlekapazitäten abgeschaltet werden. Gleichzeitig gehen die verbleibenden Kernkraftwerke vom Netz. Im Jahr 2018 waren Kohle und Atomenergie aber noch für mehr als die Hälfte der Nettostromerzeugung verantwortlich, Solar und Wind dagegen nur für ein Viertel. Soll die Erzeugungslücke durch erneuerbare Energien geschlossen werden, muss der Ausbau entsprechend erheblich beschleunigt werden. Bis 2022 stehen schließlich nur noch wenige Jahre zur Verfügung. Inwieweit der politische Wille dafür da ist, bleibt abzuwarten.

Zudem besteht die Gefahr, dass zumindest ein Teil der wegfallenden Kapazitäten durch eine höhere Auslastung weiterlaufender Kohlekraftwerke kompensiert wird. Ein Ersatz von Kohle durch Erdgas als primäre Energiequelle für wind- und sonnenarme Tage wird aber nur bei entsprechend hohen Preisen für CO2-Zertifikate stattfinden. Womit wir direkt bei der Klimaschutzwirkung des Kohleausstiegs wären.

Umstrittene Klimaschutzwirkung

„et“: Wie stark diese sein wird, ist in der Diskussion ein sehr umstrittener Punkt.

Pittel: Wie stark die CO2-Emissionen zurückgehen, hängt von den Maßnahmen ab, die den eigentlichen Kohleausstieg begleiten. Für sich genommen senken die wegfallenden Emissionen der stillgelegten Kraftwerke die Nachfrage nach Zertifikaten im europäischen Emissionshandelssystem. Dies wiederum drückt die Preise der Zertifikate. Die Wettbewerbsfähigkeit der verbleibenden Kohlekraftwerke in Deutschland wie im Rest Europas verbessert sich damit ungewollt. Zumindest ein Teil der überschüssigen Zertifikate wird von anderen Emittenten genutzt werden.

Im Rahmen des europäischen Emissionshandels ist es zwar möglich, Emissionszertifikate stillzulegen, wenn Kraftwerke aufgrund nationaler Maßnahmen stillgelegt werden. Die Kohlekommission hat den Kohleausstieg aber nicht verpflichtend an eine solche Stilllegung geknüpft. Die gerade beschriebene Verlagerung von Emissionen innerhalb des Energiesektors oder in andere Sektoren kann damit nicht ausgeschlossen werden.

Es muss zudem befürchtet werden, dass aufgrund des Kohleausstiegs eine gewisse Lethargie eintritt, Emissionsreduktionen auch in anderen Sektoren konsequent voranzutreiben. Zuweilen erscheint die Ansicht vorzuherrschen, dass der härteste Teil der Dekarbonisierung mit dem Kohleausstieg geschafft sei. Kohle ist aber nur für etwas mehr als ein Drittel der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich. Das Ziel, die Emissionen bis 2050 um 80-95 % zu reduzieren, liegt damit selbst bei konsequenter Umsetzung des Kohleausstiegs immer noch in weiter Ferne.

„Wie stark die CO2-Emissionen zurückgehen, hängt von den Maßnahmen ab, die den eigentlichen Kohleausstieg begleiten. Für sich genommen senken die wegfallenden Emissionen der stillgelegten Kraftwerke die Nachfrage nach Zertifikaten im europäischen Emissionshandelssystem. Dies wiederum drückt die Preise der Zertifikate. Die Wettbewerbsfähigkeit der verbleibenden Kohlekraftwerke in Deutschland wie im Rest Europas verbessert sich damit ungewollt. Zumindest ein Teil der überschüssigen Zertifikate wird von anderen Emittenten genutzt werden.“

Prof. Dr. Karen Pittel, Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Res-sourcen, München

„et“: Inwiefern werden durch den Kohleausstieg tatsächlich Emissionen gemindert und nicht durch Stromimporte konterkariert?

Pittel: Wie gesagt, die tatsächliche Minderung der Emissionen hängt von der Interaktion mit dem europäischen Emissionshandel ab. Im Grunde ist es dadurch unerheblich, ob CO2-haltiger Strom aus anderen EU-Ländern importiert wird. Die Gesamtmenge der Emissionen wird über den Emissionshandel bestimmt.

Die primäre Zielsetzung des Kohleausstiegs scheint allerdings auch nicht zu sein, die europäischen Emissionen zu mindern. Es sind die deutschen Emissionen, die im Mittelpunkt des Interesses stehen. Da Emissionen aus importiertem Strom Deutschland aber nicht angelastet werden, wird ihnen entsprechend wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Durch die Interaktion mit dem Emissionshandel kann es aber durchaus passieren, dass die deutschen Emissionen sinken, ohne dass wirklich etwas für das Klima getan wird. Die Importproblematik verdeutlicht dieses Dilemma nationaler Alleingänge sehr gut.

Zusatzkosten des Kohleausstiegs

„et“: Nun zu den Kosten: Um welche Zusatzkosten des Kohleausstiegs geht es?

Pittel: Offensichtliche Kosten, die direkt aus dem Ausstieg folgen, sind natürlich die finanziellen Hilfen für den Strukturwandel und die anvisierten Kompensationen für die Kohleindustrie. Inwieweit sich die Industrie mit ihrem Ruf nach finanzieller Unterstützung aufgrund steigender Strompreise durchsetzt, bleibt abzuwarten. Zusätzlich, und weniger offensichtlich, entstehen Zusatzkosten dadurch, dass der Ausstieg aus der Kohle quasi in Schüben erfolgen wird. Entsprechend muss der Ausbau erneuerbarer Energien in den kommenden Jahren extrem forciert werden und zudem die notwendigen Back-Up Kapazitäten geschaffen oder aktiviert werden. Diese zeitliche Ballung erhöht automatisch die Kosten.

Verzögern sich aufgrund des Kohleausstiegs Maßnahmen in anderen Sektoren, wird dies die langfristigen Kosten des Klimaschutzes weiter nach oben treiben. Studien der deutschen Wissenschaftsakademien ebenso wie des Bundes der deutschen Industrie gehen davon aus, dass die Mehrkosten einer Reduzierung der Emissionen um 85 % zwischen 500 und 2.000 Mrd. € betragen werden. Der Kohleausstieg lässt diese sowieso schon immensen Summen weiter ansteigen. Die 40 Mrd. € Strukturhilfen bis 2038 sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Immerhin geben wir bereits heute fast 25 Mrd. € pro Jahr für die Förderung der erneuerbaren Energien durch das EEG aus.

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