ew-Magazin Ausgabe 9/2019 | Titelthema Erneuerbare Energien

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Drastischer Einbruch mit Ansage

»Viel Sonne und Wind sorgen für Stromrekorde«. So bewertete das Umweltbundesamt die aktuellen Zahlen der Arbeitsgruppe Erneuerbare-Energien-Statistik (AGEE-Stat) über die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im ersten Halbjahr 2019. Demnach wurden in den ersten sechs Monaten 2019 rund 129 Mrd. kWh Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt – rund 10 % mehr als im ersten Halbjahr 2018. Damit setzt sich der Anstieg der Vorjahre weiter fort: Wurden im Jahr 2018 bereits 38 % des Stromverbrauchs in Deutschland durch erneuerbare Energien gedeckt, stieg dieser Wert im ersten Halbjahr 2019 nochmals deutlich an und liegt nach vorläufigen Schätzungen bei rund 44 %. Mit 54,9 Mrd. kWh und einer Steigerung von 18 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist die Windenergie an Land die wichtigste Stütze dieser Entwicklung.

Soweit die positive Nachricht. Perspektivisch ist die Lage bei der Windenergie an Land jedoch bereits sei längerer Zeit dramatisch, und sie spitzt sich weiter zu. Nach Auswertung der Fachagentur Windenergie an Land war das erste Halbjahr 2019 das schwächste Halbjahr des Windenergieausbaus seit dem Jahr 1998. Dies zeigt die Auswertung der im Marktstammdatenregister erfassten Inbetriebnahmezahlen: Zwischen Januar und Juni 2019 gingen lediglich 81 Windenergieanlagen mit 271 MW Leistung in Betrieb – ein Minus von fast 90 % gegenüber dem Halbjahresdurchschnitt vorangegangener Jahre.

Dieser drastische Einbruch ist dabei kein plötzlich auftretendes Phänomen – wie manch aktionistisches Handel einzelner Politiker aktuell vermuten lassen mag. Er ist vielmehr der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits ab dem zweiten Quartal 2018 deutlich wurde und sich zunehmend zuspitzte. Und auch die Gründe sind offensichtlich. Dies liegt unter anderem am anfangs falsch zugeschnittenen Auktionsmodell mit umfassenden Sonderregeln für Bürgerenergiegenossenschaften. So gingen laut Fachagentur Windenergie an Land im Ausschreibungsjahr 2017 über 90 % der Förderzusagen an immissionsschutzrechtlich noch nicht genehmigte Windprojekte. Von diesen Anlagen mit 2 688 MW Leistung wurden jedoch bis Juni 2019 erst 167 MW genehmigt und dem Zuschlag zugeordnet, sodass die Errichtung dieser Anlagen möglich wird.

Auch die weiteren Gründe sind auf politisches Missmanagement zurückzuführen: die unzureichende Flächenbereitstellung in den Bundesländern zum Beispiel durch den erst im vergangenen Jahr verabschiedeten Windenergieerlass in NRW oder die schon länger gültige 10-H-Regelung in Bayern sowie der Genehmigungsstau. Laut Bundesverband Windenergie stecken derzeit Windenergieprojekte mit insgesamt 11 000 MW Leistung im Genehmigungsverfahren fest. Dabei sei der Natur und Artenschutz mit weitem Abstand der Hauptklagegrund gegen Windenergieprojekte, aber auch militärische Belange und UKW-Drehfunkfeuer stellten bedeutende Genehmigungshemmnisse dar.

Hierfür sind dringend Lösungen erforderlich und es bleibt zu hoffen, dass den Ankündigungen aus der Politik auch konkrete Taten folgen werden. Denn der Windenergie an Land drohen schon bald neue Herausforderungen: Ab dem Jahr 2021 fallen Bestandsanlagen sukzessive aus der EEG-Fördersystematik. Laut Bundesverband Windenergie geht es dabei bis zum Jahr 2025 um rund 16 000 MW Windenergieleistung. Auch dies ist kein plötzlich auftretendes Phänomen. Es ist daher ratsam, auch hierfür bereits jetzt flexible und praktikable Lösungen zu finden, um ein Repowering und einen Weiterbetrieb zu gewährleisten. Diese Chance sollte bei dem von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier angekündigten Windenergiegipfel nicht vertan werden.

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Martin Heinrichs, Chefredakteur ew-Magazin