Bild zur Versorgungssicherheit

Herr Heitmüller, zu Beginn der Energiewende lag der politische Fokus zunächst auf der Stromwirtschaft. Was hat die Gaswirtschaft in den vergangenen Jahren beschäftigt?

Heitmüller: Die vergangenen Jahre waren für die Gaswirtschaft besonders intensiv. Wir haben in der Branche erfolgreich dafür gekämpft, dass die Politik die wichtige Rolle von Erdgas als Energieträger der Zukunft anerkennt. Mit Erfolg, denn Erdgas ist heute Teil der Lösung. Dazu gehört auch, dass wir Erdgas Schritt für Schritt vergrünen wollen – zunächst durch mehr Anteile von Biomethan, später durch aus erneuerbaren Energien erzeugten Wasserstoff oder synthetisches Methan. Dabei hilft uns die Gasinfrastruktur, die bereits heute in der Lage ist, erneuerbare Energien in großen Mengen zu speichern. Ziel ist es, für die anstehende Transformation der Gaswirtschaft hin zu erneuerbaren Gasen einen entscheidenden Beitrag zu leisten.

Mit welcher Perspektive agieren Sie heute?

Heitmüller: Auch VNG hat sich in den vergangenen drei Jahren umfassend restrukturiert und neu aufgestellt. Mit der strategischen Ausrichtung »VNG 2030+« haben wir für das Unternehmen ein konkretes Zukunftsbild geschaffen. Insgesamt möchten wir zum Gestalter einer grünen, digitalen und gasbasierten Zukunft werden. Dafür optimieren wir etablierte Geschäftsbereiche und entwickeln gleichzeitig neue Geschäftsfelder.

Die Gasversorgung ist ein Importgeschäft. Welche Entwicklungen beobachten Sie bei den Lieferländern?

Heitmüller: Obwohl wir in Europa bestrebt sind, die Gaslieferländer stärker zu diversifizieren, sind die Möglichkeiten dafür beschränkt. In den vergangenen Jahren hat Deutschland seine Gasimporte aus Norwegen ausgeweitet. Allerdings fördert Norwegen bereits auf Rekordniveau in einem stark ausgelasteten System, sodass von dort keine großen Zuwächse zu erwarten sind. Die Niederlande beenden ihre Förderung aus Groningen bis zum Jahr 2030. Damit bleiben überwiegend russisches Pipelinegas und LNG als künftige Quellen, wobei LNG momentan noch deutlich teurer als Gas aus Russland ist. Mit der neuen Pipeline Nord Stream 2 bekommen wir ein weiteres Transportsystem für zusätzliche Gasmengen. Damit können wir eine rückgängige Förderung kompensieren und der Markt wird robuster.

Im Zuge der Dekarbonisierung wird sich aber auch der Energieträger Gas verändern müssen. Wie bereiten Sie sich da­rauf vor?

Heitmüller: Gas wird zunehmend grüner. So können wir beispielsweise CO2-neutrales Biogas schon heute ins Gasnetz einspeisen oder dort den Anteil an Wasserstoff erhöhen. Gas wird in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr weiterhin eine Relevanz haben – mit steigender Bedeutung von grünem Gas und rückläufigem fossilen Anteil. Als Gasinfrastrukturbetreiber sind wir anpassungsfähig. In den Netzen und Speichern unserer Tochtergesellschaften Ontras und VNG Gasspeicher können wir künftig erneuerbare Energien in großen Mengen speichern.

Bei den erneuerbaren Energien haben sich Windenergie und Photovoltaik gegenüber Biogas durchgesetzt. Sehen Sie noch Chancen für ein Wachstum bei Biogas?

Heitmüller: Im Biogassektor kämpfen derzeit viele Betreiber mit der Wirtschaftlichkeit ihrer Anlagen. Das hat aber nach unserer Wahrnehmung nicht immer mit dem politischen Rahmen zu tun, sondern oft eher mit der technischen Betriebsführung. Die Erzeugung von Biogas ist sehr komplex. Schlüsselfaktoren sind das richtige Substrat und eine regelmäßige Wartung der Anlagen. Unsere Biogas-Tochter Balance VNG verfügt über das nötige technische Know-how, um Biogasanlagen zu optimieren und beabsichtigt hier kontinuierlich zu wachsen.

Dennoch liegt der Schwerpunkt der erneuerbaren Energien derzeit auf fluktuierender Stromerzeugung, die unbedingt ein Back-up benötigt. Als Gasversorger sind Sie einer der größten Speicherbetreiber in Deutschland. Erwarten Sie neue Impulse für den Betrieb von Gasspeichern?

Heitmüller: Aus volkswirtschaftlicher und technischer Sicht ist es nicht sinnvoll, die Strominfrastruktur massiv auszubauen, obwohl mit der Gasinfrastruktur – also Speicher und Netze – bereits eine sichere und flexible Speichermöglichkeit für erneuerbare Energien vorhanden ist. Aber aus betriebswirtschaftlicher Sicht stellt sich die Situation für unsere Speicher derzeit vor allem aufgrund zu geringer Sommer-Winter-Preis-Spreads als sehr herausfordernd dar. Gasspeicher lassen sich zurzeit nur schwer wirtschaftlich betreiben. Wir sehen aber in der Perspektive durchaus einen Bedarf, kurzfristig große Energiemengen aufzunehmen. In den Kavernenspeichern von VNG Gasspeicher können wir über Power-to-Gas künftig erneuerbare Energie speichern.

Völlig unabhängig von der Energiewende müssen Sie sich gerade in Ostdeutschland mit einem weiteren Trend auseinandersetzen – dem demografischen Wandel und der Landflucht. Was tut sich im Bereich Stadtentwicklung?

Heitmüller: Speziell in Ostdeutschland führen der demografische Wandel und die Abwanderung aus ländlichen Gebieten in die Städte oft dazu, dass hier eigene Quartierskonzepte benötigt werden. Als VNG nehmen wir uns gemeinsam mit unserer Tochter VNG ViertelEnergie und deren Partnerunternehmen Tilia aus Leipzig diesem Thema an. In enger Zusammenarbeit mit den Kommunen, mit regionalen Wohnungsbaugesellschaften und mit Stadtwerken erarbeiten wir individuelle Konzepte für die Versorgung und Entwicklung von Quartieren – beispielsweise auf der Basis von Blockheizkraftwerken und Nahwärmenetzen. Dazu gehören dann auch eine digitale Infrastruktur, eine moderne Straßenbeleuchtung oder Ladestationen für die Elektromobilität. Es geht also um die komplette Wertschöpfung aus einer Hand, von der Konzeptionierung über die Umsetzung bis hin zum Betrieb.

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