Campuslösungen können Verteilnetze stabilisieren - Seite 2

np: Hier will demnach Schneider Electric eine wichtige Rolle spielen?

Frei: Wir spielen bereits eine wichtige Rolle. In anderen Ländern, z. B. auch den USA, haben wir einige Referenzanwendungen erfolgreich umgesetzt. Das mag auch daran liegen, dass dort die Netzstabilität wesentlich geringer ist als hierzulande. Wir haben z. B. Lösungen, die das System im Inselbetrieb stabil halten und es später auch wieder stabil ans Netz koppeln. EcoStruxure Microgrid Operation und EcoStruxure Microgrid Advisor sind aktuelle Anwendungen, die wir heute am Markt installieren und als Referenzen haben.

np: Wie sehen Sie dabei die Rolle der Photovoltaik?

Frei: Photovoltaik ist extrem wichtig. Wir glauben, bis zum Jahr 2030 wird die Solarenergie günstiger sein als die fossile Energie. Die Effizienz wird noch gesteigert werden, und der Prosumer-Gedanke des Produzierens für den Eigenbedarf oder die Abgabe ans Netz wird zudem zu einer Steigerung des Einsatzes der Photovoltaik beitragen.

np: Im Hinblick auf die Stabilität der Netze wird es also auch wichtig sein, den selbsterzeugten Solarstrom selbst zu nutzen?

Frei: Ja, natürlich. Eigenverbrauch und Prosumertum mildern vor allem auch dem Zwang zum verstärkten Netzausbau in gewisser Weise. Schon ab 2020 werden die Subventionen gestrichen, und es wird ­immer mehr Besitzer von Photovoltaikanlagen geben, die ihren Eigenbedarf verstärkt auf diese Weise decken müssen. Mit entsprechendem Speicher und der Nutzung etwa für ein Elektroauto wäre eine Deckung von bis zu 80 % möglich. Schließlich baut doch die ganze Energiewende darauf, dass jedes Gebäude zum Energieerzeuger werden kann, sonst wird sie nicht gelingen.

np: Die Thematik – vor allem E-Mobility – wird aber nicht von heute auf morgen umgesetzt werden können?

Frei: Sicher nicht. Erst mit der Installation der entsprechenden Erzeuger und Verbraucher als System – Solaranlage, Wärmepumpe usw. – kann sich selbsterzeugte Energie rechnen. Mit Autarkiegraden von bis zu 40 %, wie ihn beispielsweise ein Kollege schon vor einiger Zeit mit Solaranlage und Speicher realisiert hat, rechnet sich das auch jetzt schon – vor allem, wenn wir uns anschauen, was im Strompreis alles so mit einkalkuliert ist: die EEG-Umlage usw.

np: Zum Thema Digitalisierung: Können Sie Leute verstehen, die angesichts der Digitalisierung auch bei der Stromversorgung in puncto Datensicherheit und Verbrauchsdatenerfassung skeptisch sind?

Frei: Natürlich kann ich das verstehen. Daten- und Cybersicherheit haben höchste Priorität. Verbrauchsdaten wurden auch im analogen Zeitalter schon immer erfasst. Sie bilden die Grundlage für die Rechnungsstellung. Die detaillierte Aufschlüsselung über die Verbräuche und Zeiten werden anonymisiert und personenunabhängig erfasst, um die Energieströme intelligent steuern zu können. Heute hinterlässt jeder Verbraucher beim Einkauf mit seiner Kreditkarte, Payback-Card oder im Internet Daten, die mindestens ebenso sensibel sind, ohne Bedenken. Ich verstehe den Wunsch nach Datenschutz. Speziell im Fall der Verbrauchsdatenerfassung dienen die Daten jedoch der Optimierung der Netze und damit letztlich dem Verbraucher selbst. Ein persönlicher Schaden kann im Normalfall nicht entstehen – ganz im Gegenteil: Es wird echter Mehrwert generiert. Gerade die europäische oder speziell die deutsche Haltung in puncto Datenschutz sind sicher begründet, manchmal schlägt das Pendel aber auch über.

np: Bezüglich dieser treffenden Bemerkung: Wie beurteilen Sie die Maßnahmen des BSI hinsichtlich Smart Meter Gateways?

Frei: Die manchmal überzogenen Vorkehrungen sind allein durch Verbraucherschutz hinsichtlich Datensicherheit begründet. Fälschungssicherheit von Daten wird in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen – nicht nur im Finanz­wesen und im Zahlungsverkehr! Andererseits wird eine Energiewende ohne den Einsatz vom Smart Metering nicht gelingen. Sicherheitsmaßnahmen müssen getroffen werden. Immerhin nimmt die Cyberkriminalität rapide zu, und wir müssen als Global Player unseren Beitrag zur Verhinderung leisten. Speziell im Fall der Smart Meter Gateways bekommen Verbraucher und EVU einen echten Nutzen. Der Anwender kann seine Haus­technik bedarfsgerecht steuern und Energie zum jeweils günstigsten Tarif beziehen und das EVU kann sein Netz bedarfsgerechter auslasten. In der Schweiz ist das schon gang und gäbe, in Deutschland mangelt es an einem Angebot entsprechender Tarife, die letztlich zu echten, geldwerten Einsparungen führen würden.

np: Welche wichtigen Neuigkeiten stellt Schneider Electric für die Energieversorgungsbranche in Hannover vor?

Frei: Zum einen »P5«, ein neues Schutzgerät, das mit nur einem Handgriff ein- und ausgebaut werden kann, zum anderen die »Advisor Suites« zur Optimierung des Netzes im Microgrid-Bereich sind die wohl wichtigen Neuerungen für den Energiebereich. Die Hannover Messe ist eher eine Industriemesse und auch in diesem Segment wird Schneider Electric Innovationen – vor allem in Apps- und Analytics-Bereich präsentieren.

np: Frau Dr. Frei, vielen Dank für das Gespräch.

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Dr. Wolfgang Böhmer
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