Projekt binnen drei Jahren realisiert

Bild 1. Die 150 m tiefen Erdsondenbohrungen fanden an bislang drei Stellen am Rande des Ortes statt

Bild 1. Die 150 m tiefen Erdsondenbohrungen fanden an bislang drei Stellen am Rande des Ortes statt (Quelle: Kozisek)

Bild 2. Die Netzpläne zeigen die Teilnetze von Rech-Nord (l.) und Rech-Süd. Rosa schraffiert sind die vier Sondenfelder, von denen „Süd 2“ noch nicht realisiert ist. Von den Trassen in Rech-Süd ist bislang nur der gelbe Bereich gebaut

Bild 2. Die Netzpläne zeigen die Teilnetze von Rech-Nord (l.) und Rech-Süd. Rosa schraffiert sind die vier Sondenfelder, von denen „Süd 2“ noch nicht realisiert ist. Von den Trassen in Rech-Süd ist bislang nur der gelbe Bereich gebaut (Quelle: Ortsgemeinde Rech)

Die Umsetzung des Projekts geschah – gemessen an vergleichbaren Projekten oder den vielen anderen Baustellen im Ahrtal – in Windeseile: Nachdem das Mainzer Umweltministerium den Kontakt zu Professor Giel hergestellt hatte, nahm alles Ende 2022 seinen Lauf. Zunächst wurde für die kommunale Projektkoordination mit der „Zukunft Mittelahr“ eine Gesellschaft öffentlichen Rechts gegründet, der die Gemeinden Rech, Dernau und Mayschoß angehören. Besitzer und Betreiber des Netzes wurde die Ortsgemeinde Rech. Als Berater waren die Energieagentur Rheinland-Pfalz und die Hochschule Mainz eingebunden. „Das Land und Umweltministerin Katrin Eder haben bei allem Wort gehalten; das war in einigen Phasen erfolgsentscheidend“, so Kozisek. Trotz Preisexplosion im Bausektor infolge des Ukraine-Krieges wurde die Finanzierung bewerkstelligt, sodass im Januar 2023 der Spatenstich erfolgen konnte.

Projekt unter Hochdruck abgeschlossen

Parallel wurden die Erdbohrungen vorgenommen und das Netz in Rech-Nord und teils auch in -Süd verlegt. Ende 2023 mussten die Bauarbeiten zunächst beendet werden, da der Förderzeitraum des EFRE-Fonds „React“ abgelaufen war, über den die Hälfte der Mittel stammten. „Wir bekamen zum Jahresende leider nicht ausreichend Baukapazitäten zusammen, um rechtzeitig fertig zu werden,“ so Kozisek zu einem der Gründe dafür. Am Schluss hätten zwei Monate Zeit gefehlt. Von den beiden Netzen sind aber immerhin vier Fünftel realisiert worden. Der Abschluss soll nun in einer weiteren Bauphase mit Unterstützung von Bundesmitteln finanziert werden. Ende April 2024 wurden die Planungen für den zweiten Bauabschnitt begonnen und bereits erste Gebäude angeschlossen. Da die beiden Teilnetze erst seit Mitte März 2024 in Betrieb sind, werden erste Betriebserfahrungen nach einer vollen Heizperiode im Frühjahr 2025 erwartet.

Die Investitionskosten des Projekts betragen im Endausbau etwa 4,5 Mio. €. Von den bislang investierten Mitteln wurden 50 % über den genannten europäischen EFRE-Fonds „React“ sowie 10 % über Gelder des Landes Rheinland-Pfalz finanziert. Der Rest wurde mit kommunalen Darlehen über die Verbandsgemeinde Altenahr auf dem Kapitalmarkt beschafft. Für den noch ausstehenden Bauabschnitt werde ebenfalls wieder eine Förderquote von bis zu 60 % benötigt.

Kunden profitieren von einer „Flatrate“

Das Wärmeprojekt bietet für die Bürger eine preiswerte und zukunftssichere Energieversorgung: Der Einzelne zahlt eine „Flatrate“ für den Netzanschluss sowie zusätzlich die Installation der Wärmepumpe, den Hausanschluss sowie die anfallenden Stromkosten. Die „Flatrate“ beträgt dabei 8 €/kW Leistung der Wärmepumpe im Monat. Bei einer 10-kW-Anlage sind dies jährlich also 960 € netto. Der Vorteil der Sondenfelder gegenüber Einzelbohrungen liege darin, dass hier nur etwa ein Drittel an Kosten anfielen. Nach zehn Jahren seien die Investitionskosten refinanziert und die „Flatrate“ sinke auf einen Betrag, womit die Gesellschaft den operativen Betrieb des Netzes finanzieren will.

Auch bei den Stromkosten hat der Kunde zum jetzigen Zeitpunkt mit überschaubaren Kosten zu rechnen: Sie betragen im Altbau aktuell bei 20 Ct/kWh Wärmepumpentarif etwa 1 500 bis 2 000 € im Jahr. Bei einem Neubau können es, laut Kozisek, durchaus auch nur 600 € sein – bei eigenem Photovoltaik-Strom oder Dämmmaßnahmen sogar noch weniger. Unterm Strich könne also ein Altbaubesitzer mit 2 300 bis 2 800 € jährlichen Netto-Wärmekosten rechnen. Dies entspricht einem Wärmepreis – je nach individuellem Heizverhalten – von 8 bis 10 Ct/kWh (brutto). „Wir sind unschlagbar günstig, weil wir die Preisvorteile direkt an unsere Kunden weitergeben“, freut sich Kozisek. Wenn dann noch die bis zu 70 % Förderung (KfW) zur Anschaffung einer Wärmepumpe genutzt würden, sei die Heizungsumstellung auch für finanziell nicht so gut gestellte Haushalte eine realistische Option.

Wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz

Die finanziellen Vorteile sind ein wichtiges Argument für die kalte Nahwärme. „Die Leute denken primär wirtschaftlich“, weiß Kozisek aus vielen Gesprächen, die er inzwischen nicht nur im gesamten Ahrtal, sondern auch an einigen Orten in der angrenzenden Eifel geführt hat. Darüber hinaus ist die neue Wärmeversorgung in Rech aber auch ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz: So kann im jetzigen Ausbauzustand jährlich ein Ausstoß von mehr als 1 t CO2 vermieden werden. Das durch die Flut geschädigte Dorf Rech wird so zum Schaufenster für klimaangepasste Technologien sowie Vorbild und Modellregion für viele weitere Kommunen.

Ein Signal hinaus ins Land

Bis 2035 sollen nun etwa die Hälfte der Gebäude in Rech angeschlossen sein. Dazu bedürfe es jährlich nur vier bis fünf neuer Wärmekunden. „Manche zögern vielleicht noch, weil sie nach der Flut eine neue Heizung gekauft haben, die sie jetzt nicht schon wieder rausreißen wollen“, vermutet Kozisek. Um das Ziel zu erreichen, setzt der Gemeinderat auf regelmäßige Information der Bürger und einen entscheidenden Faktor: „Die zahlreichen positiven Rückmeldungen der bereits angeschlossenen Haushalte werden am Ende alle Zweifler überzeugen. Alle Mitbürger, die diesen Weg bislang mit uns gegangen sind, sind sehr zufrieden mit Kosten und Leistung. Das ist unser stärkstes Argument“, so Kozisek.

Die Gemeinde erfährt viel Zuspruch angesichts ihrer Aktivitäten. Nahe der Behelfsbrücke des Technischen Hilfswerks parken Urlauber, die an modernen Straßenleuchten mit integrierten E-Ladevorrichtungen ihre Autos aufladen. Auch dies wäre ohne die kalte Nahwärme wohl nicht entstanden. Thomas Hostert, der parteilose Bürgermeister von Rech, ist glücklich über die gelungene Umsetzung: „Wir schicken das Signal hinaus ins Land, dass es möglich ist, eine zukunftsorientierte Wärmeversorgung zu realisieren, die zudem den CO2-Ausstoß deutlich reduzieren hilft.“ Der ganze Gemeinderat stehe hinter dem Projekt. Das Projekt sichere zudem regionale Arbeitsplätze und Wertschöpfung vor Ort.

Die gewonnenen Erfahrungen sollen nun als „Open Source“-Angebot allen interessierten Kommunen zugänglich gemacht werden. Dazu zählt auch der eigens formulierte Wärmelieferungsvertrag, der laut der beratenden Juristen besonders kundenfreundlich angelegt sei. Um Touristen in der Weinbauregion Ahrtal auch auf das Wärmeprojekt aufmerksam zu machen, ist eine Infostelle im Ortskern von Rech geplant – bislang gibt es eine kleine Infotafel, die auf die EU-Förderung hinweist. Bei aller Härte der vergangenen Flutkatastrophe kann Kozisek dem Ereignis inzwischen immerhin eines abgewinnen: „Wir hätten all das niemals ohne die Flut hinbekommen – ich bin überzeugt, wir haben aus dem Ganzen dann doch noch das Beste gemacht“.

Dr. Martin Frey, Fachjournalist, Fachagentur Frey – Kommunikation für Erneuerbare Energien, Mainz, mf@agenturfrey.de, agenturfrey.de

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