ew-Magazin 6/2019

ew-Magazin 6/2019

Standpunkt | ew-Magazin 6/2019

Wer heute handelt, erfindet das Morgen

Abnehmer werden Erzeuger, intelligente Messgeräte schaffen smarte Netze, altgediente Energieträger verschwinden aus dem Strommix: Der Wandel in der Energiewirtschaft nimmt an Fahrt auf. In diesem Umfeld permanenter Veränderung fällt es oft nicht leicht, sinnvoll für morgen zu planen. Doch wollen Entscheidungsträger nicht zu Getriebenen werden, sollten sie den Wandel selbst vorantreiben. Wie das geht, lässt sich anhand dreier Leitlinien zeigen: Heute handeln, das Morgen planen und das Übermorgen erfinden.

Heute handeln

Strategische Entscheidungen müssen wir schon heute fällen: An welcher Stelle der energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette positioniere ich mich? Mache ich es wie der Versorger, der sich nur noch um Vertrieb und Verteilernetz kümmert? Oder wie der neue Spieler auf dem Markt, der nichts macht, außer Energie zu verkaufen? Die Barrieren für den Wettbewerb sind so niedrig geworden, dass ständig neue Konkurrenten auf den Markt kommen. Wer da noch auf den alten Bauchladen baut, wird die Chancen verpassen, die mit der Veränderung einhergehen. Was ist mein Marktsegment, meine Nische? Diese Entscheidung muss heute fallen. Jetzt.

Agile Strukturen bereiten meine Organisation auf den Wandel vor, der im digitalen Zeitalter Alltag geworden ist. Früher war es normal, Projekte wie die Einführung einer neuen Software für die nächsten drei Jahre aufzusetzen – heute weiß man oft nicht genau, was in drei Monaten sein wird. Deshalb sind agile Strukturen notwendig: Netzwerke statt Hierarchien, rasche Ergebnisse, schnelle Feedbacks. Sie sorgen dafür, dass wir innerhalb von wenigen Monaten einen Piloten aufsetzen können. Wenn er funktioniert: Gut so! Wenn nicht: Fail fast! – scheitere schnell, und versuche es noch einmal anders.

Digitalisierung durchdringt alle Bereiche der Organisation, sobald Digitalisierung nicht mehr nur als IT-Projekt verstanden wird. Apps, interne Vernetzung, Online-Services: Heute müssen alle Prozesse und Strukturen digital gedacht werden, will man sich nicht von schnellen, neuen Wettbewerbern verdrängen lassen.

Automatisierung hilft dabei, die Kosten im Griff zu halten und viel schneller als zuvor zu sein. Ein Beispiel: Früher ging beim Kundenservice eine Mail ein, die erst nach Tagen oder Wochen beantwortet wurde. Heute erledigt das ein Chatbot in Echtzeit. Die künstliche Intelligenz dahinter kennt bereits 99 % der Antworten auf typische Kundenfragen.

Innovationsräume schaffen bedeutet, dass ich die kreativen Mitarbeiter in meiner Organisation von ihren Aufgaben befreie, damit sie in agilen Strukturen neue Ideen entwickeln und testen. Das kann in Reallaboren sein, indem man zum Beispiel eine neue Art der Stromspeicherung erst in einer Modellregion testet.

Das Morgen planen

Wenn das Heute funktioniert, kann ich konkret herausfinden, was meine Geschäftsmodelle der Zukunft sind. Dann habe ich bereits Klarheit, um zu testen: Wird Wasserstoff eine denkbare Lösung sein? Investiere ich lieber in die Stromspeicherung? Oder setze ich in meinem Bereich auf Elektromobilität? Versprechen meine Projekte Gewinn, kann ich diese Modelle jetzt zur Marktreife entwickeln.

Das Übermorgen erfinden

Auf dieser Reise ins Morgen werden Einblicke und Erfahrungen erworben, die dabei helfen, weiter zu denken als in den kleinen, iterativen Schritten zuvor. Dann geht es um die Frage: Was ist der nächste große Transformationsschub, der alles verändern wird? Ist es in der Energiewirtschaft am Ende so wie in anderen Branche mit großem Verteilernetz? Dort stehen heute jene auf der Sonnenseite, die vor Jahren konsequent digitalisiert haben und ihr eigenes Kerngeschäft teils transformiert, teils abgestoßen haben – zugunsten einer digitalen Plattform, die stetige Erlöse in die Kassen spült.

Wohin also geht Ihre Reise?

Metin Fidan, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Berlin

E-Magazin lesen Abo abschließen Einzelheft bestellen