Strengere Auflagen für Herkunftsnachweise sollen unter anderem zu verstärkten Investitionen in Erneuerbare-Energie-Anlagen beitragen. (Quelle: Adobe Stock)
Eine vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft e. V. (ASM) vorgelegte Studie kritisiert den Handel von Grünstrom über HKN. Das System begünstige Etikettenschwindel. Insbesondere richtet sich die Kritik des FÖS dagegen, dass das System weitgehend losgelöst von realen Bedingungen der Stromproduktion und -verteilung ist.
Bei börsengehandeltem Strom lässt sich nicht eindeutig sagen, aus welchen Erzeugungsanlagen eine bestimmte Strommenge stammt. Hier übernehmen HKN die Funktion, Strommengen als Grünstrom auszuweisen, die dann entsprechend vermarktet werden können. Für die Koordination der Herkunftszertifikate ist die Association of Issuing Bodies (AIB) zuständig, die den europaweiten Handel der jeweils für zwölf Monate gültigen Zertifikate sicherstellt.
Korrektur zielt auf Verbindung von HKN und Stromlieferungen
Die Studie zeigt, dass Stromlieferanten, statt in Erneuerbare-Energien-Anlagen oder realen Grünstrombezug zu investieren, den günstigeren Weg wählen und fossil erzeugte Strommengen mit Grünstromzertifikaten ausstatten. Hintergrund ist – so die Studienautorinnen – der günstige Preis für HKN, die europaweit angeboten werden.
Als Korrekturmechanismus schlägt das FÖS vor, den HKN-Handel an tatsächliche Stromlieferungen zu knüpfen, in der das Zertifikat eine Art „Lieferschein“ darstellen würde. Dazu soll die Gültigkeit des HKN zeitlich so weit eingeschränkt werden, dass es mit dem Verbrauch der gekoppelten Strommenge abläuft. Ziel soll es sein, dass die Nachweise reelle Strommengen im Netz widerspiegeln. Der Vorschlag zielt somit darauf, die Zertifikatmenge einzugrenzen, die Preise für HKN anzuheben und damit die in der Kritik stehenden Geschäftsmodelle unrentabel zu machen.
Islands fehlende Netzverbindung
Als Beispiel für das Problem des internationalen HKN-Handels dient Island, das seinen Strombedarf fast ausschließlich aus Wasserkraft und Geothermie deckt und damit für seine Landesgröße viele Zertifikate generiert und international anbietet. Diese auch nach Deutschland verkauften HKN finden jedoch insofern keine Entsprechung in physischen Strommengen, als dass Island keine Strommengen nach Deutschland liefern kann. Zwischen beiden Staaten gibt es keine Netzverbindung.
Geschädigt, so die FÖS, werden dadurch diejenigen Anbieter, die sich um ein reales Grünstromangebot bemühen, da sie Wettbewerbsnachteile erleiden. Zudem sieht das FÖS Verbraucher getäuscht, die für einen Grünstromtarif zahlen, dabei auch entsprechende Stromqualitäten erwarten, diese aber real nicht erhalten. Nicht zuletzt geht die FÖS davon aus, dass bei Verbrauchern ein falscher Eindruck über die Verfügbarkeit von Grünstrommengen entstehen kann. Eine scheinbar ausreichende Verfügbarkeit könne die Akzeptanz für den Bau von Erneuerbaren-Energien-Anlagen schwächen.
Kritisiert wird zudem das Potenzial des „Greenwashing“, das sich Unternehmen bietet, die HKN nutzen. Nachhaltigkeitsberichte und das globale CDP-Berichtssystem (Carbon Disclosure Project) verlangen der Wirtschaft Dekarbonisierungspfade ab, Berichtspflichten nehmen zu und werden strenger. Das Ziel würde mit HKN jedoch verfehlt, da Unternehmen die Dekarbonisierung zwar auf dem Papier umsetzen würden, sich bei Investitionen in Erneuerbare-Energien-Anlagen und dem Abschluss direkter Grünstromverträge jedoch zurückhielten.
Reformvorschlag an Strom für grünem Wasserstoff orientiert
Mit seinem Reform-Vorschlag orientiert sich das FÖS an den strengeren Auflagen, die für grünen Wasserstoff gelten. Strom für grünen Wasserstoff muss aus Erneuerbaren-Erzeugungsanlagen stammen, dessen Herkunft über HKN nachgewiesen werden muss. Im Unterschied zum restlichen Stromhandel sind die HKN in diesem Fall an die Strommengen für die Elektrolyse gekoppelt, um Missbrauch zu vermeiden.
Das unter dem Titel „Die Auswirkungen des Herkunftsnachweissystems – Transformationsbeitrag oder systematisches Greenwashing?“ publizierte FÖS-Papier ist hier abrufbar.