Innovationen: Dr. Sabrina Schulz, Vorständin der econnext AG, Frankfurt/Main

Dr. Sabrina Schulz, Vorständin der econnext AG, Frankfurt/Main (Quelle: econnext)

„et“: Frau Dr. Schulz, fangen wir einmal ganz fundamental an: Was prägt den Energiemarkt der Zukunft am stärksten?

Schulz: Den Energiemarkt sehen wir heute schon durch zunehmende Diversifizierung und Dezentralisierung geprägt. Das bedeutet eine teilweise Abkehr von den fossilen Großkraftwerken der Vergangenheit, hin zu vielfältigen, dezentralen und natürlich erneuerbaren Energiequellen. Gleichzeitig machen die hohen Energiepreise, die Klimaziele und die notwendige Verbrauchssenkung eine viel effizientere Energienutzung notwendig – in Haushalten, im Gewerbe, in der Industrie.

Eine zentrale Herausforderung ist und bleibt natürlich die Volatilität der Erzeugung aus Erneuerbaren, die den Ausbau von Batterien, Speichern und Smart Metern zwingend erforderlich macht. Im Kontext der Plattform „Klimaneutrales Stromsystem“ des BMWK werden Flexibilitätsoptionen jetzt endlich zum ersten Mal auf ihren systemoptimalen Einsatz hin überprüft. Ich bin daher zuversichtlich, dass sich hieraus ein tragfähiger regulatorischer Rahmen entwickeln wird.

„et“: Zur Erreichung der deutschen Klimaziele steht ein exorbitanter und rascher Ausbau der erneuerbaren Energien ganz oben auf der Agenda. Welche Technologien versprechen hierfür den größten Erfolg?

Schulz: Auf der Erzeugungsseite haben wir, vor allem im Stromsektor, schon viel erreicht. Neue Regelungen zur Planungs-beschleunigung versprechen bei den Erneuerbaren die Deutschlandgeschwindigkeit. Daher gilt es mehr denn je, auch dem flächendeckenden Einsatz von Speichertechnologien den Weg zu ebnen. Diese können Stromspitzen „ernten“ und im Zuge der Sektorkopplung als grüne Wärme wieder abgeben. Solche Power-to-Heat-Technologien können dezentral, effizient und mit vergleichsweise geringen Kosten genutzt werden. Industriebetriebe können damit heute schon viel stärker unabhängig werden, dekarbonisieren und langfristig auch Kosten sparen.

„et“: Letztendlich geht es bei den Klimaschutzbemühungen um Reduktion der CO2-Emissionen. Sind wir hier auf dem richtigen Weg?

Schulz: Die Klimaziele der Bundesregierung stehen und sie können mit den uns zur Verfügung Stehendem auch erreicht werden: 80 % erneuerbarer Strom in 2030 sind realistisch; Wasserstoff ermöglicht die Dekarbonisierung industrieller Prozessemissionen; Deutschland kann bis 2045 klimaneutral werden. Die Herausforderung sind nicht Technologien, sondern Planungsverfahren, der Zugang zu Rohstoffen, resiliente Lieferketten, Fachkräfte sowie die Energieeinsparung. Hier braucht es Umsetzungsstärke auf allen Verwaltungsebenen sowie in Betrieben, Kommunen und in der breiten Bevölkerung.

„et“: Mit dem Ausbau der Windkraft und Photovoltaik muss es dramatisch schneller vorangehen. Hierzu werden von der Bundesregierung Wege zur Beschleunigung eingeschlagen, die zuvor undenkbar waren. Aber reicht das aus?

Schulz: Das Ziel eines klimaneutralen Stromsystems bis 2035 ist realistisch. Das setzt allerdings beachtliche Investitionen in Netze sowie die Flexibilisierung der Nachfrage z.B. über den Rollout von Smart Metern und Speicherlösungen voraus. Wenn Unternehmen Investitions- und Planungssicherheit haben, werden sie auch in diese Lösungen und damit in eine klimaneutrale Wirtschaft investieren.

„et“: Was muss sich politisch ändern, um hier die richtigen Anreize für Investoren zu schaffen?

Schulz: Die aktuellen energie- und klimapolitischen Anstrengungen der Bundesregierung gehen in die richtige Richtung und sind ermutigend. Dennoch erleben wir aktuell eine große Zurückhaltung bei Investitionen im Energiebereich. Das hat vielfältige Gründe, wie die Unsicherheiten im Zuge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, Lieferkettenschwierigkeiten und der Fachkräftemangel. Dennoch kann die Politik viel tun, um privates Investitionskapital in die Energiewende und eine klimaneutrale Wirtschaft zu hebeln.

Ich wünsche mir vor allem flexiblere Möglichkeiten, privates Wagnis- und Wachstumskapital durch öffentliche Mittel zu mobilisieren. Die Start-up-Strategie der Bundesregierung enthält die richtigen Ansätze, die Bedingungen sind aber weitaus restriktiver als vergleichbare Instrumente z.B. der französischen Regierung. Positiv ist auch, dass sich die Bundesregierung auf europäischer Ebene dafür einsetzen will, die regulativen Restriktionen unter Solvency II für die Kapitalmarktorientierung institutioneller Investoren zu lockern.

„et“: Bei aller Bedeutung der richtigen Wahl von Strategien und Instrumenten braucht es vor allem Innovationen sowie Akteure, die diese rasch und effizient umsetzen. Welche Unternehmen gibt es bereits, die mit vielversprechenden Innovationen die energetische Zeitenwende vorantreiben können?

Schulz: Als Management-Holding investieren wir bei econnext genau in solche Innovationen und Akteure. Unser Fokus liegt dabei auf Unternehmen, die mit einer gewissen Marktreife das Stadium als Start-Up hinter sich gelassen haben – wir sprechen von Scale-Ups. Die Bandbreite ist groß:

  • Unsere Tochter LUMENION etwa stellt thermische Speicher im Megawattbereich her, die hohe Temperaturen im Bereich 120-400 Grad Celsius in einem Stahlkern speichern. Industrielle Kunden können damit grünen Strom als Prozesswärme verfügbar machen.
  • Unser Scale-Up Circular Carbon produziert aus pflanzlichen Reststoffen im Pyrolyseverfahren erneuerbare Energie und Pflanzenkohle. Die erzeugte Pflanzenkohle ist ein kohlenstoffreicher organischer Dünger und verwandelt Böden von einer Kohlenstoffquelle in eine Kohlenstoffsenke. Für die Senkenleistung der Pflanzenkohle bietet Circular Carbon CO₂-Zertifikate an.
  • Mit Autarq haben wir eine Tochter, die mit Solar-Dachziegeln die Möglichkeiten der erneuerbaren Energieerzeugung auf Gebäuden erweitert.

Das alles sind Beispiele für Innovationen, die die Energiewende im Detail ermöglichen. Gleichzeitig kooperieren unsere Töchterunternehmen untereinander und schaffen Synergien zwischen den einzelnen Technologien. Econnext hat daher schon namhafte Investoren von sich überzeugen können.

„et“: Frau Dr. Schulz, vielen Dank für das Interview.

„et“-Redaktion

Ähnliche Beiträge