Dr. Carsten Rolle, Mannat Jaspal, Tatiana Mitrova, Gregor Pett, Alexander Geisler und Frank Ewald nahmen am 9.3.2025 in einem Online-Panel die Situation in der Straße von Hormus unter die Lupe.(Bild: Adobe Stock)
Unter der Moderation von Dr. Carsten Rolle, Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik beim BDI - Bundesverband der Deutschen Industrie und Geschäftsführer Weltenergierat – Deutschland, stellten Mannat Jaspal, Geschäftsführerin und Fellow for Climate and Energy der Observer Research Foundation Middle East, und Tatiana Mitrova, Research Fellow am Center on Global Energy Policy, am 9.3.2026 im Rahmen eines Webinars ihre Einschätzung der geopolitischen Entwicklung sowie der Implikationen des Irankriegs für die globale Energieversorgung vor. Gregor Pett, COO Global Analytics & Digital sowie Chefanaylst bei Uniper SE, ergänzte seine Sicht auf die kurz- und mittelfristigen Preisentwicklungen in den Öl-, Gas- und LNG-Märkten. Abschließend beleuchteten Alexander Geisler, Geschäftsführer des Zentralverbands Deutscher Schiffsmakler, sowie Frank Ewald, Head of Corporate Security & Crisis Management bei der DHL Group, die Auswirkungen der Störungen im internationalen Frachtverkehr und in den Lieferketten.
Iran erhöht Druck auf die globalen Märkte
Mannat Jaspal stellte heraus, dass derzeit deutliche Knappheitssignale in die Öl-, Gas- und LNG-Märkte gesendet werden. Wie lange die Situation andauern wird, sei jedoch schwierig abzuschätzen. Sie wies darauf hin, dass Iran seine militärischen Reaktionen auf die israelischen und US-amerikanischen Angriffe zwischen auf Produktionsanlagen und Häfen seiner regionalen Nachbarn ausweitet.
Zwar sei im internationalen Ölmarkt noch ein wenig Puffer, es werde jedoch deutlich, dass Iran gewillt ist, alternative Lieferrouten der Nachbarländer abzuschneiden. Iranisches Ziel sei es, den Konflikt über die Region hinauszutragen und die globale Ökonomie unter Druck zu setzen. Es bleibe abzuwarten, ob die weiteren Player in der Region in der Lage sind, die durch den Stillstand in der Straße von Hormus wegfallenden Ölkapazitäten sowohl in Produktion als auch über andere Logistikwege annähernd zu kompensieren.
Bei LNG seien die Auswirkungen, so Jaspal, drastischer. Dort gebe es auf dem Markt kaum Flexibilitäten. 20 % des weltweiten LNG kamen bisher über die Straße von Hormus, andere Wege wären kaum denkbar. Es sei unwahrscheinlich, dass LNG aus den USA die wegfallenden Mengen befriedigen könne. Es sei jedoch nicht unwahrscheinlich, dass Russland mit seinen freien Kapazitäten und Lieferwegen der große Gewinner des Konflikts werden könnte.
Strukturelle Effekte in langer Sicht
Tatiana Mitrova erwartet, dass die sich jetzt bildende Krise strukturelle Effekte haben wird. Zwar sei die Welt von der Region nicht mehr so abhängig, wie es noch in den 1970er Jahren der Fall war. Es rücke jetzt aber ins Bewusstsein, dass ca. ein Fünftel aller Öllieferungen und mindestens der gleiche Anteil LNG aus der Region kommen. Während beim letzten Golfkrieg die Welt noch überversorgt war, sind aktuell die Reserven deutlich geringer. Der Iran habe nach den Angriffen auf Öllager in Teheran erklärt, dass das Land nun gezielter zentrale Energieinfrastrukturen der Anrainerstaaten attackieren wolle. Bisher seien diese weitgehend unangetastet geblieben. Sollte es dem Iran gelingen, physikalische Strukturen zu zerstören, wäre mit einem langen und kostenintensiven Wiederaufbau zu rechnen.
Man stehe hier vor einem Szenario, das geopolitisch schon seit vielen Jahren als Worst Case für die Region gelte. Auch wenn aktuell die Ölpreise wieder leicht nachgeben, weil die G7 diskutiert, Reserven freizugeben, solle man sich nicht täuschen lassen: Die Vulnerabilität, die sich wirtschaftlich aus dem Konfliktherd ergibt, wird jede Nation loswerden wollen, so Mitrova. Sie rechne daher damit, dass in allen weiteren Investitionsentscheidungen die Frage des Systemdesigns in den Vordergrund rücke und Resilienz zum Thema werde. Mitrova erwartet, dass langfristig Öl und Gas aus der Region weltweit strukturell keine große Rolle mehr spielen werden. Sie erwartet, dass wir international beschleunigte Investments in erneuerbare Energien sehen, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen und die Abhängigkeit von importierten Energieträgern und unzuverlässigen Importrouten zu minimieren.
Windfall-Profits haben aus der aktuellen Situation Öl-Länder außerhalb des Konfliktfeldes. Diese könnten sich jedoch nur vorübergehend freuen. Hohe Ölpreise könne sich langfristig niemand leisten. Aufgrund der genannten strukturellen Neuaufstellung werde die Ölnachfrage langfristig nachlassen. Gewinner könnte China mit seinem stark vorangetriebenen Pfad in die elektrische Versorgung sein. Länder, die ihr Problem erkennen, fossil abhängig zu sein, könnten auf die Idee kommen, mit chinesischer Hilfe ihren Transformationspfad hin zur Elektirizierung zu gestalten.
Fuel-Switch, wo es möglich ist, und Preiskampf um freies LNG
Gregor Patt sieht Zeichen für eine länger anhaltende Preiskrise, da nicht nur die Spotmarktpreise, sondern auch die Forwardkurven nach oben gehen. Der Markt reagiere nervös auf mögliche Infrastrukturschäden. Vollkommen unklar sei auch, wie lange Israel und die USA ihre Angriffe auf Iran fortsetzen werden und welche weitere Strategie die Länder verfolgen, damit die Straße von Hormus wieder frei schiffbar wird.
Von dem LNG-Lieferweg über die Straße von Hormus sind einige Regionen stark abhängig. Patt nannte Pakistan mit einer Abhängigkeit von 100 %, Indien mit 60 % und China mit 30 % – in Europa bezieht nur Italien nennenswerte Mengen aus der Region. Dort, wo es betroffenen Ländern möglich ist, erwartet Patt einen Fuel-Switch hin zur Kohle. Gleichzeitig sei jetzt zu erwarten, dass im Spotmarkt die Preise für noch freie LNG-Kapazitäten, die im Cargo sind, hochschnellen werden.
Diese Preise werden auch Europa treffen – wobei die Krise die Märkte betreffe, aber noch keine direkten Auswirkungen auf die physikalische Versorgung zu erwarten sei. Milde Temperaturen und der zwar niedrige, aber ausreichende Speicherstand von 20 % bedeuten hierzulande keine Versorgungslücke. Auf die hiesige Industrie könne die Krise aber stärker durchschlagen. Während China bspw. mit langfristigen Versorgungsverträgen operiert, setze die Industrie in Deutschland eher auf den kurzfristigen Energieeinkauf, für den dann ein Preispremium fällig wird.
International erwartet Patt einen Nachfragerückgang bei den Commodities. Frage wird sein, wer wie lange bereit ist, teuer am Spot zu kaufen. Sobald erste industrielle Verbraucher aussteigen, sind in internationalen Lieferketten Dominoeffekte zu erwarten.
Der strategische Switch in der Energieversorgung brauche Zeit. Daher geht Patt davon aus, dass im Bereich Gasspeicherung eine europäische Reaktion zu erwarten ist, 2022 dürfe sich nicht wiederholen.
Schiffs- und Luftverkehr stark eingeschränkt
Aus Logistik-Perspektive nahmen Alexander Geisler den Schiffs- sowie Frank Ewald den Flugverkehr im Nahen Osten in den Blick. Geisler erklärte, dass die Zahl der Schiffe, die aktuell die Straße von Hormus durchfahren, einstellig ist. Normal seien über 100 Passagen. Ein militärischer Geleitschutz würde dem Schiffstransport helfen. Angesichts der Tatsache, dass zur Abwehr von Drohnen, die für 500 € erhältlich sind, millionenteure Raketen eingesetzt werden müssten, gestalte sich auch solche Unterstützung schwierig. Es habe schon früher nicht geklappt, 40 bis 50 Fregatten im Roten Meer für solche Aufgaben zur Verfügung zu stellen.
Was mögliche Durchfahrten angeht, haben die USA einen Rückversicherungsplan angekündigt. Britische Versicherer wollen mit Angeboten nachziehen, sobald er vorliegt. Zu sehen ist, dass sowohl chinesische Schiffe als auch die russische Schattenflotte von einigen Ländern genutzt werden, um Waren durch die Straße von Hormus zu fahren.
Aktuell solle man abwarten. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump ziele mit dem Konflikt auch auf die wirtschaftliche Schwächung Chinas. Chinas Interesse sei eine schnelle Wiederaufnahme der LNG-Versorgung. Ende März wollen sich US-amerikanische und chinesische Regierungsvertreter treffen. Trump spekuliere auf einen Deal mit China. Das könnte auch den Irankrieg entschärfen und die Straße von Hormus wieder schiffbar machen.
An ein wirkliches Ende der krisenhafen Zeiten glaubt Geisler jedoch nicht. Auch der Suezkanal sei durch die Huthi auch praktisch zu. Er sagte, dass nach Venezuela und den jetzigen Kämpfen der nächste Konflikt schon absehbar ist: Kuba – und das, wo der Schiffsverkehr eh schon mit langen Routen zu kämpfen habe.
Im Luftverkehr zeichnete Frank Ewald kein besseres Bild. Das Chartervolumen zwischen Asien und dem Rest der Welt sei um 20 % zurückgegangen. Katar sei ein großer Hub im Flugverkehr, der nur noch stark eingeschränkt erreichbar ist. Umleitungen seien schwierig zu realisieren, da viele Lufträume vollständig geperrt sind oder immer wieder kurzzeitig geschlossen werden. Immer kleinere Korridore, in denen gefolgt werden kann, entwickeln sich zum Flaschenhals. Sollten weitere Korridore zugehen, könnte sich die Krise für die Lieferketten verschärfen.
Ewald sagte weiter, dass es vom Verlauf des Krieges abhänge, ob die Logistiker zu den Hubs in der Region schnell wieder Vertrauen gewinnen werden. Problematisch sei, dass alle Logistiker vom Nahen Osten abhängig seien, da es geographisch kaum Ausweichmöglichkeiten gebe. Bisher gebe es zum Glück noch keine strukturellen Schäden an Flughäfen.