Karte, die den Nahen Osten zeigt. Unter einer Lupe: die Straße von Hormus

Dr. Carsten Rolle, Prof. Dr. Andreas Goldthau, Dr. Tatiana Mitrova, Toril Bosoni und Felix Hüfner, diskutierten am 28.4.2026 in einem Online-Panel die Situation in der Straße von Hormus (Bild: Adobe Stock)

Unter der Leitung von Dr. Carsten Rolle, Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik beim BDI – Bundesverband der Deutschen Industrie und Geschäftsführer Weltenergierat – Deutschland, gab am 28.04.2026 ein Online-Webinar Einblicke in die veränderten internationalen Energieflüsse und deren Bedeutung für die Marktstabilität.

Einleitend erklärte Rolle, dass das erste Panel eine Woche nach dem Kriegsbeginn noch von großen Unsicherheiten geprägt war hinsichtlich der Einschätzung der langfristigen Effekte des Krieges und ihres Gewichts für die internationale Wirtschaft. Tatiana Mitrova erwartete schon damals strukturelle Auswirkungen auf den Energiemarkt, die über das Jahr 2026 hinausreichen werden. Auch Fatih Birol von der IEA sprach schon früh vom bisher größten Versorgungsschock, den die Welt gesehen hat. Inzwischen sei es etwas klarer zu prognostizieren, wie lange uns der Konflikt noch begleitet und wann sich der Markt beruhigen könnte. Die vom Panel skizzierten Aussichten fasste Rolle unter dem Begriff „pessimistisch“ zusammen.

Außenpolitische Perspektive

Die außenpolitische Perspektive eröffnete Prof. Dr. Andreas Goldthau, Direktor der Willy-Brandt-Schule für Public Policy und Franz-Haniel-Professor für Public Policy an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Erfurt. Die Frage, ob wir eine schnelle Konfliktlösung sehen werden, verneinte er klar.

Während es dem Iran gelungen sei, mit der Schließung der Straße von Hormus seine Macht zu demonstrieren, laufe den USA trotz aller Gegendrohungen die Zeit weg. Präsident Trump wolle unbedingt vermeiden, dass ein außenpolitisches Abenteuer oder hohe Energiepreise in den USA den Midterm-Wahlkampf prägen. Die Situation sei asymmetrisch geprägt: Die USA müssen gewinnen, während sich der Iran leisten kann, nicht zu verlieren. Er sprach von einem Patt beider Seiten, bei dem vollkommen unklar ist, wie eine weitere Verhandlungsagenda aussieht. Die Marktsituation reflektiere dies in weiterhin hohen Preisen für Öl und Gas.

Goldthau skizzierte drei Entwicklungsszenarien, wobei er eine Kapitulation des Iran sowie den Einsatz von US-Truppen auf dem Boden ausschloss. Szenario 1: Trump verkündet einen Sieg und die USA verlassen die Straße von Hormus. Dann müssten andere – z. B. die Europäer – die Straße von Hormus sichern. Regional würde das zu keiner Beruhigung führen. Die Aufmerksamkeit läge auf der Frage der Verteidigungsfähigkeit der Golfstaaten. Für die weltweite Energieversorgung wäre dann eine nur sehr langsame Rückkehr zu alten Kapazitäten zu erwarten. Szenario 2 wäre ein fortlaufender Konflikt, bei dem Öffnungen und Schließungen der Straße die regionale Stabilität und den Warentransit fortgesetzt beeinflussen. Dann würden keine Kapazitäten zurückkehren, da nicht in die Reparatur von beschädigten Anlagen investiert würde. Szenario 3 wäre ein Status von Waffenstillstand, der den neuen Normalzustand darstellen würde. Damit verbunden könnten vom Iran erhobene Durchfahrtsgebühren für die Straße von Hormus sein, die die USA taktisch akzeptiert. Das würde bedeuten, dass die Golfstaaten nicht auf den globalen Energiemarkt zurückkehren und Exporte langfristig betroffen sind.

In Richtung Europa sagte Goldthau, dass hier die Risiken einer langfristigen Schließung der Straße von Hormus sowohl unterschätzt werden, als auch nicht angemessen eingepreist sind. Insbesondere auf dem Gasmarkt seien die möglichen Auswirkungen eines fortgesetzten Konflikts nicht abgebildet, was im Folgenden Tatiana Mitrova näher ausführte.

Ölmarkt

Den Ölmarkt betrachtete Toril Bosoni, Leiterin der Abteilung Ölindustrie und -märkte der Internationalen Energieagentur (IEA). Sie erklärte, dass sich auf dem internationalen Ölmarkt Knappheiten aufgrund der geringeren Ölflüsse und wiederkehrender Unterbrechungen sehr deutlich niederschlagen. Der Markt für Raffinerieprodukte wie Kerosin und Diesel ziehe sowohl in Europa als auch international weiter an. Während vor Februar 2026 täglich 24 Mio. bbl aus der Golfregion exportiert wurden, sind es aktuell noch rund 10 Mio. bbl.

Die IEA geht davon aus, dass die Speichervorräte in der Golfregion schon sehr weit geschrumpft sind. Die Produktion wurde stark zurückgefahren. Für weiter schrumpfende Mengen könnte sorgen, dass der Iran seine Produktion einstellen muss, da das Land keine weiteren Speicheroptionen hat. Die IEA hat ihre Nachfragejahresprognose für 2026 von 800.000 bbl. am Tag auf 700.000 bbl. reduziert, geht dabei aber von einem sehr optimistischen Szenario aus, dass es zu einer Einigung oder einem Stillstand im Konflikt kommt und die Ölflüsse ab Mai wieder steigen. Das sei aber zunehmend unwahrscheinlich.

Was Kerosin angeht, sei seit März/April ein Nachfragerückgang zu sehen. Grund ist der eingeschränkte Flugverkehr. Der Nahe Osten hat vor der Krise 400.000 bbl Kerosin am Tag exportiert, die 20 % der globalen Handelsmenge repräsentierten, aber 75 % der Menge entsprechen, die Europa nachfragt. Zurückgefahren wurde die petrochemische Produktion nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Asien. Dort wurden bisher eingelagerte Vorprodukte verarbeitet.  Kerosin für den europäischen Markt kommt aktuell aus den USA. Auch Nigeria und Südkorea haben ihre Exporte erhöht. Europa kann damit die Hälfte seines Importbedarfs kompensieren.

Insgesamt sei der Ölmarkt weiter von Unsicherheiten geprägt. Die IEA geht in ihrem Basiszenario von Knappheiten im zweiten Quartal aus. Sollten die Ölflüsse wieder steigen, könnte der Markt in der zweiten Jahreshälfte überversorgt sein. Das Szenario wird aber immer unwahrscheinlicher. Bei einem weiterhin langanhaltenden Konflikt bis ins dritte Quartal oder bis Jahresende teilt die IEA die Auffassung des IWF aus dem im April vorgelegten World Economic Outlook. Dann werden die Öldefizite anhalten und weiter auf die Preise durchschlagen. Die IEA geht davon aus, dass auch in Europa weitere Notfallreserven freigegeben werden, wenn die Knappheiten in den nächsten Wochen und Monaten auf Europa durchschlagen. 

Auf die Nachfrage, wie lange es dauert, bis beschädigte Anlagen in der Golfregion wieder in Betrieb gehen, erklärte Bosoni, dass Reparaturarbeiten mit vielfältigen Herausforderungen verbunden seien. Da sich die Länder jedoch nicht in die Karten schauen lassen wollen, wäre es schwer einzuschätzen, wann der Wiederbetrieb starten kann. Schnell könne das jedoch nicht gehen. Irak und Kuwait hätten jedoch schlechtere Voraussetzungen als Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Gasversorgung

Die Straße von Hormus bedürfe einer Umwidmung, erklärte Dr. Tatiana Mitrova, Research Fellow am Center on Global Energy Policy. Man sollte von Schrödingers Straße sprechen, da niemand wüsste, wann sie geöffnet ist, und unklar sei, wer darüber bestimmt, wann sie geöffnet ist. Es liege damit an Schiffern, den Versicherern und anderen Marktakteuren, zu entscheiden, wann sie sich sicher fühlen, die Straße zu durchqueren.

Aufgrund der Einschränkungen im Upstream und Midstream würde selbst eine schnelle Einigung zwischen den Kriegsparteien dazu führen, dass sich der Verkehr auf der Straße von Hormus erst in einigen Monaten normalisieren könne. Das hat signifikante Auswirkungen auf den europäischen Gasmarkt, so Mitrova. Sie teilt die Auffassung von Goldthau, dass die europäischen Gaspreise angesichts der Schäden und Zerstörung in der Golfregion zu niedrig seien.

Europa sieht den Gasmarkt unter Stress, aber es sieht keinen physikalischen Kollaps, erklärte sie. Das liegt daran, dass ein Großteil des LNG aus Katar nach Asien verkauft wurde und Europa kaum direkte Abhängigkeiten hatte. Die kleinen Mengen, die als LNG nach Europa gekommen sind, sind erst im April vom Markt gegangen. Die Mengen konnten über Turk Stream und Spotmarkt-LNG – u. a. aus den USA – kompensiert werden. Es sei jedoch nur eine Frage von ein bis zwei Monaten, bis auch die europäischen Konsumenten physikalische Knappheiten erleben werden. In Asien sind sie schon offensichtlich. Ärmere Länder wie Pakistan und Bangladesch machen schon den Wechsel zur Kohle.

Der Wettbewerb um Spot-LNG wird sich verschärfen. Mitrova geht davon aus, dass es während des Sommers für Europa zunehmend schwerer wird, weitere Mengen zu sichern. Sie merkte jedoch an, dass die chinesische LNG-Nachfrage zurückgeht. Das sei aus den kommerziellen Interessen Chinas zu begründen, Kontingente nach Europa zu verkaufen. Dass dieser Puffer langfristig zur Verfügung stehe, sei nicht garantiert. China hat da einen Hebel gegenüber Europa und könnte diese Mengen jederzeit limitieren.

Europas sei noch nicht in der Gaskrise, so Mitrowa. Aktuell sehe man hierzulande hohe, aber noch akzeptable Preise. Die Herausforderung für Europa sei die Speicherbefüllung für den Winter angesichts der niedrigen Füllstände. LNG wird weltweit knapp. Europa müsse darum mit dem asiatischen Markt konkurrieren. In den USA kommen neue Mengen auf den Markt, die aber in Teilen schon vermarktet sind. Algerien hat neue Pipeline-Kapazitäten angekündigt, die aber nur geringe Mengen bringen werden. Ggf. kommen einige Mengen über den südlichen Korridor oder über Norwegen.

Afrika, Marokko und Nigeria haben kein LNG verfügbar. Es gibt zwar viel Gas auf der Welt, aber es gibt keine Quelle, die Gas in Europa verfügbar machen könnte. Dazu wären Upstreaminvestments nötig. Die werden aber erst in den nächsten Jahren sichtbar. LNG-Zuwächse aus den USA kämen erst 2027/2028. Sie erwartet für den nächsten Winter wieder Diskussionen über russisches Gas, das über die TurkStream-Pipeline kommen müsste. Aktuell nimmt der Bezug aus Russland über diesen Weg schon wieder zu. Der Bezug aus Russland soll aber – so der Beschluss der EU – beendet werden. Eine weitere Möglichkeit wäre russisches LNG – auch das ein sensibles politisches Thema. Jedoch wird Europa jedes Molekül brauchen, Low-Hanging-Fruits wird’s nicht geben.

Insbesondere im Feuer sieht Mitrova 2026 die industrielle Nachfrage. Sie wird schon den Sommer betreffen und sich im Winter noch verschärfen.

Finanzmarktperspektive

Felix Hüfner, Senior European Economist/Chief German Economist der Bank UBS Europe SE, erklärte, dass Ölpreisschocks von 10 % normalerweise mit Wachstumsrückgängen von 10 bis 20 Basispunkten verbunden sind. Je länger die Krise dauert, desto größer werden die Auswirkungen. Im globalen Szenario und einem Ende des Konflikts in 2 Monaten würde er mit 0,5 % auf das globale Wirtschaftswachstum wirken. Ein langanhaltender Schock würde die Weltwirtschaft mit 1,5 % treffen. Dabei wird nur von einem Preisschock ausgegangen, nicht von echten Knappheiten.

Im pessimistischen Szenario mit Ölpreisen von 150 US-$/bbl würden die USA und Europa in eine Rezession laufen. Das Basisszenario geht davon aus, dass der Shock jedoch nicht über Juni 2026 hinaus anhält. Dann würden sich die Preise bis Ende des Jahres wieder beruhigen. Im europäischen Wirtschaftswachstum wären dann –0,8 % zu erwarten, wobei Deutschland und Italien härter betroffen wären als Frankreich und Spanien. Gründe für die unterschiedliche Entwicklung sind die Größe der Industrie und die Energieabhängigkeit. In Deutschland prognostiziert UBS Europe SE ein Wachstum von 0,6 %. Zu Beginn des Jahres war man von 1,2 % ausgegangen. Wenn es um die Einschätzung des Geschäftsklimas geht, ist die Stimmung nur halb so stark getrübt, wie sie es 2022 mit Start des Ukrainekrieges war.

Was das BIP angeht, ist Europa in der guten Position, dass die Arbeitslosenquoten niedrig sind. Zudem waren Konsumenten Anfang des Jahres wieder bereit, wieder mehr Geld auszugeben. Auch das deutsche Paket für Infrastruktur und Verteidigungsausgaben addiert 30 Basispunkte auf das europäische Wirtschaftswachstum (respektive 60 Basispunkte auf das deutsche Wachstum, das sonst bei null wäre).

In der Sektorenbetrachtung sind vom Energiepreisschock besonders die energieintensiven Industrien, namentlich Chemie und Stahl, betroffen. Für das produzierende Gewerbe zeichnete Hüfner ein differenziertes Bild. Aufgrund der Angst vor Lieferausfällen werde mehr geordert, die Lager werden aufgefüllt. Es gäbe aber erste Firmen, die von Lieferkettenproblemen berichten. Der Dienstleistungssektor sei stärker betroffen, insbesondere Logistik und Tourismus. Der Handel fürchte eine höhere Inflation. Im Baugewerbe mache sich die Furcht vor steigenden Zinssätzen breit. Immun seien hingegen Infrastruktur und Verteidigung sowie der Energiesektor.

Die Inflation ist laut Hüfner im April um 3 % gestiegen und wird im Mai, abhängig von der Energiepreisentwicklung, bei 3,5 % ihren Höhepunkt haben. UBS geht davon aus, dass die Inflation bis Ende des Jahres über 3 % verharren wird, weil die Energiekosten auf andere Güter durchschlagen werden.

Fazit

Abschließend stellte Rolle die Runde vor die Aufgabe, Ratschläge an die deutsche Politik zu formulieren. Hüfner gab zu bedenken, dass man gegen einen Energiepreisschock nichts tun kann, außer ihn schnell kurzfristig abzufedern. Dies soll zielgerichtet erfolgen, um die Budgetssituation nicht zu verschlechtern. Deutschland müsse seine Chancen nutzen, die aus dem Infrastruktur- und Verteidigungspaket erwachsen.  Mitrova richtete ans Wirtschaftsministerium den Rat, nicht zu überregulieren und Barrieren für den Ausbau erneuerbarer Energien, für neue Projekte und Interkonnektoren abzubauen. Zudem müsse Deutschland sich um jedes Molekül bemühen, das es sich sichern kann. Bosoni riet der Politik, sich sehr genau zu überlegen, wie weit man die Konsumenten bei den Energiepreisen entlastet. Ihre unpopuläre Nachricht lautet: Bleibt die Versorgungssituation schlecht, müsse die Nachfrage reduziert werden. Zudem gab sie zu bedenken, die Energiewende nun stärker voranzubringen. Goldthau wies darauf hin, dass sowohl das Energiesystem als auch die Industrie resilienter gegenüber dem Bedarf an fossilen Energieträgern werden müssen.

Weitere Informationen: weltenergierat.de

„et“-Redaktion

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