Durch eine Modellierung von Mengen und Importrouten über nationale und internationale Pipeline- sowie LNG-Infrastrukturen können die Auswirkungen von Lieferbeeinträchtigungen evaluiert werden (Quelle: Adobe Stock)
Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hat deshalb mit den Partnern Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln (EWI), Prognos und der Deutschen Energie-Agentur (dena) im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) die Resilienz der deutschen und europäischen Gasversorgung unter extremen Risikoszenarien bis zum Jahr 2035 analysiert. Basierend auf den Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine einerseits sowie wachsender Klimaschutzaktivitäten andererseits wurden Szenarien untersucht, die beispielsweise den Ausfall von Pipelines oder LNG-Kapazitäten sowie die Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff umfassen.
Analysiert werden gravierende Störungen, deren Größenordnung an die Krise von 2022 heranreicht oder diese sogar übersteigt. Dies macht die Studie bisher einzigartig. Durch eine Modellierung von Mengen und Importrouten über nationale und internationale Pipeline- sowie LNG-Infrastrukturen können die Auswirkungen von Lieferbeeinträchtigungen evaluiert werden. Sieben detaillierte Risikoszenarien zeigen die potenziellen Auswirkungen auf Preise und Mengen, die Auslastung von Pipelines und Speichern sowie auf die Diversifizierung der Import-Infrastruktur.
Märkte zeigen sich langfristig resilient
Nicolas Deutsch, verantwortlicher Autor und Director bei PwC Deutschland erläutert: „Die Auswirkungen extremer Störszenarien auf den Energiemarkt sind unmittelbar nach deren Eintritt am größten. Die Märkte erholen sich jedoch innerhalb von fünf Jahren und erreichen im Zehnjahreszeitraum in der Regel das Vorkrisenniveau.“ Je nach Szenario steigen in Nordwesteuropa die Pipelineauslastung und die LNG-Auslastung auf knapp 100 %. Ab 2030 wird jedoch ein Rückgang der LNG-Auslastung auf ca. 50 % erwartet – insbesondere aufgrund einer sinkenden europäischen Gasnachfrage.
Deutschlands Rolle als Transitland wird in der Analyse besonders deutlich: Störungen in der nördlichen oder südlichen Lieferinfrastruktur können potenziell zu infrastrukturbedingten Nachfrageengpässen und Preissteigerungen führen. Eine mögliche Umwidmung der Europipe I zu Wasserstoffinfrastruktur im Jahr 2030 zeigt in den Szenarien keine signifikanten Veränderungen bei Preis oder Nachfrage. Die Umwidmung würde aber die Effekte eines gleichzeitig auftretenden Preisschocks verstärken.
Kooperation von besonderer Bedeutung im Krisenfall
"In unserer Analyse haben wir strategische Handlungsfelder identifiziert, um die Widerstandsfähigkeit des Energiemarktes nachhaltig zu stärken. Von besonderer Bedeutung sind das umfassende Monitoring und die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene, um die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur in Krisensituationen zu bewerten und eine einheitliche Vorgehensweise sicherzustellen“ hebt Josephine Neuhaus, Studienautorin und Manager bei PwC Deutschland, hervor.
Zudem wird der Ausbau erneuerbarer Energien und die Förderung innovativer Technologien zur Reduzierung des Erdgasverbrauchs immer wichtiger. Strategien zur Preisstabilisierung sind ebenso ein wichtiges Handlungsfeld, sie sollen Marktdynamiken bei Preisänderungen abfedern. Verbesserungen der Infrastruktur durch flexiblere Verträge und erhöhte Redundanz im Transportsystem sind ebenfalls Teil der Empfehlungen. Zusätzlich kann die Diversifikation der Importe durch multilaterale Kriseninterventionsmechanismen und vielfältige Handelsbeziehungen, die Marktdynamik in Krisenzeiten stabilisieren und die europäische Gasversorgung langfristig sichern.
Download der Studie unter pwc.de