Im Kernkraftwerk Vogtle, Georgia, wurden zuletzt 2023 und 2024 Kernenergiekapazitäten in den USA in Betrieb genommen. (Quelle: Adobe Stock)
Laut T. Rowe Price verfügen die USA heute über 94 Reaktoren mit einer Kapazität von etwa 100 GW. Sie liefern etwa 20 % der Elektrizität des Landes. Seit Anfang der 1990er Jahre wurden fünf Reaktoren in Betrieb genommen, die mit 6 GW zur Energieversorgung beitragen. Um die Kernenergiekapazität in den USA bis 2050 zu vervierfachen, müssten von 2030 bis 2050 jährlich 15 GW an Reaktorleistung hinzukommen. Das übertrifft den Spitzenwert von 10,5 GW, der 1974 im Zubau erreicht wurde.
In seiner Analyse kommt T. Rowe Price zu dem Schluss, dass das benötigte Investitionsvolumen nur dann realistisch gehoben werden kann, wenn erheblicher Hindernisse für das Wachstum der Kernenergie beseitigt werden. Diese betreffen vier Bereiche.
Regulatorik und Finanzierbarkeit
Das erste Problemfeld betrifft Lizenzen und Genehmigungen. Zwei der vier Durchführungsverordnungen des US-Präsidenten zur Kernenergie konzentrieren sich auf diese Hindernisse, die neuen Kapazitäten im Wege stehen. Sie zielen sie auf die Erteilung von Lizenzen, Genehmigungen und Tests, die vor allem von der US-Nuclear Regulatory Commission (NRC) überwacht werden. Damit die Ziele erreicht werden können, müssten sowohl die Verfahren als auch die Entwürfe standardisiert werden, damit die NRC Entwürfe und Projekte schneller genehmigen kann.
Hinsichtlich der Kosten und der Finanzierbarkeit herrschen auch in den USA große Bedenken. Bei einem Preis von 15.000 US$/kW wäre ein Kernkraftwerk sowohl für die Steuerzahler als auch für die Investoren unwirtschaftlich. So teuer war das zuletzt in den USA gebaute Kernkraftwerk in Vogtle, Georgia. Die dort 2023 bzw. 2024 mit siebenjähriger Verspätung in Betrieb genommenen Blöcke lagen 18 Mrd. US$ über dem Budget. Dies wird dadurch verschärft, dass es nicht möglich ist, eine Fremd- oder Steuerfinanzierung für ein Kernkraftwerksprojekt zu erhalten. DOE wird mit der Verfügung beauftragt Wiederanläufen, Nachrüstungen und den Bau neuer Kernkraftprojekte zu finanzieren. Der Bau der Vogtle-Blöcke 3 und 4 fußte auf Kreditbürgschaften des Departments of Energy (DOE), was Rating-Agenturen bewog, die Kreditwürdigkeit des Betreibers, Georgia Power, herabzustufen. Mit weiteren Bauprojekten ist die Erwartung verbunden, dass die Entwicklung von Kernreaktoren die Wirtschaftlichkeit des Kernenergieeinsatzes verbessern wird, indem die im Vorfeld erforderlichen Kapitalkosten erheblich gesenkt werden. Niedrigere Stückkosten können zu einer verbesserten Finanzierbarkeit beitragen, da die schiere Größe der Projekte ein Finanzierungshemmnis darstellt, so T. Rowe Price.
Arbeitskräfte und Lieferketten
Die USA würden, so T. Rowe Price mit Verweis auf DOE, zusätzlich 375.000 Arbeitskräfte benötigen würden, um den Einsatz von 200 GW bis 2050 zu unterstützen. Diese Zahl umfasst etwa 100.000 Arbeitskräfte für den Betrieb neuer Reaktoren und 275.000 für Bau und Herstellung. Aufgrund des Mangels qualifizierter Kräfte wird auch die Ausbildung neuen Personals von T. Rowe Price als schwierig eingeschätzt.
Vor Herausforderungen steht auch die heimische Entwicklungs- und Fertigungskette. So gibt es keine heimischen Schmiedekapazitäten, um den Material- und Komponentenbedarf des Westinghouse AP1000-Reaktors zu decken. Ebenso gibt es für kritische Mineralien, die für den Bau eines Kernkraftwerks benötigt werden, nur ein geringes oder kein heimisches Angebot. T. Rowe Price geht davon aus, dass die Hemmnisse bei Arbeitskräften und Lieferanten die Möglichkeiten, neue Kernkraftkapazität zu schaffen, derzeit auf nur 3 GW/a begrenzt – sofern keine weiteren Beschränkungen vorliegen.
Uranaufbereitung und -verfügbarkeit
Ein weiterer wichtiger Engpass ist die Anreicherungskapazität von Uran. Die USA hatten einst einen führenden Anteil an den Anreicherungskapazitäten, was jedoch nach dem „Megatons to Megawatts“-Abkommen von 1993 ein Ende fand. In dem Zuge begann die Umwandlung von waffenfähigem Uran aus russischen Sprengköpfen in niedrig angereichertes Uran für kommerzielle Kraftwerke. Dies führte zu einem Überangebot an angereichertem Uran aus Russland, das die inländischen Anreicherungskapazitäten zum Erliegen brachte. Heute gibt es nur noch eine Urananreicherungsanlage in den USA, deren Kapazität gerade einmal ein Drittel des Bedarfs der US-Reaktoren abdeckt.
Im Zuge der präsidialen Durchführungsverordnungen ist das Arbeitsministerium beauftragt, die Arbeitskräftezahl im Nuklearbereich erhöhen. Zum Ausbau des Uranumwandlungskapazitäten und der Anreicherungskapazitäten sind DOE und NRC zur Entwicklung von Plänen aufgefordert.
Nach T. Rowe Price kommen die USA nicht umhin, verschiedene Reaktortechnologien einzusetzen, wenn sie die Ziele erreichen will. Gegenüber den traditionellen Großreaktoren, wie sie bzw. in Vogtle zum Einsatz kommen, haben neuere SMR-Reaktoren liegt in den deutlich niedrigeren Kapitalkosten, die durch Standardisierung noch weiter gesenkt werden könnten. Auch dieses Ziel ist in den Durchführungsverordnungen berücksichtigt.
Sollte die USA ihre ehrgeizigen Ziele erreichen, identifiziert T. Rowe Price einen weiteren Hemmschuh, sofern sich die Prognose eines weltweiten Wachstums der Kernenergie erfüllt: Es wird zu einem erheblichen Defizit bei der Uranversorgung kommen. Dies begründet T. Rowe Price mit erheblichen Unterinvestition in den Uranabbau seit 2011 in Folge der Abkehr von der Kernenergie nach dem Reaktorunfall in Fukushima.
Die im Juni 2025 vorgelegte Analyse ist in englischer Sprache hier abrufbar.