Kritische Betrachtung der EU-Richtlinie zur Bewertung der KWK
Seit jeher wird das Gesamtpotenzial der KWK für die Strom- und Wärmeerzeugung unterschätzt. Der Grund hierfür ist die bereits oben erwähnte einseitige Betrachtung in der Energiewirtschaft und -politik, gekennzeichnet durch den „elektrizitätswirtschaftlichen Tunnelblick“ der Politik, Wirtschaft und Industrie. Das ist u. a. besonders in der EU-Richtlinie 2012/27/EU [1] zu erkennen. Darin wird die getrennte Erzeugung von Strom und Wärme als Referenzfall betrachtet und stets als den „Normalfall“ eingestuft, an dem die KWK zu messen ist. So wird darin die Primärenergieeinsparung (PEE; Gl. 1) als alleinige Bewertungsgröße herangezogen. Eine unvoreingenommene Betrachtung hat aber auch den bei Verzicht auf KWK eintretenden Primärenergiemehrverbrauch (PMV; Gl. 2 gem. [2]) in den Blick zu nehmen. Die PEE ist die Differenz zwischen dem Primärenergieeinsatz im Referenzfall und bei KWK, dividiert durch den Primärenergieeinsatz im Referenzfall (getrennte Strom- und Wärmeerzeugung), s. Anhang zu [1].
Darin sind ηel-kwk elektrischer und ηth-kwk thermischer Wirkungsgrad der KWK, ηel-ref elektrischer und ηth-ref thermischer Wirkungsgrad des Referenzprozesses. Bei der PEE-Formel (Gl. 1) gem. EU-Richtlinie ist festgelegt, welche Referenzwerte für die jeweiligen Wirkungsgrade einzusetzen sind.
Bei den Wirkungsgraden der getrennten Erzeugung wird vorgeschrieben, dass hierfür Referenzwerte „von der besten im Jahr des Baus dieses KWK-Blocks auf dem Markt erhältlichen und wirtschaftlich vertretbaren Technologie für die getrennte Erzeugung von Wärme und Strom“ einzusetzen sind. Außerdem wird vorgeschrieben, dass „beim Vergleich von KWK-Blöcken mit Anlagen zur getrennten Stromerzeugung … die gleichen Kategorien von Brennstoffen verglichen werden“ müssen.
Daraus ist zu erkennen, dass die Richtlinie einseitig auf die Stromerzeugung in Großkraftwerken (Kondensationsstromerzeugung) als „Maß aller Dinge“ orientiert ist. Sie verkennt die Realität im Tagesgeschäft der mit Strom- und Wärmeversorgung befassten Energiefachleute. Weit naheliegender ist die Annahme, dass eine dezentrale KWK nicht Strom aus einer Gas-und-Dampfturbinen-(GuD-)Anlage, sondern aus einem vorhandenen älteren braunkohlegefeuerten Großkraftwerk ersetzt. Die Vorgehensweise der EU-Richtlinie wird einmal mehr konterkariert durch dramatische Veränderungen in der Energiewirtschaft: Verminderung des Erdgaseinsatzes, Ausbau der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien, Zusatzstrombedarf durch Elektromobilität und Wärmepumpen im Wärmemarkt usw.

