Timo Dell

Timo Dell: »Der entscheidende Vorteil einer Platt­formlösung ist, dass sie Komplexität reduziert, ohne die notwendige Flexi­bilität zu verlieren.« (Bilquelle: rku.it GmbH)

Herr Dell, Stichwort Plattformlösungen: Man hat das Gefühl, alle Unternehmen – sowohl Versorger als auch IT-Dienstleister – setzen mittlerweile auf Plattformlösungen, um die Herausforderungen der Energiebranche zu adressieren. Was ist der Vorteil an diesem Konzept?

Dell: Aus Sicht von rku.it liegt der entscheidende Vorteil einer Plattformlösung darin, dass sie Komplexität reduziert, ohne die notwendige Flexibilität zu verlieren. Die Energiewirtschaft steht vor immer neuen Anforderungen: regulatorische Veränderungen, steigende Datenmengen, neue Marktrollen, Digitalisierung und gleichzeitig Druck, effizienter zu arbeiten. Für Energieversorger bedeutet das häufig, dass viele unterschiedliche Systeme und Anwendungen zusammenspielen müssen.

Eine Plattform schafft hier einen gemeinsamen technologischen und prozessualen Rahmen. Standardisierte Prozesse können wiederverwendet und zentral weiterentwickelt werden, während sich über eine leistungsfähige Integrationsarchitektur auch spezialisierte Lösungen einbinden lassen. Genau diese Kombination ist für uns entscheidend. Wir wollen nicht alles selbst bauen, sondern eine stabile Basis schaffen, auf der unterschiedliche Lösungen sinnvoll zusammenspielen.

Hinzu kommt der Managed-Service-Ansatz. Der Kunde erhält nicht nur eine Software, sondern einen Partner, der sich um Betrieb, Updates, Sicherheit und die kontinuierliche Weiterentwicklung kümmert. Damit wird IT planbar und Unternehmen können sich stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

rku.it hat mit NextGen als einer der ersten IT-Service-Provider auf dieses Lösungskonzept gesetzt. Was ist das Besondere an Ihrer Lösung?

Dell: NextGen ist deshalb besonders, weil die Plattform aus der Energiewirtschaft heraus entwickelt wurde und gemeinsam mit unseren Kunden kontinuierlich weiterentwickelt wird. Wir bringen dabei tiefes Branchenwissen mit technologischer Standardisierung zusammen.

Ein wesentlicher Punkt ist unser Template-Ansatz. Wir haben wiederkehrende Prozesse und Anforderungen identifiziert und daraus standardisierte Lösungen entwickelt. Das bedeutet für unsere Kunden, dass sie nicht bei Null anfangen müssen. Gleichzeitig bleibt Raum für individuelle Anforderungen und bestehende Systemlandschaften.

Ein zweiter entscheidender Faktor ist die Integration. In der Realität gibt es bei Energieversorgern selten eine reine SAP-Welt. Unterschiedliche Systeme und Speziallösungen müssen miteinander kommunizieren. NextGen ist deshalb bewusst so aufgebaut, dass auch Drittlösungen integriert werden können. Wir haben dafür sogar einen eigenen Marktplatz (NextGen|Market), über den Kunden bereits integrierte Drittlösungen auswählen können.

Und schließlich gehört für uns der Betrieb und der Support dazu – Stichwort Managed Services. NextGen ist kein reines Softwareprodukt, sondern ein Gesamtangebot aus Plattform, Branchenprozessen, Integration und Customer-Community-Gedanke.

rku.it kann mittlerweile auf acht Jahre Erfahrung im Betrieb von Plattformlösungen zurückgreifen. Welche Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit gewonnen?

Dell: Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass Standardisierung und Individualisierung kein Widerspruch sein müssen. Im Gegenteil. Je besser die Standards, desto gezielter können wir dort individualisieren, wo es tatsächlich einen fachlichen Mehrwert gibt.

Wir haben außerdem gelernt, dass eine Plattform nur dann erfolgreich ist, wenn sie nicht isoliert betrachtet wird. Technologie allein reicht nicht. Entscheidend sind Prozesse, Organisation, Migration, Integration und letztlich Menschen, die damit arbeiten.

Vor allem die vergangenen Projekte haben uns gezeigt, wie wichtig wiederholbare Migrations- und Testverfahren sind. Der gleichzeitige Go-Live von fünf weiteren Energieversorgern war dafür ein sehr gutes Beispiel. Unterschiedlich historisch gewachsene Prozesslandschaften mussten in einem eng getakteten Zeitraum auf einer gemeinsamen Plattform zusammengeführt werden – und zwar auf einen neuen Standard hin. Wir brauchen aber auch den Willen der Kunden, den Template-Standard umsetzen zu wollen. Mitunter muss die historisch gelebte Komfortzone verlassen und neue Wege der Standardisierung gegangen werden.

Eine weitere Erkenntnis ist, dass eine Plattform nie fertig ist. Die Anforderungen der Energiewirtschaft ändern sich kontinuierlich. Deshalb müssen wir unsere Lösungen permanent weiterentwickeln und dabei sowohl technologische als auch regulatorische Veränderungen berücksichtigen.

Sie erweitern kontinuierlich ihr Partnerökosystem, zuletzt um die hsag AI ­Suite für intelligente Kundenserviceprozesse. Wie profitieren Ihre Kunden von diesem neuen Modul?

Dell: Mit der hsag AI Suite erweitern wir den NextGen|Market um eine Lösung, die einen sehr konkreten Anwendungsfall der Automatisierung und Verbesserung von Kundenserviceprozessen adressiert. Die Lösung verbindet Chat-, Voice- und E-Mail-Agenten auf einer gemeinsamen technologischen Basis. Dadurch können Kundenanliegen über unterschiedliche Kommunikationskanäle hinweg effizient bearbeitet werden. Für Energieversorger bedeutet das zum einen Entlastung der Mitarbeitenden, zum anderen können Kunden schneller rund um die Uhr Unterstützung erhalten.

Der entscheidende Mehrwert des NextGen|Market liegt für uns aber noch an einer anderen Stelle. Unsere Kunden müssen sich nicht selbst durch den gesamten Markt arbeiten und jede Technologie einzeln bewerten. Wir prüfen Lösungen vor der Annahme unter anderem hinsichtlich fachlichen Nutzens, Datenschutz, regulatorischer und sicherheitsrelevanter Anforderungen, technischer Integrierbarkeit und Betriebsaufwand.

Damit reduzieren wir den Evaluierungs- und Integrationsaufwand und schaffen einen einfacheren Zugang zu praxiserprobten Technologien. Die hsag AI ­Suite steht dabei nicht nur NextGen-Kunden offen, sondern auch Kunden, die ihre IT-Infrastruktur selbst betreiben. Offen gesagt haben wir hier aber auch andere Lösungen im Portfolio – beispielsweise deepsearch. Der Kunde entscheidet.

Mit der AI Suite hält eine KI-Technologie Einzug in ihr Partnerökosystem. Welche Bedeutung haben KI-Lösungen für Ihre Plattform und für rku.it allgemein?

Dell: KI spielt natürlich auch für uns eine immer wichtigere Rolle. Dabei geht es aber nicht darum, KI um ihrer selbst willen einzusetzen. Entscheidend ist für uns immer die Frage, welches konkrete Problem eines Kunden lösen wir damit und wie lässt sich die Technologie sicher und sinnvoll in bestehende Prozesse inte­grieren.

Genau deshalb passt KI auch sehr gut zu unserem Plattformansatz. NextGen stellt die technologische und prozessuale Basis bereit, während wir über unser Partnerökosystem gezielt neue Technologien integrieren können.

Darüber hinaus sehen wir KI nicht nur im Kundenservice. Perspektivisch kann sie in vielen Bereichen unterstützen, zum Beispiel bei der Automatisierung von Routineprozessen, der Verarbeitung und Strukturierung von Informationen oder bei der Unterstützung von Mitarbeitenden.

Wir wollen unseren Kunden nicht jede Technologie einzeln anbieten, sondern Technologien bewerten, integrierbar machen und in einen sicheren und betreibbaren Kontext bringen. Das ist aus meiner Sicht einer der wesentlichen Aufgaben eines modernen IT-Service-Providers.

Sie hatten im März 2026 das Go-Live bei fünf Energieversorgern verkündet. Wie viele Unternehmen nutzen NextGen mittlerweile und in wie vielen Migrationsprojekten sind sie aktuell?

Dell: Wir haben in diesem Jahr nochmal deutlich an Dynamik gewonnen. Wie zuvor erwähnt, konnten wir Anfang des Jahres fünf weitere Energieversorger gleichzeitig auf NextGen produktiv setzen. Darüber hinaus befinden sich weitere Unternehmen in unterschiedlichen Phasen ihrer Transformation. Dazu gehören sowohl vollständige Migrationen als auch Projekte, bei denen zunächst einzelne Komponenten wie Utilities, ERP oder Integration eingeführt werden.

Insgesamt sehen wir, dass sich NextGen zunehmend vom einzelnen Migrationsprojekt hin zu einer langfristigen Plattformpartnerschaft entwickelt. Bis 2030 planen wir mit rund 20 produktiven Stadtwerken.

An welchen weiteren Entwicklungen arbeiten Sie zurzeit bei NextGen, welche Bausteine fehlen noch in der Plattform?

Dell: Wir arbeiten im Grunde an drei Ebenen gleichzeitig. Zum einen entwickeln wir die bestehenden drei Produktlinien weiter und bauen weitere energiewirtschaftliche Prozesse aus. Zum anderen stärken wir die Integrationsfähigkeit und Möglichkeit, unterschiedliche Lösungen innerhalb einer Plattformarchitektur zusammenzuführen.

Ein gutes Beispiel ist die Weiterentwicklung von NextGen|Utilities. Nach der Marktrolle Verteilnetzbetreiber wurde auch die Rolle Lieferant als standardisierte Lösung auf Basis von S/4 Hana Utilities aufgebaut. Dabei wurden die relevanten Szenarien gemeinsam mit Unternehmen aus der Energiewirtschaft erarbeitet und die Basisversion integriert.

Gleichzeitig geht es um Themen wie Automatisierung, KI und weitere spezialisierte Partnerlösungen. Genau dafür bauen wir mit dem NextGen|Market unser Partnerökosystem weiter aus.

Ich würde deshalb auch nicht sagen, dass uns der eine große Baustein fehlt. Die Energiewirtschaft ist so dynamisch, dass eine Plattform niemals einen endgültigen Fertigstellungsgrad erreicht. Unser Ziel ist vielmehr, NextGen so weiterzuentwickeln, dass neue Anforderungen schnell aufgenommen werden können. Dazu binden wir derzeit auch verstärkt Kundenvertreter über ­Community-Konzepte mit ein.

Wir verfolgen drei Prinzipien. Standardisieren, wo es sinnvoll ist, integrieren, wo Speziallösungen einen Mehrwert bieten, und kontinuierlich weiterentwickeln, wo sich Markt und Technologie verändern. Genau darin sehen wir auch langfristig unsere Rolle als IT- und Transformationspartner der Energiewirtschaft.

Martin Heinrichs

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