Freileitungen wie diese sollen künftig durch einen witterungsabhängigen Leitungsbetrieb höher ausgelastet werden. (Bildquelle: Netze BW)
Mehr als 330.000 Erzeugungsanlagen mit insgesamt 8,5 Gigawatt Leistung sind an das Hochspannungsnetz der Netze BW angeschlossen. Das entspricht etwa acht Großkraftwerken, die rund drei Millionen Haushalte versorgen können - Tendenz steigend. Durch die zunehmende Elektrifizierung in Verkehr, Wärme und Industrie steigt zudem der Strombedarf perspektivisch weiter an. Beide Entwicklungen führen zu einer deutlich höheren Auslastung des Stromnetzes.
Um das Hochspannungsnetz (110 Kilovolt) an diese gestiegenen Anforderungen anzupassen, setzt Netze BW nicht nur auf neue Leitungen, sondern optimiert auch den Betrieb des bestehenden Netzes. „Mit den neuen Ansätzen können wir erneuerbare Energien schneller ins Netz integrieren und müssen weniger in den Netzbetrieb eingreifen, um Überlastungen zu vermeiden“, erläutert Fred Oechsle, verantwortlich für die Entwicklung der Stromnetze bei Netze BW. „Das hilft, die Kosten für Netzausbau zu senken, während die Versorgungssicherheit auf gleich hohem Niveau bleibt.“
Mehr Strom dank Kälte und Wind
Im aktuell laufenden Pilotprojekt zum Witterungsabhängigen Freileitungsbetrieb (WAFB) misst Netze BW die Temperatur per Sensor und weiß so jederzeit, wie viel Strom sicher durch die Leitungen fließen kann. Statt statischer Grenzwerte ermöglicht dies bei kühlem Wetter und Wind eine deutlich höhere Stromübertragung. Denn: Die Strombelastbarkeit von Freileitungen wird maßgeblich von der Temperatur des Leiterseils bestimmt. Die Übertragungskapazität kann im Einzelfall um über 25 Prozent steigen und so das Stromnetz deutlich stärken. Weitere Praxistests zeigen, wie groß das Potenzial tatsächlich ist. Der WAFB ist in Baden-Württemberg besonders anspruchsvoll, da die wechselhafte Topografie – zum Beispiel Schwarzwald, Schwäbische Alb und Alpenvorland – regionale Unterschiede bei Wind und Temperatur verursacht.
Automatisierung für mehr Netzkapazität
Die Netze BW zählt zu den ersten deutschen Verteilnetzbetreibern, die im Rahmen des Netzausbauplans 2026 die kurative Netzführung in die Netzanalysen ihres Hochspannungsnetzes integrieren.
Bei der kurativen Netzführung werden Eingriffe in die Erzeugung erst dann – aber dafür automatisiert – ausgelöst, wenn tatsächlich eine Störung wie ein Leitungsausfall eintritt. Im heutigen Betrieb erfolgen solche Maßnahmen dagegen überwiegend präventiv.
Jetzt hat Netze BW erstmals die kurative Netzführung praxisnah erprobt: Eine simulierte Störung im Umspannwerk wurde vom zentralen Leitsystem automatisch erkannt und führte dank eines eigenen Algorithmus zur schnellen, automatisierten Abregelung eines Windparks mit 33 Megawatt Leistung, um die Netzstabilität zu sichern.
„Die erfolgreiche Anbindung unseres Windparks an das automatisierte Netzmanagement der Netze BW zeigt, wie moderne Lösungen die Energiezukunft sicher und effizient unterstützen. Wir sind stolz, Teil dieses zukunftsweisenden Pilotprojekts zu sein“, freut sich Georg Honold, technischer Betreiber des Windparks von Schweizer-Honold Energiesysteme.
Ausblick
Der witterungsabhängige Freileitungsbetrieb wird künftig auf weiteren Leitungsabschnitten untersucht und in das zentrale Leitsystem integriert. Parallel dazu werden die Möglichkeiten der kurativen Netzführung konsequent weiterentwickelt. Beide Ansätze sollen sukzessive im gesamten Netzgebiet angewendet werden können, um langfristig die Übertragungskapazität des Hochspannungsnetzes zu steigern.