Dr. Peter Rügge (l.) und Torsten Göbel (r.)

Zum nunmehr fünften Mal laden Dr. Peter Rügge (l.) und Torsten Göbel Anfang September 2026 zur beyondgas nach Oldenburg (Bild: beyondgas)

„et“: Wie nehmen Sie die Stimmung in der Wasserstoff-Szene aktuell wahr? Nach der früheren Euphorie war im letzten Jahr doch schon deutlich zu spüren, dass das Thema in der Realität angekommen ist.

Rügge: Für den Jahresbeginn teile ich die Einschätzung. Die Veröffentlichung des langfristigen Liefervertrags zwischen der EWE und der Salzgitter AG Anfang Juni und weitere Deals, die im Umfeld des diesjährigen BDEW-Kongresses verkündet wurden, waren Stimmungsaufheller. Die Signale sind deutlich: Es gibt einen Wasserstoffmarkt, und er tritt in die Realisierungsphase ein.

Göbel: Wobei man schon zwei Lager wahrnimmt, wenn man mit Unternehmen spricht. Der eine Teil ist ganz konkret in der Umsetzungsphase. Dort ist richtig Zug drin, damit die Projekte vorankommen. Dem steht ein kleinerer Teil gegenüber, der noch in Wartestellung verharrt. Mit beyondgas richten wir uns natürlich primär an diejenigen, die sich darauf konzentrieren, ihre Projekte ganz konkret in die Startlöcher zu bekommen. Aber natürlich eröffnen wir auch denen, die zögern, mit beyondgas wertvolle Einblicke, nämlich wie auch sie einen gangbaren Weg finden können.

Die gesamte Bandbreite der Wasserstoffkette

„et“: Wenn man auf die Umsetzung von Projekten schaut, müssen ganz unterschiedliche Bereiche zusammenkommen. Das beginnt auf der einen Seite bei Herstellern und Zulieferern für Elektrolyseanlagen, reicht über das Kern- und Verteilnetz hinweg bis wir am Ende bei der Kundenbelieferung ankommen. Wie spiegelt sich das auf der Veranstaltung wider?

Rügge: Wasserstoffherstellung und -vertrieb sind natürlich stark finanzierungsabhängige Themen. Dort stehen Fragen der Refinanzierung und Kosten im Vordergrund; es interessieren Absicherungsmechanismen wie z. B. CfDs. Genau solche Fragen greifen wir praxisorientiert auf, u.a. in der Breakout-Session H2-Projektierung.

„et“: Traditionell sind aber diejenigen, die Infrastruktur zur Verfügung stellen, stark vertreten …

Rügge: … was daran liegt, dass man dort auch schon sehr weit ist. Diese Wertschöpfungsstufe treibt voran, was in den Netzentwicklungsplänen vereinbart ist. Projekte wie GET H2 in Lingen sind ja ein Beispiel dafür, dass in den Infrastrukturen die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Insofern freuen wir uns, dass wir mit Gasunie einen der großen Taktgeber als Co-Partner wieder an unserer Seite haben und auch andere Fernleitungsnetzbetreiber als Aussteller, Sprecher und Partner an unserer Seite sind.

„et“: Wenn wir auf spezifische Herausforderungen auf regionaler Ebene und Verteilnetzebene blicken: Wie wird das auf beyondgas adressiert?

Rügge: Da die regionalen Transformationsplanungen noch nicht vollständig abgeschlossen sind, ist natürlich viel Bewegung. Dazu wird sicherlich Benjamin Peschka von der MVV Netze in seiner Keynote aktuellste Einblicke geben. Gerade bei der Frage der Netzanschlüsse, die für die Unternehmen, die ans Netz drängen, stehen, sind noch viele Koordinationsfragen offen. Ich bin mir sicher, dass die EWE Netz sowohl als Aussteller als auch mit ihren Speakern wichtige Impulse zu Netzbetrieb und -vertrieb geben kann.

Wasserstoffkette integriert denken

Göbel: Aber noch einmal zurück zur Ausgangsfrage. Auch bei Komponenten- und Elektrolyseherstellern können wir einen Zulauf feststellen. Das Interesse nimmt in der Breite zu. Gerade der Elektrolysemarkt kommt durch chinesische Konkurrenzprodukte in Bewegung. Anlagen werden günstiger, und damit wird es auch für die europäischen Hersteller wichtiger, sich auf einer solchen Plattform, wie wir sie bieten, zu positionieren. Eine spezifische Entwicklung ist aber ganz wichtig …

„et“: Welchen Trend machen Sie da aus?

Göbel: Wir sehen, dass jetzt die Phase beginnt, in der mehrere Themen integriert gedacht werden. Insbesondere sind das natürlich die IT-Prozesse. Aber auch darüber hinaus verbinden wir mit der Veranstaltung den Anspruch, dass über die gesamte Wertschöpfung hinweg die Prozessketten überblickt werden müssen. Das hat der Markt noch nicht vollständig im Blick. Das haben wir uns aber bei der Programmplanung auf die Fahne geschrieben.

„et“: Wechseln wir auf die Nutzerseite. Wo sind die Anwender derzeit zu finden? Wo sind Sie als Kenner der Szene überrascht?

Rügge: Auf der Anwenderseite ist die Landschaft sehr heterogen. Wobei natürlich der Mobilitätssektor recht rührig ist. Wir sehen sehr viel Interesse dort, wo sich besondere Anwendungsbereiche ergeben, bspw. bei der Wasserstoff-Beimischung. Was noch immer brach liegt, ist die Nutzung des Wasserstoffs für die Wärmewende.

„et“: Woran liegt es, dass Wasserstoff in Deutschland kein Wärmethema ist?

Rügge: Es liegt jedenfalls nicht an der technischen Machbarkeit. Dass es geht, Gasnetze auf Wasserstoff umzustellen, haben Energie Südbayern, Energienetze Bayern und Thüga mit dem Projekt H2Direkt bewiesen. Gerade in Japan – wenn auch unter anderen Anschlussbedingungen – ist das ein großes Thema. Dort wird deutlich, dass die Wärmeversorgung von Haushalten mit Wasserstoff technisch sicher ist. Politisch wurde hier in Deutschland die Anwendung von Wasserstoff vom ehemaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck stark ausgebremst. Warum, ist mir bis heute nicht klar. Angesichts der aktuell schwierigen Erdgasversorgungslage sollte man sich seitens der Politik darüber klar werden, dass sich mit Wasserstoff technisch betrachtet über ein Drittel unseres Erdgasbedarfs substituieren ließe. Mit dem Markthochlauf werden auch die Wasserstoffpreise sinken.

Realitätsanker zum Praxisbezug

„et“: Welche Highlights können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf der Veranstaltung erwarten?

Göbel: Wir rücken in diesem Jahr die gelebte Wasserstoffpraxis ganz nach vorne. Das haben wir auch im beyondgas-Motto verankert. Es lautet: Keine Vision. Mehr Realität. Echte Entscheidungen. Um dem gerecht zu werden, haben wir sämtliche Keynotes und Breakout-Sessions über sogenannte Realitätsanker verknüpft. Schon im Vorfeld können die Teilnehmenden im Programm sehen, welche Kernfragen die jeweilige Session beantworten wird. Alle Speakerinnen und Speaker sind darauf gebrieft, die hinterlegten Fragen konkret zu beantworten. Es zählt der Praxisbezug. Unser Ziel ist es, den H2-Markt voranzubringen. Teilnehmende können sich auf gewohnt hochkarätig besetzte Diskussionsrunden freuen, in denen namhafte Vertreter aus Politik, Industrie und Verbänden auf der Bühne stehen werden. Am ersten Tag beleuchten wir die Marktperspektive, am zweiten Tag wird die deutsche und europäische Regulatorik im Vordergrund stehen.

„et“: Herr Rügge, Herr Göbel, vielen Dank für das Gespräch.

„et“-Redaktion

Ähnliche Beiträge