Der Weg zur Klimaneutralität ist ein Kraftakt, den Energieversorger in Deutschland unterschiedlich gut meistern

Der Weg zur Klimaneutralität ist ein Kraftakt, den Energieversorger in Deutschland unterschiedlich gut meistern (Quelle: Adobe Stock)

Große Anbieter sind schon deutlich weiter. Dennoch erscheint in der Branche mit Blick auf die selbst gesteckten Ziele der Unternehmen zumindest eine Halbierung des direkten CO2-Ausstoßes bis 2029 möglich. Der deutschen Energiewirtschaft steht ein Kraftakt auf dem Weg zur Klimaneutralität bevor. „Die zügige Abkehr von fossilen Brennstoffen und die Erschließung erneuerbarer Energiequellen ist das Thema der Zeit. Doch für die Energieversorger kommt die Dekarbonisierung einem 8000er-Gipfel gleich, den es zu erklimmen gilt“, sagt Thomas Fritz, Energieexperte und Partner bei Oliver Wyman. Politik, Kapitalmarkt und Verbraucher erwarten dabei sogar ein zunehmend höheres Tempo. Ein von der Strategieberatung ermittelter Dekarbonisierungsindex gibt nun Aufschluss, wo die 24 betrachteten Energieversorgungsunternehmen (EVU) stehen.

Haupthebel der Transformation

„Die deutsche Energiewirtschaft hat die Route abgesteckt, doch die einzelnen Player sind weit über den Berg verteilt“, sagt Fritz. „Für viele Unternehmen ist eine wesentliche Beschleunigung des Umbaus nötig.“ Der Haupthebel zur Transformation im Stromsektor ist eine möglichst klimaneutrale Erzeugung und Beschaffung – an diesem Punkt bestehen überraschend deutliche Unterschiede. Die Studie betrachtet drei Größencluster – fünf überregionale Versorger, acht große Regionalversorger und Stadtwerke sowie elf kleine bis mittelgroße Stadtwerke. Dabei zeigt sich ein auffälliger Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und dem Reifegrad der grünen Transformation: Die überregionalen Versorger schneiden am besten ab mit einem Wert von 7,9 auf einer Skala von 1 bis 10, gefolgt von großen Regionalversorgern mit 6,3. Mittelgroße und kleine Regionalversorger landen bei 5,1. Betrachtet wird im Index die Performance entlang der gesamten Wertschöpfungskette der EVU.

Anleger treiben Konzerne an

Die fünf Konzerne haben ihre Größenvorteile genutzt, um ihre Klimabilanz insbesondere in den Bereichen Erzeugung und Netze zu verbessern. „Als Ursachen für die vergleichsweise konsequente Strategie der Großversorger sehen wir nicht nur deren größeren finanziellen Spielraum, sondern auch die Veröffentlichungspflichten und den Druck des Kapitalmarkts“, sagt Jörg Stäglich, Partner und Global Head Utilities bei Oliver Wyman. Es falle positiv auf, dass insbesondere die überregional tätigen Unternehmen viele Pilotprojekte vorantreiben. Diese müssten nun rasch in die Praxis überführt werden. „Vor allem beim Umbau des Erzeugungsparks gibt es einen anhaltend hohen Handlungsbedarf.“

Der Koalitionsvertrag der Ampelregierung sieht für 2030 vor, dass in Deutschland 80 % des benötigten Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt – 2020 waren es rund 45 %. Für viele Versorger ist die Lücke sogar noch größer. Der Anteil der Erneuerbaren am Stromabsatz macht laut Dekarbonisierungsindex über alle betrachteten Unternehmen aktuell nur 24 % im Mittelwert (Median) aus. Hier zeigen sich die kleinen und mittelgroßen Stadtwerke als ambitionierteste Gruppe: 60 % von ihnen kommen schon heute auf über 50 % Ökostrom-Anteil.

Ausbau der Erneuerbaren im Fokus

84 % der Energieversorger planen eigenen Angaben zufolge einen Ausbau der erneuerbaren Energien. Als weitere angestrebte Maßnahmen folgen Investitionen in E-Mobilität (76 %) und eine verbesserte Energieeffizienz (48 %). 36 % schreiben den Abbau fossil betriebener Kraftwerke auf ihre Agenda, 24 % streben eine Netzoptimierung oder den Netzausbau an. Nach Berechnungen der Oliver Wyman-Experten könnten die Maßnahmen bei tatsächlicher Umsetzung dafür sorgen, dass sich der CO2-Ausstoß der befragten Unternehmen bis 2029 gegenüber dem Bezugsjahr 2020 halbiert. Bis 2040 könnten auf diesem Pfad die direkt verursachten und aus Energielieferungen resultierenden Emissionen („Scope 1 und 2“) auf Null reduziert werden.

Schwieriger ist die Lage, wenn auch die indirekten Emissionen aus der Lieferkette („Scope 3“) einbezogen werden, die zudem nur in wenigen Fällen ausgewiesen werden, sagt Dennis Manteuffel, Principal bei Oliver Wyman: „Um in diesem Szenario völlig klimaneutral zu wirtschaften, wäre bis zum Jahr 2050 mindestens eine weitere jährliche Einsparung von 170 Mi0. T CO2 nötig.“

Neben der gesellschaftlichen Debatte und steigender Konsumentennachfrage könnte auf politischer Seite die Erhöhung des CO2-Preises wirksame Anreize setzen. Ambitionierte Ausbauziele für Erneuerbare auf EU-Ebene und feste Strommengenziele könnten Versorger künftig zwingen, ihren Einsatz zu erhöhen, sagt Oliver Wyman-Partner Stäglich. Kleine und mittelgroße Stadtwerke dürften im dynamischen Markt keine Zeit verlieren. „Auch wenn der Handlungsdruck bei den kleineren Stromlieferanten aktuell noch nicht so groß erscheinen mag, so können sie sich dennoch nicht zurücklehnen.“ Privatkunden aber auch Investoren messen dem Thema Nachhaltigkeit eine immer höhere Dringlichkeit zu.

Handlungsempfehlungen

Vier Handlungsempfehlungen können helfen, die Mammutaufgabe Dekarbonisierung zu bewältigen, erläutert Fritz. Erstens sollten die Ziele klar kommuniziert werden, nicht nur gegenüber externen Stake- und Shareholdern, sondern auch intern. Zweitens müsse die Erzeugung als größte primäre Quelle von CO2-Emissionen konsequent angegangen werden. „Wer den Umbau verschleppt, läuft auch angesichts regulatorischer Eingriffe durch den Staat Gefahr, dass das Anlagevermögen entwertet wird, sog. Stranded Assets.“ Drittens sollten vermehrt zielgruppenorientierte Dekarbonisierungs-Lösungen angeboten werden, sowohl im B2C- als auch im B2B-Bereich. Die erhöhte Zahlungsbereitschaft vieler Privathaushalte für klimafreundliche Energie bietet laut Fritz Chancen auf zusätzliche Erlöse. Viertens gehe es darum, die Digitalisierung als Enabler der Dekarbonisierung zu begreifen. Gerade der neue Trend zur Dezentralität auch in der Erzeugung lässt sich technisch am besten mit einer modularen IT-Architektur umsetzen, sagt Fritz. „Wer hier schnell anpackt und aufbaut, hat die besten Chancen im Energiemarkt der Zukunft.“

Weitere Informationen unter oliverwyman.de

„et“-Redaktion

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