Der Klimawandel wartet nicht – Handeln tut not

Abb. 3 Versorgungssicherheit, Wertung H2 2019 und H1 2020 (Bildquelle: McKinsey & Company)
COVID-19 hat binnen weniger Wochen die Welt von Grund auf verändert. Vieles, das vor der Krise als undenkbar galt, wurde auf einmal Realität. Auch große Teile des Wirtschaftssystems, vom Geschäftsmodell bis zur Lieferkette, werden im Zuge von Corona neu gestaltet. In dieser Dynamik steckt eine gewaltige Chance – auch für die Energiewende.
Jetzt ist der Zeitpunkt, um nachhaltige Impulse für die Dekarbonisierung unseres Landes zu setzen und den Umbau des Energiesystems voranzutreiben. Denn der Klimawandel wartet nicht: Die entscheidenden Schritte zur Energiewende müssen in diesem Jahrzehnt gegangen werden, wenn Deutschland die Klimaziele erreichen will.
Energiewende-Index Deutschland: die Indikatoren im ÜberblickSteigender Anteil der Erneuerbaren, sinkender CO2-Ausstoß: Auf den ersten Blick fällt die aktuelle Energiewendebilanz recht positiv aus. Doch bei genauer Betrachtung besteht in vielen Bereichen weiterhin deutlicher Handlungsbedarf. Die 15 Indikatoren im Energiewende-Index bilden die oben beschriebenen Effekte der COVID-19-Pandemie bislang nur in Einzelfällen ab, da die zugrunde liegenden Daten größtenteils noch vor dem Lockdown erhoben worden sind. Die Datenerhebung zur Energiewende erfolgt zumeist in einem sechsmonatigen oder jährlichen Turnus. Somit ergibt sich ein Bild, das sich von der letzten Veröffentlichung im März zunächst nicht wesentlich unterscheidet – nahezu alle Indikatoren verbleiben in ihrer Kategorie: Fünf sind in ihrer Zielerreichung „stabil realistisch“, fünf weitere in der Kategorie „unrealistisch“. Drei momentan noch als realistisch eingestufte Indikatoren stehen mittelfristig auf der Kippe, für zwei weitere (darunter erstmals auch für die Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien) besteht Anpassungsbedarf. Innerhalb der Kategorien verzeichnen gleich viele Indikatoren positive wie negative Trends: Verbessert haben sich der EE-Anteil am Bruttostromverbrauch, die Sektorkopplung im Bereich Verkehr, die verfügbare Kapazität aus Nachbarländern und die Kosten für Netzeingriffe. Schlechtere Werte verbuchen hingegen die Sektorkopplung im Bereich Wärme, der Haushaltsstrompreis, die Gesicherte Reservemarge und einmal mehr der Ausbau der Transportnetze. Die Negativtrends zeigen, dass die Energiewende trotz kurzfristiger positiver Effekte weiterhin stockt – unabhängig von Corona. Fünf Indikatoren mit stabil realistischer ZielerreichungDer EE-Anteil am Bruttostromverbrauch lag im ersten Halbjahr 2020 nach Schätzungen des Branchenverbands BDEW bei fast 50 % und damit deutlich über dem Zielwert von 34 % (Abb. 1). Der Indikator kommt damit auf eine Zielerreichung von 191 % – aber wohl nur vorübergehend. Denn hauptursächlich waren die günstigen Witterungsverhältnisse und der geringere Stromverbrauch infolge der Corona-Beschränkungen. Die Gesamtenergiekosten Haushalte hatten 2019 einen Anteil von 10,2 % am Gesamtwarenkorb der Verbraucher – nur 0,1 % mehr als im Jahr 2009. Dieser stabile Wert bringt den Indikator auf eine Zielerreichung von 99 % (Abb. 2). Der Indikator Verfügbare Kapazität für Import aus Nachbarländern kann mit einer Zielerreichung von 203 % als stabil realistisch betrachtet werden (Abb. 3). Aktuell stehen in Deutschlands Nachbarländern 21,4 GW für Stromimporte zur Verfügung. Mittelfristig könnte der Indikator weiter an Relevanz gewinnen, denn der geplante Ausstieg aus Kernenergie und Kohleverstromung lässt die Reservemarge hierzulande spürbar schrumpfen und macht Stromimporte bei einem Versorgungsengpass womöglich notwendig. Für die Indikatoren Ausfall Stromversorgung und Industriestrompreis liegen keine belastbaren neuen Daten vor. Mit einer bisherigen Zielerreichung von 108 % bzw. 186 % verbleiben daher beide in der Kategorie „realistisch“. Drei Indikatoren auf der KippeDer EE-Anteil am Bruttoendenergieverbrauch lag bei 17,1 % und hat damit sein aktuelles Ziel von 17,4 % nahezu erfüllt. Doch ohne umfassende Elektrifizierung des Verkehrs- und Wärmesektors wird der Zielerreichungsgrad in den nächsten Jahren erheblich sinken, denn der EE-Anteil müsste doppelt so schnell ansteigen, um die geforderten 30 % bis 2030 zu erreichen. Zwar hat der Indikator Sektorkopplung: Wärme bereits 2018 das 2020-Ziel von 14 % EE-Anteil am Wärmeverbrauch überschritten. Aktuell liegt die Zielerreichung bei 146 %. Um allerdings auch die neue Marke von 27 % bis 2030 zu erreichen, müsste der EE-Anteil ab jetzt achtmal schneller ansteigen als im vergangenen Jahrzehnt. Die gesicherte Reservemarge hat sich nahezu halbiert – von 4,7 % in 2018 auf nunmehr 2,3 %. Noch liegt der Indikator in seiner Zielerreichung bei 109 %, doch mit dem Ausstieg aus der Kern- und Kohleenergie könnte die lange Zeit stabile Reservemarge ihre Zielmarke mittelfristig verfehlen. Zwei Indikatoren mit AnpassungsbedarfDer CO2e-Ausstoß verbleibt mit einem Zielerreichungsgrad von 83 % nach dem Datenstand von 2019 in der Kategorie „leichter Anpassungsbedarf“. Zwar wird der Indikator dank der deutlich geringeren Emissionen während der Corona-Lockdowns sein Ziel in diesem Jahr voraussichtlich fast vollständig erfüllen, doch der Effekt wird nicht von Dauer sein. Die weitere Einsparung von CO2 bleibt deshalb eine der wichtigsten Aufgaben der Energiewende. Die Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien in Deutschland wurden aufgrund neu verfügbarer Daten für das Jahr 2018 rückwirkend nach unten korrigiert. Damit rutscht der Indikator erstmals in die Kategorie Anpassungsbedarf ab. Mit den jetzt gezählten 263.700 Arbeitsplätzen wird der ursprüngliche Zielwert aus dem Jahr 2009 um fast 60.000 unterschritten, die Zielerreichung liegt bei 82 % – Tendenz fallend. Denn der geplante Stellenabbau bei Windturbinenherstellern wie Enercon lässt eine weitere Verschlechterung des Indikators erwarten. Zielerreichung für fünf Indikatoren unrealistischDer Primärenergieverbrauch überschreitet mit aktuell 12.832 PJ klar den Zielwert von 11.744 PJ und bleibt mit 59 % Zielerreichung weiterhin unrealistisch. Der Indikator Sektorkopplung: Verkehr erreicht im ersten Halbjahr 2020 sein Ziel nur zu 19 %. Zwar stieg der Bestand an Elektrofahrzeugen gegenüber der letzten Index-Erhebung um gut 70.000 auf jetzt 283.504. Doch von den aktuell geforderten 763.720 ist Deutschland fast eine halbe Million E-Autos entfernt. Die Kosten für Netzeingriffe fielen 2019 deutlich von 10,8 € pro MWh aus Erneuerbaren auf 6,4 €. Dennoch ist das angestrebte Ziel von 1 € pro MWh erst zu 61 % erreicht. Der Indikator Ausbau Transportnetze wird mit nur noch 35 % Zielerreichung immer unrealistischer. 3.321 km hätten bis Mitte 2020 fertiggestellt sein müssen, um auf dem Zielpfad zu bleiben – realisiert wurden gerade einmal 1.340 km. Ebenfalls unrealistisch bleibt das Ziel für den deutschen Haushaltsstrompreis. Mittlerweile liegt er fast 56 % über dem europäischen Durchschnitt – fast 10 Prozentpunkte höher als bei der letzten Erhebung. Der Indikator fällt damit in seiner Zielerreichung auf 0 %. |
Feedback erwünscht
Der Energiewende-Index bietet alle sechs Monate einen Überblick über den Status der Energiewende in Deutschland. Reaktionen und Rückmeldungen seitens der Leser sind ausdrücklich erwünscht und werden bei der Aktualisierung des Index berücksichtigt, sofern es sich um öffentlich zugängliche Daten und Fakten handelt. Auf der Website von McKinsey besteht die Möglichkeit, den Autoren Feedback zum Thema Energiewende zu geben: www.mckinsey.de/energiewendeindex
Dr. T. Vahlenkamp (thomas_vahlenkamp@mckinsey.com), Senior Partner, McKinsey & Company, Düsseldorf; Dr. I. Ritzenhofen, Partner, McKinsey & Company, Köln; Dr. H. Engel, Partner, McKinsey & Company, Frankfurt, F. Pflugmann, Senior Associate, McKinsey & Company, Frankfurt; F. Stockhausen, Analyst, McKinsey & Company, Düsseldorf