Eine wasserstoffbasierte Stahlproduktion ist Schlüssel für die technologische Souveränität und industrielle Handlungsfähigkeit Europas. (Bild: Adobe Stock)
Die Diskussion um Wasserstoff wird noch immer häufig aus der Perspektive des Klimaschutzes geführt. Das ist nachvollziehbar, greift inzwischen jedoch zu kurz. Für die IG Metall ist die Zukunft des Wasserstoffs keine abstrakte Debatte. Sie vertritt Beschäftigte entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Energieerzeugung und Infrastruktur über Anlagen- und Komponentenbau bis hin zu Stahlindustrie und anderen industriellen Anwendern. Über Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten begleitet sie den Transformationsprozess an zahlreichen entscheidenden Stellen der entstehenden Wasserstoffwirtschaft.
Die gewerkschaftliche Perspektive unterscheidet sich dabei von sektoralen Einzelinteressen: Sie betrachtet den Erfolg der Transformation als Gesamtsystem. Die eigentliche Frage lautet heute nicht mehr, ob Wasserstoff benötigt wird. Die Frage lautet, wie aus zahlreichen Förderprojekten, Demonstrationsanlagen und Leuchttürmen ein tragfähiger industrieller Markt entstehen kann.
Weg von Leuchttürmen – hin zum industriellen Hochlauf
Die vergangenen Jahre waren geprägt von Pilotprojekten, Reallaboren und öffentlich geförderten Vorhaben. Diese Projekte waren notwendig. Sie haben Technologien erprobt, Erfahrungen gesammelt und erste industrielle Anwendungen ermöglicht. Doch Leuchttürme schaffen noch keine Wasserstoffwirtschaft.
Noch immer stehen viele Investitionsentscheidungen unter Vorbehalt. Elektrolyseprojekte warten auf verlässliche Abnehmer. Industrieunternehmen benötigen Sicherheit über Verfügbarkeit und Preise. Netzbetreiber brauchen belastbare Auslastungsperspektiven. Projektentwickler sehen sich einer unzureichenden Nachfrage gegenüber.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, dass die verschiedenen Elemente des Wasserstoffsystems nicht im gleichen Tempo voranschreiten. Erzeugung, Transport, Speicherung und Nutzung müssen zeitlich und räumlich zusammengeführt werden. Nur dann können Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ausgelöst werden.
Weder Elektrolyseure ohne industrielle Nachfrage noch industrielle Anwendungen ohne gesicherte Versorgungsperspektive schaffen einen funktionierenden Markt. Der Wasserstoffhochlauf benötigt daher keine weitere Aneinanderreihung von Einzelprojekten, sondern den Aufbau industrieller Ökosysteme. Die eigentliche industriepolitische Aufgabe besteht darin, aus einer Projektlandschaft einen Markt zu machen.
Wettbewerbsfähige Energiepreise sind die Brücke zum Hochlauf
Politik und Unternehmen diskutieren häufig über Infrastruktur, Genehmigungsverfahren oder Förderkulissen. Für die industrielle Realität ist jedoch eine andere Frage mindestens ebenso entscheidend: Zu welchen Kosten stehen Strom und Wasserstoff künftig zur Verfügung?
Gerade die Stahlindustrie zeigt exemplarisch, wie eng die Wettbewerbsfähigkeit klimaneutraler Produktionsverfahren mit den Energiepreisen verbunden ist. Strom, Wasserstoff und Netzinfrastruktur sind keine Randbedingungen der Transformation, sondern ihre wirtschaftliche Grundlage. Hohe Energiepreise machen aus einer Klimaschutzaufgabe schnell ein Standortproblem. Die IG Metall hält deshalb an der Forderung nach international wettbewerbsfähigen Industriestrompreisen fest. Ein Industriestrompreis ist keine Dauersubvention. Er ist eine Brücke, bis erneuerbare Energien, Netze und funktionierende Wasserstoffmärkte dauerhaft wettbewerbsfähige Preisstrukturen ermöglichen. Auf der Branchenkonferenz Stahl im Juni 2026 wurde erneut hervorgehoben, dass Strompreise von etwa 5 ct/kWh inkl. aller Steuern und Abgaben für die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Industrien von zentraler Bedeutung sind. Doch auch die Diskussion über wettbewerbsfähige Strompreise allein reicht nicht aus.
Unternehmen benötigen belastbare Perspektiven für die Verfügbarkeit und den Preis von Wasserstoff. Investitionsentscheidungen über Milliardenbeträge werden nur dann getroffen, wenn Wasserstoff in ausreichenden Mengen und zu wettbewerbsfähigen Bedingungen verfügbar sein wird. Der Hochlauf braucht deshalb nicht nur Infrastrukturpolitik, sondern eine aktive Politik für den Aufbau funktionierender Wasserstoffmärkte.