Ein resilientes Strommarkt-Design unter Einbeziehung sicherheitspolitischer Risiken

Abb. 5 Entwicklung der Ausbauziele für erneuerbare Energien in der EU (Quelle: Eurasiagroup 2023)

Abb. 6 Stromerzeugung aus Kohle-, Gas- und Kernkraftwerken in den fünf größten europäischen Ländern, Januar 2023 (Quelle: S&P 2023)
Sowohl die Energieversorgungssicherheit Deutschlands und der EU basieren bisher jedoch weiterhin zu sehr auf Best-Case-Szenarien in einem stabilen geopolitischen Umfeld und der zugrunde liegenden Annahme, dass Strom ein Rohstoff wie jeder andere ist. Beide erkennen bisher nicht ausreichend, dass Elektrizität mehr denn je die Blutader einer modernen High-Tech-Wirtschaft ist und weiter an strategischer Bedeutung gewinnen wird. Ihr Funktionieren wird immer mehr von einer stabilen Stromversorgung und einem widerstandsfähigen Strom¬system abhängen. Als das BMWK z.B. im vergangenen September Stresstests für seine Stromversorgungssicherheit veröffentlichte, stützte es sich ausschließlich auf die Marktpara¬meter von Angebot und Nachfrage.
Die Analyse enthielt jedoch kein von Sicherheitsexperten viel diskutiertes Szenario, das einen effektiven, groß angelegten russischen Cyberangriff auf das europäische Stromsystem berücksichtigt, obwohl der Kreml seinen politischen Willen und seine Fähigkeiten hierzu bereits Ende 2015 unter Beweis gestellt hat. So hatte Russland das ukrainische Stromsystem vorbereitend ein dreiviertel Jahr vorher angegriffen, um die Schwachstellen des ukrainischen Stromsystems auszukundschaften und zu identifizieren (ohne dass die Ukraine zu jenem Zeitpunkt den Angriff bemerkt hatte), bevor dann Ende 2015 der eigentliche Cyberangriff einen großflächigen regionalen Stromausfall verursachte. Dieser betraf drei unterschiedliche westliche Regionen der Ukraine und rund 230.000 Menschen, die für sechs Stunden ohne Strom auskommen mussten. Insgesamt waren 27 Stromverteilungseinrichtungen ausgefallen und 103 Städte vollständig sowie weitere 186 Städte teilweise von einer Stromversorgung ausgeschlossen [6].
Seit der russischen Invasion in der Ukraine und den westlichen Sanktionen befürchtet der Westen, dass ein derartiger Cyberangriff auf die europäische Stromversorgung eher eine Frage der Zeit als des „Ob“ sein werden. Obwohl diese groß angelegten Cyberangriffe bisher in dem Ausmaß nicht stattgefunden haben (wohl auch weil die USA und Großbritannien Cybervergeltungsschläge gegen die kritischen Infrastrukturen Russlands angedroht haben), kann sich Putins Risikokalkül jeden Tag ändern. Dennoch wurden selbst jetzt diese Szenarien nicht in die rein marktbasierten Analysen des Angebots- und Nachfragegleichgewichts integriert. Das unterstreicht auch, dass die Versorgungssicherheit durch die Beachtung nichtwirtschaftlicher Sicherheitsrisiken immer noch nicht ausreichend berücksichtigt wird – selbst nicht im Zuge des Ukraine-Krieges! Dies ist insofern wenig verständlich und nachvollziehbar, als gleichzeitig die Kapazitätsplanungen für die neuen LNG-Importterminals in Deutschland entsprechende Reservekapazitäten vorsehen, die auch das Szenario russischer Sabotageangriffe auf die Offshore-Gasversorgung Norwegens ebenso vorsehen wie die notwendigen Gasweiterleitungen an Österreich, Tschechische Republik, die Slowakei, die Ukraine und künftig sogar auch an Moldawien, die keinen Meereszugang und LNG-Importterminals haben [7].
Das künftige Stromsystem der EU – das durch die Elektrizität und Digitalisierung der europäischen Industrien und kritischen Infrastrukturen sowohl resilienter als auch verwundbarer wird – wird künftig noch weitaus mehr mit Cybersicherheitsrisiken konfrontiert werden – einschließlich hochentwickelter staatlich unterstützter "Advanced Persistent Threats (APTs"). Aber um die Widerstandsfähigkeit des künftigen EU-Stromsystems zu verbessern, benötigt die EU auch viel mehr (und in der Tat kostspielige) Reservekapazitäten gegen derartig bedrohliche Cybersicherheitsbedrohungen, die bisher jedoch nicht ausreichend für solche Szenarien zur Verfügung stehen.
Trotz der insgesamt weiter steigenden Bedeutung des europäischen Strommarktes neben der Elektrifizierung des Verkehrs und neuer Industriesektoren muss der reformierte EU-Strommarkt ein überreguliertes und unkontrollierbares staatlich interventionistisches Marktdesign vermeiden. Stattdessen muss dieses auf eine zuverlässige Versorgung, eine europaweite markteffiziente Abstimmung von Angebot und Nachfrage, die Sicherung erschwinglicher Strom¬preise in den entsprechenden Regionalzonen und eine ausreichende Markttransparenz fokus¬siert und ausgerichtet sein, wobei bisher häufig die Transparenz bei den interventionistischen staatlichen Maßnahmen oft fehlt.
Da das neue Marktdesign der EU noch viel mehr grenzüberschreitende Zusammenarbeit, Handel und gemeinsame Infrastrukturen vorsieht, wird auch die zukünftige Stromversorgungssicherheit Deutschlands immer stärker von einem stabilen und widerstandsfähigen EU-Strombinnenmarkt abhängen – und damit von den realen zukünftigen Kapazitäten und Politiken seiner EU-Nachbarländer. Dabei basiert nicht nur die Aussage, dass die Stromversorgungssicherheit Deutschlands bis 2030 sicher sei, auf zahlreichen, z.T. wenig realistischen Best-Case-Annahmen, sondern auch auf Annahmen ausreichender Stromerzeugungskapazitäten in Nachbarstaaten wie Frankreich, die inzwischen schon wieder überholt sind. Nach den neuesten Analysen werden bis 2033 jährlich sechs Nuklearreaktoren in Frankreich aufgrund der obligatorischen Jahresinspektionen nicht am Netz sein, so dass selbst von der oben genannten derzeit ohnehin reduzierten Atomstromproduktion von 280 TWh (statt 380 TWh) bis 2033 nur 350 TWh realistisch sind. Zudem geht Deutschland von einer deutlich höheren Windkraftleistung bis 2030 aus als Frankreich, die noch mal einen Unterschied von 9 TWh ausmacht [8]. Auch in anderen Nachbarstaaten drohen Probleme des Ausbaus der EE sowie der Aufrechterhaltung von Nuklear- oder der verbleibenden fossilen Kraftwerksleistung zur Stromproduktion.
Von einer gesicherten Stromversorgungssicherheit kann Deutschland derzeit mit der Perspektive bis 2030 jedenfalls keinesfalls ausgehen, zumal die Risiken mit extremen Wetterlagen aufgrund des Klimawandels ebenfalls weiter zunehmen. Zudem ist der Grundsatz zu beachten, dass Versorgungssicherheit – bei Strom wie Gas oder Öl – immer auch ein Preisschild hat, das am Ende bei Beachtung immer viel weniger kosten wird als bei Nichtbeachtung und der daraus resultierenden Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Hätte Deutschland z.B. rechtzeitig in LNG-Importterminals investiert wie die meisten anderen EU-Staaten ab spätestens 2010 (auf Empfehlung der Kommission und vieler EU-Experten), dann wäre es nicht zu solch hohen Gas- und Stromreisexplosionen und sonstigen kostspieligen Gegenmaßnahmen in 2022 gekommen, die sich heute für den Steuerzahler als sehr viel teurer erweisen.
Quellen
[1] BMWK (01.02.2023): Versorgungssicherheitsbericht Strom (https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Downloads/V/Versorgungssicherheitsbericht-strom.html).
[2] Vgl. M. Theurer: Wird der Strom bald rationiert?, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), 15.1.2023, S. 17.
[3] Vgl. J. Wagner u.a.: Analyse der Versorgungssicherheit bis 2030. Trends und Szenarien im deutschen Stromsektor, EWI, Köln, 29.9.2022.
[4] Vgl. Nathan Witkop: German Grid Upgrades to Cost EUR 240bn by 2045, 24.3.2023 (https://www.montelnews.com/news/1468486).
[5] STEAG/Iqoni: Position zur Öffentlichen Konsultation der EU-Kommission zur Überarbeitung der europäischen Strommarktgestaltung, Berlin, Februar 2023.
[6] Vgl. auch F. Umbach: “Russia’s Cyber Fog in the Ukraine War”, Geopolitical Intelligence Service (GIS), 16.6.2022 (https://www.gisreportsonline.com/r/russia-cyber/) und ders.: Russische und chinesische Cyberattacken auf die USA. Geopolitische Folgen auch für Deutschland und Europa, in: Europäische Sicherheit&Technik (ES&T), Mai 2021, S. 27-30.
[7] Vgl. F.Umbach: Die L NG-Versorgungssicherheit der EU: Ausreichende Kapazitäten oder Stranded Assets?, in: Energiewirtschaftliche Tagesfragen 2023, Heft 5, S. 24-29.
[8] Vgl. auch Niklas Záboji, Frankreichs Stromnöte, in: FAZ, 11.3.2023, S. 21.
Dr. F. Umbach, Forschungsleiter/Head of Research, European Cluster for Climate, Energy and Resource Security (EUCERS)/Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS), University of Bonn; Executive Advisor, ProventisPartners, München; NATO-Consultant for Energy and Climate Security