Es diskutierten (oben v. l. n. r.) Nils Brettschneider (Taktsoft), Felix Hofmann (medl), Sven Jansen (brandseven) mit (unten v. l. n. r.) Bodo Kraft (FH Aachen) und Peter Martin Schroer (BO4E-Vereinsvorsitzender). (Bilder: Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e. V.)
Neue Geschäftsmodelle, spezialisierte Anwendungen und immer kürzere Innovationszyklen treffen in der Energiewirtschaft auf historisch gewachsene, häufig monolithische Systemlandschaften. Seit zehn Jahren trägt die gemeinnützige Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e. V. mit der Entwicklung des offenen Datenstandards „Business Objects for Energy“ (BO4E) dazu bei, den Datenaustausch zwischen Anwendungen zu vereinfachen. Das „et“-Strategiegespräch mit dem BO4E-Vereinsvorsitzenden Peter Martin Schroer, sowie den BO4E-Mitgliedern Nils Brettschneider vom Softwareentwickler Taktsoft, Sven Jansen vom Plattformanbieter brandseven, Bodo Kraft, Professor an der FH Aachen und wissenschaftlicher Beirat des Vereins, und Felix Hofmann, stellvertretender Abteilungsleiter „Informationsverarbeitung/Prozesse“ beim Mülheimer Stadtwerk medl, beleuchtet standardisierte Schnittstellen als Erfolgsschlüssel für Best-of-Breed-Architekturen, Hürden, die es in der Branche zu überwinden gilt, und die Rolle von KI in der weiteren BO4E-Entwicklung.
„et“: Mit Blick auf die Gründungsidee von BO4E: Welche Herausforderungen kennzeichnete die IT in der Energiewirtschaft bzw. kennzeichnet sie noch immer?
Schroer: Schon vor zehn Jahren war klar, dass die Geschäftsfelder der Versorgerlandschaft wachsen, vom Smart Home bis zur E-Mobilität. Damit müssen neue Anwendungen an vorhandene Systeme angebunden werden. Ein Großteil der Arbeit entfällt auf die Entwicklung von Schnittstellen, um Informationen zwischen diesen Anwendungen auszutauschen. Jeder, der in Softwareprojekten arbeitet, weiß, dass die Integration von Softwaremodulen ein Aufwandsfresser ist. Die Standardisierung von Schnittstellen hilft, diesen Aufwand zu reduzieren. Die Idee von BO4E ist, den Informationsaustausch zwischen Anwendungen durch einen Standard zu erleichtern, damit sich alle auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können.
„et“: Herr Hofmann, als Stadtwerker haben Sie die Anwenderperspektive. Wie stellt sich diese Herausforderung bei medl dar?
Hofmann: Wir betreiben unser Kerngeschäft historisch bedingt mit dem ERP-System Lima. Das funktioniert weiterhin gut, hält aber mit der Marktentwicklung nicht immer ausreichend Schritt. Um unser Geschäft voranzutreiben, brauchen wir spezialisierte Software, etwa für das Fernwärme- oder Glasfasergeschäft. BO4E ist ein Ansatz, der es erlaubt, dass wir uns zukunftssicher weiterentwickeln. Die Einhaltung von Schnittstellenstandards erlaubt uns, Anbieter, Dienstleister und Systeme zu wählen, die unseren Anforderungen am besten entsprechen.
| „Um Entwicklungen voranzutreiben und insgesamt effizienter zu arbeiten, braucht es ein gemeinsames und gleiches Verständnis davon, wie eine Information aussieht und wie eine Information weitergegeben werden kann. Das war für die Gründungsmitglieder der Interessengemeinschaft Antrieb, BO4E aus der Taufe zu heben.“ Peter Martin Schroer, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e. V., Hückelhoven |
„et“: Herr Kraft, was spricht aus wissenschaftlicher Sicht für einen gemeinsamen Standard?
Kraft: Der Grundgedanke ist, eine Schnittstelle nur einmal entwickeln zu müssen und sie anschließend beliebig oft für die Integration in verschiedene Systeme zu nutzen. Wer zehn Systeme anbinden will, sollte dafür nicht zehn unterschiedliche Schnittstellen bauen müssen. Bei einer paarweisen Verbindung aller Systeme wächst die Zahl der Verbindungen quadratisch mit der Zahl der Systeme. Dadurch steigt die Komplexität erheblich. Schon rechnerisch ist die Integration über einen Standard deutlich effektiver.
„et“: Das Thema gewinnt zunehmend an Gewicht. Herr Jansen, woran liegt das?
Jansen: Die Energiewirtschaft ist durchaus noch von alten, monolithischen Bestandssystemen geprägt. Ein Grund, warum sie abgelöst werden, ist, dass derselbe Prozess in jedes Altsystem einzeln integriert werden muss. Mangelnde Anpassbarkeit ist der andere Grund, denn veränderte Marktbedingungen und Regulierung verlangen nach neuen Geschäftsmodellen. Spezialisierte Anbieter müssen dafür in die Versorger-IT integriert werden. Drittens treiben die Kundinnen und Kunden den Markt. Sie erwarten passende Produkte. Diesen Wettbewerbsdruck geben Versorger an ihre IT weiter. Auch aus Entwicklerperspektive ist daher ein Standard an der Schnittstelle ein Beschleunigungsinstrument.
„et“: Wie verändert sich vor diesem Hintergrund die Mitgliederstruktur des Vereins?
Schroer: Das Interesse ist gerade in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen. Zur Gründungszeit waren fast ausschließlich Softwarehäuser dabei. Inzwischen zeigen sich zunehmend auch Versorgungsunternehmen. Dabei sehen wir unterschiedliche Ausgangslagen: Neue Marktteilnehmer agieren häufig sehr agil; sie nutzen den Standard, weil er ihnen erlaubt, neue Applikationen schnell und zuverlässig anzudocken. Etablierte Versorger müssen dagegen ihre gewachsenen Systeme verändern. Für sie ist BO4E zunächst ein Ansatz, überhaupt auf einen Pfad zu kommen, der Veränderung ermöglicht.
Best-of-Breed, Abhängigkeiten und klare Definitionen
„et“: Herr Brettschneider, Schnittstellenfragen ergeben sich also dort, wo integrierte Plattformen enden und auf spezialisierte Applikationen zurückgegriffen wird?
Brettschneider: Bei einer integrierten Plattform ist es zunächst bequem, dass ein Anbieter alles verantwortet und Koordinations- und Abstimmungsfragen quasi innerhalb seiner eigenen Plattform aufgelöst sind. Als Versorger ist man damit zugleich abhängig von der Geschäftspolitik, den Entwicklungsprioritäten und vom Umfang der Lösung dieses Anbieters. Im Best-of-Breed-Ansatz stellt der Versorger für sein Geschäftsmodell passgenaue Lösungen nach seinen Anforderungen zusammen. Einzelne Komponenten und Anbieter lassen sich also bedarfsgerechter wählen – und auch leichter wieder austauschen.
Jansen: In der Frage, warum Standardisierung hilfreich ist, sollten wir eine Gruppe nicht übersehen. Um Koordinationsaufwände zwischen Anbietern zu reduzieren, ist es nicht unüblich, dass Versorger einen Generalunternehmer beauftragen, der die Gesamtverantwortung übernimmt. Wie für den Versorger erleichtert sich auch für ihn die Arbeit, weil der Standard das Zusammenspiel sicherstellt.
„et“: Herr Kraft, warum tun sich große Systeme mit individuellen Anforderungen schwer?
Kraft: Ein Universalanbieter entwickelt ein Modell für eine Vielzahl von Kunden – und muss bei Anpassungen auch immer die Anforderungen der größten Zahl seiner Kunden treffen. Zudem hat er dabei intern natürlich auch eine Vielzahl von Abhängigkeiten zu berücksichtigen. Das alles kann zulasten der schnellen Umsetzung einer individuellen Geschäftsidee des einzelnen Versorgers gehen. Hinzu kommt der Lock-in-Effekt: Die Ablösung eines großen Systems ist schwierig und dauert lange. Schnittstellen, die weitere Anbieter nur eingeschränkt einbinden lassen, verstärken diese Abhängigkeit.
| „Migration war für Entwickler lange Zeit eine Cash-Cow. Versorger wollen heute keine Projektrisiken mehr, sondern erwarten, dass Systemwechsel funktionieren. Die Vereinheitlichung, die BO4E im Sinne eines hochgradig lesbaren Standards verfolgt, hat daher für alle Seiten Vorteile, weil sie Friktionen beseitigt.“ Sven Jansen, Geschäftsführer der brandseven GmbH, Düsseldorf |
„et“: Herr Hofmann, Sie kennen das aus eigener Erfahrung. Wie erleben Sie das?
Hofmann: Bei Lima bestimmen die nutzenden Stadtwerke teilweise gemeinsam die Prioritäten. Viele kleinere Unternehmen sind nur im eigenen Gebiet tätig. Ein deutschlandweiter Vertrieb oder ein moderner Tarifrechner steht für sie nicht im Vordergrund. Solche Themen erhalten entsprechend wenig Priorität; das grundlegende Datenmodell wird nicht einfach angepasst. Ein weiterer Aspekt, den man auch noch berücksichtigen muss: Wenn man dann Dienstleister beauftragt, Systeme zu verbinden, ist nicht sichergestellt, dass beide Seiten über die gleiche Sache reden. Welche Daten haben wir, welche braucht das Zielsystem und wie müssen sie dargestellt werden? Das erfordert selbst Definitionsarbeit.
„et“: Geben Sie gerne ein anschauliches Beispiel.
Hofmann: Ein Beispiel sind Verträge mit Hoch- und Niedertarif, also HT/NT. Lima bildet sie in zwei Datensätzen ab, während BO4E die Informationen in einer Zeile verarbeiten kann. Der Standard schafft darüber Klarheit, wie das Datenobjekt auszusehen hat. Der Standard ist für uns ein großer Hebel, um künftig schneller und besser auf Änderungen reagieren zu können – ausgehend von einer klar definierten Datenbasis.
„et“: Herr Kraft, machen wir einmal den Deep Dive: Was zählt, wenn es um Standardisierung geht?
Kraft: Anwendungsintegration ist seit Langem in allen Branchen eine große Herausforderung. Sie betrifft Daten, Prozesse und Benutzeroberflächen. BO4E konzentriert sich auf die Datenebene und strebt dort die Harmonisierung an. Schon auf der syntaktischen Ebene unterscheiden sich Implementierungen: Ein Betrag kann z. B. als Ganzzahl, Währungswert oder Fließkommazahl gespeichert werden. Auch für Datumsangaben gibt es zahlreiche Varianten. Diese Unterschiede müssen verstanden und durch Transformationen überbrückt werden. Hinzu kommt die semantische Ebene, was unter einem Begriff wie „Betrag“ oder „Empfänger“ zu verstehen ist. Bleibt die Bedeutung unzureichend beschrieben, entstehen Missverständnisse. Schließlich gibt es die fachliche Dimension: Bestimmte Sachverhalte sind anders codiert oder gar nicht abgebildet, wie das Beispiel HT/NT zeigt. BO4E adressiert diese Ebenen für die definierten Geschäftsobjekte. Es gibt eine Einigung über Struktur und Bedeutung der Daten.
| „Aus Entwicklerperspektive wird die Arbeit zuverlässiger, deterministischer und effektiver, wenn ich den Standard implementiere. Jeder, der BO4E-konform entwickelt, braucht weniger Zeit, weil er fertige Sets nutzen kann, und kann sich auf die viel spannenderen Nutzenfragen konzentrieren.“ Nils Brettschneider, kfm. Leiter und Mitglied der Geschäftsführung der Taktsoft GmbH, Bonn |
Schroer: BO4E konzentriert sich auf die Datenstrukturen und den Informationsaustausch, nicht auf die Funktionen einer Anwendung. Alle Beteiligten sollen wissen, was eine Information bedeutet und in welcher Struktur sie weitergegeben wird. Wir wollen eine gemeinsame Sprache schaffen. Ein Softwarehaus soll seine spezialisierte Lösung entwickeln können, ohne für jeden Kunden neu klären zu müssen, wie Informationen empfangen oder weitergegeben werden. Sind Struktur und Bedeutung definiert, können andere Systeme die Ergebnisse weiterverwenden und die Beteiligten sich auf den wichtigen Teil ihrer Arbeit konzentrieren: nämlich Daten zu nutzen und ihr Geschäft voranzutreiben.
Brettschneider: Auch Entwickler profitieren. Ohne Standard müssen sie für jedes Geschäftsobjekt die relevanten Attribute, Rahmenbedingungen und Abhängigkeiten klären. Nehmen wir das Objekt „Lieferstelle“. Orientieren sie sich an BO4E, können sie stattdessen die entsprechende Spezifikation heranziehen und auf dieser Grundlage einen standardkonformen Export entwickeln. Das ist übrigens auch noch ein wichtiger Aspekt: Der Standard ist offen, d. h., man muss nicht BO4E-Mitglied sein, um die Definitionen unserer „Business Objects“ einzusehen und den Standard zu nutzen!
| „Die Anpassung monolithischer Systeme ist immer von der Kosten-Nutzen-Rechnung des Entwicklers abhängig. Best-of-Breed-Lösungen sind daher für uns das Mittel der Wahl, neue Geschäftsmodelle zügig auf den Weg zu bringen. BO4E ist die Grundlage, damit der Datenaustausch zwischen unseren Systemen jetzt und auch in Zukunft zuverlässig funktioniert. Felix Hofmann, stellvertretender Abteilungsleiter „Informationsverarbeitung/Prozesse“, medl GmbH, Mülheim/Ruhr |
Standards entwickeln und mittels KI schneller umsetzen
„et“: Wie einigen sich die BO4E-Mitglieder auf gemeinsame Geschäftsobjekte?
Jansen: Der Standard entsteht in Kooperation der Mitglieder. Wir bilden Arbeitsgruppen für konkrete Themen, zuletzt etwa für das Geschäftsobjekt „Rechnung“. Wer Interesse und fachliches Know-how hat, kann mitarbeiten. Die Gruppe organisiert ihre Online- und Präsenztreffen und wählt eine Vorgehensweise. Zur fachlichen Arbeit gehört auch der Blick auf andere bestehende Standards oder etablierte Systeme, wie z. B. SAP. Im Austausch gilt es dann, unterschiedliche Perspektiven zu einem Konsens zusammenzuführen und das Objekt zu definieren.
„et“: Wie geht der Verein mit Anforderungen um, die im Standard noch fehlen?
Schroer: Unser Standard lebt. Wir haben bereits Objekte überarbeitet. Eine Definition muss nicht für alle Zeiten unverändert bleiben. Wenn Mitglieder darauf hinweisen, dass etwas fehlt, diskutieren wir, ob und wie das Objekt angepasst werden kann. Dabei geht es immer auch um Konsistenz und Abwärtskompatibilität. Lässt sich eine Anforderung nur durch eine grundlegende Veränderung abbilden, kann es sein, dass das Objekt nicht mehr abwärtskompatibel ist. Dann braucht es eine neue Version, mit der die neue Form genutzt wird. Solche Entscheidungen müssen gemeinsam durchdacht werden.
Brettschneider: Dass alle Systeme BO4E sprechen, ist ein schönes, aber vermutlich auch unrealistisches Zielbild. Eine Umstellung muss für jeden Anbieter sinnvoll sein. Viel ist schon gewonnen, wenn ein Bestandssystem über einen Konnektor angebunden wird und die übrigen Anwendungen den Standard nutzen. Das ist deutlich besser als viele individuell ausgehandelte Eins-zu-eins-Verbindungen. Zur Wirklichkeit gehört auch, unterschiedliche Ausgangslagen zu akzeptieren, ohne den Nutzen des Standards aus dem Blick zu verlieren.
„et“: Herr Kraft, ketzerisch gefragt: Sind Standards nicht obsolet, weil KI alles mit Zauberhand verbinden kann?
Kraft: KI wird die Softwareentwicklung massiv verändern, vom Arbeitsplatz der Entwickler bis zu Benutzeroberflächen. Ich erwarte, dass wir schon 2030 eine andere Sicht auf Software haben. Die Fortschritte sind aber so rasant, dass wir uns auf erhebliche Veränderungen einstellen müssen. Aber brauchen wir dann noch Standards? Bei Softwareintegration benötigen wir vollständige Konsistenz. 98 % Genauigkeit reichen nicht, sonst drohen Übersetzungs- oder Transaktionsfehler. Statistische KI-Ansätze müssen durch deterministische Elemente ergänzt werden. Wenn es den festen Zusammenhang zwischen Kunde und Lieferstelle gibt, muss das nicht mehr statistisch erschlossen werden. Der Standard ersetzt die Schnittstelle nicht, schafft aber eine Grundlage für ihre KI-gestützte Entwicklung. Er wird nicht überflüssig, sondern ist eine Voraussetzung für verlässliche Integrationsbausteine.
Schroer: Zwei unbekannte Systeme zu verbinden, ist für KI aufwendiger, als wenn wenigstens eine Seite einem bekannten Standard folgt. Bei immer neuen Systemkombinationen kann KI auf nichts Erlerntes zurückgreifen; da lässt sich Vorarbeit nicht wiederverwenden. BO4E schafft eine Grundlage, auf der Wissen aufgebaut und erneut genutzt werden kann. Das hilft KI, sauber und effizient zu arbeiten. Begriffe, Datenstrukturen und die Codierung von Einheiten sind im Standard eindeutig festgelegt. Es gibt eine sprachliche Beschreibung und eine formale technische Umsetzung, etwa in JSON oder XML. Mit dieser Kombination können große Sprachmodelle gut arbeiten.
„et“: Herr Brettschneider, wie verändert sich damit die Arbeit eines Softwareentwicklers?
Brettschneider: Die KI übernimmt zunehmend das eigentliche Codieren. Entwickler setzen sich mit den Anforderungen auseinander, formulieren Anweisungen und schaffen den Kontext, in dem die KI arbeiten soll. Man könnte die KI natürlich auch abstrakt auffordern, die Daten in einem für sie sinnvollen Rechnungsformat abzulegen. Dann entscheidet die KI, was sie für sinnvoll hält. Oder ich sage: Verwende das Rechnungsobjekt von BO4E. Damit bekommt sie eine definierte Vorgabe statt eines offenen Interpretationsraums. Die Arbeit wird dadurch zuverlässiger und effektiver. Wir brauchen weniger Zeit, um dieselbe Funktion zu entwickeln, und können uns auf andere Fragen konzentrieren. Der Standard verhindert, dass wir das Rad neu erfinden. Ohne Standard könnten wir mit der KI zwar ebenfalls neue Datenmodelle entwerfen, würden aber die bereits geleistete gemeinsame Arbeit nicht nutzen. Bei der nächsten Anbindung würde das Spiel der Aushandlung wieder von neuem beginnen.
„et“: Herr Hofmann, ist das ein Entwicklerthema? Oder nutzen Sie in Ihrer Abteilung selbst KI?
Hofmann: Wir haben mit KI experimentiert und kleine Lösungen gebaut, um die Potenziale kennenzulernen. Dabei zeigt sich: Wir sind kein Entwicklungshaus. Uns fehlt das Fachwissen spezialisierter Dienstleister. In absehbarer Zeit werden wir deshalb wohl keine Schnittstelle selbst programmieren, die Anforderungen erfüllt, die wir an eine professionelle Lösung stellen. Trotzdem hilft uns KI. Wir können mit ihr Repositories durchsuchen und die Logik des Standards verstehen. Das hilft uns zu sehen, wo wir beim Bestandssystem aufsetzen können und wo unsere Systeme abweichen. Das unterstützt die technische Entwicklung ebenso wie neue Prozesse und die Auswahl benötigter Systeme.
| „KI entwickelt sich rasant und das wird auch so weitergehen. Mit den syntaktischen und semantischen Beschreibungen, die wir den BO4E-Standards mitgeben, kann KI wunderbar umgehen. Sie bilden die Basis, auf der sich Schnittstellen sehr effektiv KI-basiert entwickeln lassen. Ohne Standard fehlt die Voraussetzung, damit KI überhaupt fehlerfrei arbeiten kann.“ Prof. Dr. rer. nat. Bodo Kraft, Lehrgebiet Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Aachen |
Die Zukunft des Standards
„et“: Warum setzen noch nicht alle Versorger auf offene Datenstandards? Fehlt das Bewusstsein für ihren Nutzen?
Brettschneider: Bei Versorgern ist die Schnittstellenproblematik ein Thema unter vielen. Ich glaube, das Potenzial wird nicht immer richtig eingeschätzt. Denn, das zeigt ja auch die Darstellung von Herrn Hofmann, zunächst einmal müssen Zeit und Ressourcen investiert werden. Die Früchte lassen sich dort erst auf der Langstrecke ernten. Aus Gesprächen mit Versorgern nehmen wir schon mit, dass wir positive Resonanz erhalten, wenn wir den Ansatz erklären und sich die Beteiligten die Zeit für das Thema nehmen. Zudem betrifft Integration mindestens zwei Systemseiten. Entsprechend viel Überzeugungsarbeit ist nötig. Auch deshalb gibt es ja den Verein.
„et“: Könnte BO4E durch mehr Unterstützung von Verbänden profitieren? Oder wäre es nicht sogar sinnvoll, dass die Regulatorik Standards vorgibt.
Schroer: Unterstützung schadet nicht. Entscheidend ist aber, dass der Standard tatsächlich genutzt wird und entsprechende Anwendungen verfügbar sind. Erweisen muss sich der Ansatz in der Praxis – und da sehen wir, dass immer mehr Softwarehäuser den Standard nutzen. Hilfreich wäre, wenn Versorgungsunternehmen BO4E schon in Ausschreibungen berücksichtigen und die Kompatibilität von Anwendungen verlangen. Dann wird aus dem grundsätzlichen Interesse eine konkrete Anforderung im Markt.
Kraft: Am wirksamsten ist die Erkenntnis des Nutzens. Der Druck sollte aber von den Auftraggebern ausgehen, also vom Versorger oder dessen IT. Unternehmen müssen erkennen, dass Systeme mit Standardschnittstellen auf Dauer günstiger, schneller zu integrieren und besser zu warten sind als Systeme mit proprietären Schnittstellen.
„et“: Was muss in den nächsten zehn Jahren passieren, damit Sie sagen können: Die ursprüngliche Idee hat sich durchgesetzt?
Brettschneider: Wir brauchen mehr Produkte, die BO4E implementieren, und mehr Versorger, die sie einsetzen. Ob das durch 20, 50 oder 100 Vereinsmitglieder getrieben wird, ist zweitrangig. Die Arbeit im Verein ist bereits übergreifend, produktiv und sachorientiert. Entscheidend ist, die Nutzung im Markt stärker voranzutreiben.
Jansen: Veränderung entsteht durch Dringlichkeit. Solange Kosten, Aufwand oder Komplexität nicht zur Belastung werden, bewegt sich wenig. Der steigende Veränderungs- und Kostendruck in Kombination mit Fachkräftemangel treibt die Versorgerbranche um. BO4E bietet einen Ansatz, diesen Druck zu lindern. Am überzeugendsten sind jedoch immer Erfolgsgeschichten, die zeigen, dass der Standard funktioniert und eingesetzt wird.
„et“: Herr Hofmann, inwieweit ist medl für BO4E diese Erfolgsgeschichte?
Hofmann: Für uns ist bereits unsere Mitgliedschaft ein Erfolg. Auch bei uns wurde der Aufwand für Schnittstellen lange unterschätzt. Ich musste intern dafür werben, das Thema ernst zu nehmen. Nun sind wir Teil des Vereins und gehen diese Entwicklung mit. Das Netzwerk eröffnet uns Zugang zu Partnern und Lösungen, die schon miteinander verbunden sind. Zusätzliche Systeme, die wir integrieren möchten, brauchen dadurch nicht zwangsläufig neue individuelle Schnittstellen.
„et“: Herr Schroer, als Vorsitzender der Interessengemeinschaft haben Sie das letzte Wort. Was sollten die Versorger beherzigen?
Schroer: Die Versorger wissen, dass die Vorstellung, es gebe nur Abnehmer, die Strom aus der Steckdose beziehen, zu kurz greift. Prosumer erzeugen selbst, und damit verändern sich Nutzung und Vermarktung. Kundinnen und Kunden werden zum Partner des Versorgers. Das muss sich auch in der IT widerspiegeln. Die vollständige Ablösung alter monolithischer Systeme kann viele Personenjahre beanspruchen. Deshalb arbeiten wir daran, diese auch mithilfe von KI über Schnittstellen zu öffnen. Ziel ist es, spezialisierte Anwendungen zügig andocken zu können, damit sich Daten verarbeiten lassen und Ergebnisse zurückgeben. Große Systeme müssen nicht zwingend intern nach BO4E aufgebaut sein, aber nach außen Informationen im BO4E-Format bereitstellen und empfangen können. Das würde nicht nur den BO4E-Standard im Markt voranbringen, sondern auch dazu beitragen, dass neue Anwendungen und Geschäftsfelder beschleunigt den Verbraucherinnen und Verbrauchern zur Verfügung gestellt werden können.
„et“: Meine Herren, vielen Dank für das anregende Gespräch!
„et“-Redaktion
Das Strategiegespräch ist ursprügnlicher Form zuerst in der „et“ 11/2026 erscheinen. Die Fassung kann im E-Paper hier aufgerufen werden: emagazin.et-magazin.de/