Zielerreichung für fünf Indikatoren unrealistisch

Abb. 4: Netzausbaupfad für Transportnetze laut BNetzA
Die Bewertung des Indikators Ausbau Transportnetze fällt auch weiterhin mit einem Zielerreichungsgrad von 36 % unrealistisch aus. Wegen der großen Verzögerungen hat die Bundesnetzagentur die Fertigstellungstermine für viele Projekte inzwischen nach hinten geschoben. Ging die Planung von 2016 noch von 7.274 km bis Ende 2024 aus, wurde das Ausbauziel inzwischen (Stand 2019) auf 4.578 km heruntergeschraubt (Abb. 4). Mit diesem Schritt bestätigt sich, was der Energiewende-Index seit Jahren anzeigt: Die Ausbauziele bei den Transportnetzen sind im aktuellen Tempo nicht realistisch zu erreichen. Erst ab 2025 nähern sich die Fertigstellungstermine wieder an die ursprünglichen Ziele an. Allerdings erfordert dies erhebliche Anstrengungen: Allein für das Jahr 2025 sind mehr als 2.200 km geplant – eine Mammutaufgabe.
Die Entwicklung beim Netzausbau ist ein ernstes Warnsignal für den Fortschritt der gesamten Energiewende, denn ohne ausreichende Netzinfrastruktur kann der erneuerbare Strom nicht beim Endverbraucher ankommen. Auch um die neuen, späteren Fertigstellungstermine halten zu können, muss der Netzausbau forciert und der Genehmigungsstau zügig aufgelöst werden: Seit Ende 2016 sind pro Jahr gerade einmal 164 km hinzugekommen; benötigt wird jedoch auch bei der neuen Terminierung ein Ausbau von jährlich 990 km bis Ende 2025 – das Sechsfache der bisherigen Ausbaurate, was aktuell unrealistisch erscheint. Zukünftig stellt sich auch die Frage, ob der bisher geplante Ausbau der Transportnetze ausreicht, um den Zubau an erneuerbaren Energien zu integrieren oder ob mit dem auf 65 % hoch geschraubten Ziel für den EE-Anteil am Bruttostromverbrauch die Ziele für den Netzausbau angehoben werden müssten.
Trotz leichter Senkung des Primärenergieverbrauchs um 148 PJ auf zuletzt 12.815 PJ ist das 2020-Ziel von 11.504 PJ noch in weiter Ferne. Mit einer Zielerreichung von 59 % verbleibt der Indikator daher im unrealistischen Bereich. Im vergangenen Jahrzehnt ist der Primärenergieverbrauch um etwa 155 PJ pro Jahr gesunken. Diese Reduktion müsste sich jetzt auf jährlich 250 PJ – also um mehr als 60 % – erhöhen, um die Zielmarke von 2030 zu erreichen.
Der neue Indikator Sektorkopplung: Verkehr, der die Anzahl zugelassener Elektrofahrzeugemisst, erreicht bei mindestens sieben Millionen geforderten Fahrzeugen bis 2030 derzeit nur einen Zielerreichungsgrad von 14 %. Im zweiten Halbjahr 2019 ist der E-Fahrzeugbestand von 169.789 lediglich um etwa 43.000 auf 212.574 gestiegen. Bei linearer Interpolation zum 2030-Ziel, hätte er sich allerdings um fast 300.000 auf 466.755 erhöhen müssen. 2020 wird für die weitere Entwicklung am Elektromobilitätsmarkt ein wichtiges Jahr, da viele Hersteller neue Fahrzeugmodelle für das Massengeschäft auf den Markt bringen – dies könnte ein möglicher Katalysator für das lang erhoffte Wachstum sein und den Indikator wieder näher an den Zielpfad führen.
Die Kosten für Netzeingriffe stiegen erneut von 9,1 € pro MWh Stromproduktion aus Photovoltaik und Windkraft in 2018 auf 10,8 im ersten Halbjahr 2019. Der Indikator verbleibt damit in der Kategorie unrealistisch mit einem Zielerreichungsgrad von 31 %.
Der durchschnittliche deutsche Haushaltsstrompreis ist weiterhin der höchste in der gesamten EU. Die Abweichung vom EU-Durchschnitt stieg von 45 % im ersten Halbjahr 2019 noch einmal leicht auf 46 % im zweiten Halbjahr. Mit einer Zielerreichung von nur 19 % wird der Indikator daher als dauerhaft unrealistisch eingestuft.
Fazit: Mammutherausforderungen
Die Uhr zur Umsetzung der Energiewende 2030 läuft. Es gibt viel zu tun. Und die Zeit, um die erforderlichen Veränderungen herbeizuführen, wird knapp. Denn trotz der Erfolge des Jahres 2019 bleiben viele offene Baustellen – vom Ausbau der Windkraftanlagen bis zur längst überfälligen Erweiterung der Transportnetze und zur Elektrifizierung des Verkehrs. Mammutherausforderungen allesamt, die keinen Aufschub dulden und auf welche die Politik weitere Antworten finden muss.
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Dr. T. Vahlenkamp, Senior Partner, McKinsey & Company, Düsseldorf; Dr. I. Ritzenhofen, Partner, McKinsey & Company, Köln; F. Pflugmann, Fellow Senior Associate, McKinsey & Company, Frankfurt; F. Stockhausen, Research Analyst, McKinsey & Company, Düsseldorf thomas_vahlenkamp@mckinsey.com