Versorgungssicherheit nicht mehr garantiert

Umwelt- und Klimaschutz, Entwicklung 2012 bis 2019
Umwelt- und Klimaschutz, Entwicklung 2012 bis 2019 (Bildquelle: McKinsey)
Versorgungssicherheit, Entwicklung 2012 bis 2019
Versorgungssicherheit, Entwicklung 2012 bis 2019 (Bildquelle: McKinsey)

Selbst bei der Versorgungssicherheit – in Deutschland über Jahrzehnte auf sehr hohem Niveau – beginnt sich das Blatt zu wenden. Im Juni dieses Jahres kam es wiederholt zu kritischen Situationen im deutschen Stromnetz: An drei Tagen wurden starke Unterspeisungen festgestellt. In der Spitze fehlten bis zu 6 GW – dies entspricht der Leistung von sechs Großkraftwerken. Nur kurzfristige Importe aus den umliegenden Ländern konnten das Netz stabilisieren. Der Versorgungsengpass wirkte sich spürbar auf den Regelenergiepreis aus, der bis auf 37.856 €/MWh sprang. Zum Vergleich: 2017 lag der durchschnittliche Ausgleichsenergiepreis bei 63,90 €/MWh. Mitverantwortlich für den starken Anstieg waren nach ersten Erkenntnissen allerdings auch Veränderungen in der Vergütung von Regelenergie. Die Netzbetreiber haben bereits angekündigt, die Preisausschläge und deren Ursachen zu überprüfen. Es ist davon auszugehen, dass sich die Versorgungssituation in Zukunft weiter verschärft. Durch den laufenden Atomausstieg bis Ende 2022 sowie den geplanten Kohleausstieg wird weitere gesicherte Kapazität sukzessive außer Betrieb gesetzt, was die Reservemarge ohne weitere Zubauten deutlich verschlechtern wird. Die Auswirkungen werden regional unterschiedlich stark spürbar sein. Betroffen sind insbesondere die Industrieregionen in West- und in Süddeutschland, in denen viele Kapazitäten vom Netz gehen und gleichzeitig nicht mit hohen Ausbauraten von Erneuerbaren zu rechnen ist. Die Verschiebung von steuerbarer Kapazität zu fluktuierenden Erneuerbaren könnte zudem in bestimmten Zeiten zum Problem werden, wenn bei hoher Nachfrage eine nur geringe Einspeisung von erneuerbaren Energien stattfindet. Der Wegfall von Erzeugungskapazitäten hat indessen noch einen weiteren Effekt: Es ist davon auszugehen, dass sich Deutschland insbesondere ab 2023 vom Stromexporteur zum Stromimporteur entwickeln wird. Bereits im Juni 2019 führte die Bundesrepublik erstmals seit fünf Jahren wieder mehr Strom ein als aus. Verschärfend wirkt, dass einige Nachbarländer ebenfalls Kraftwerkskapazitäten stilllegen, wie z.B. die Niederlande infolge des Kohleausstiegs und möglicherweise Belgien im Zuge der Diskussion um einen Atomausstieg. Mittelfristig besteht das Risiko, dass im gesamten europäischen Verbund nicht mehr ausreichend Versorgungskapazität vorhanden sein wird. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Ausbau der Stromnetze in Deutschland weiter an Bedeutung. Dieser müsste wesentlich schneller vorankommen, um die hiesige Energieversorgung sicherzustellen. Bis zum ersten Quartal 2019 wurden gerade einmal 1.087 km der geplanten rund 3.600 km Stromtrassen fertiggestellt. Läuft der Netzausbau in diesem Tempo weiter, wird das Ziel für 2020 erst im Jahr 2037 erreicht. Das Netzausbaubeschleunigungsgesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch der Rückstau wird sich vorerst nicht auflösen lassen. Zusätzliche Bedeutung gewinnt der Netzausbau ab 2023 mit der Abschaltung der letzten Atomkraftwerke und den ersten Schritten zum Kohleausstieg, um dann zu erwartende regionale Engpässe im Gesamtnetz ausbalancieren zu können. Die aktuellen Indikatoren im Bereich Versorgungssicherheit reflektieren die Probleme. Mit 36 % wird der Zielerreichungsgrad beim Indikator Netzausbau weiterhin als „unrealistisch“ eingestuft. Für den Indikator Interkonnektorkapazität liegen keine neuen Zahlen vor; mit seinem zuletzt erhobenen Wert von 89 % verbleibt er deswegen in der Kategorie „leichter Anpassungsbedarf“. Für den Indikator Kosten für Netzeingriffe, ein Indiz für die Stabilität des Netzes, gilt die Zielerreichung mit 42 % ebenfalls weiterhin als „unrealistisch“, zumal die Eingriffe zum Redispatch und Einspeisemanagement seit 2016 deutlich gestiegen sind. Die Indikatoren Stromausfall und Gesicherte Reservemarge hingegen können beide bislang als „realistisch“ eingeschätzt werden, da sie bereits seit Jahren oberhalb des Zielerfüllungsgrads von 100 % liegen (Abb. 2). Für die Reservemarge könnte sich dies allerdings durch die geplante Abschaltung von Atom- und Kohlekraftwerken schon bald dramatisch ändern. Schon für das Jahr 2021 gehen die Übertragungsnetzbetreiber in ihrem aktuellen Leistungsbilanzbericht von einer negativen Reservemarge (also einer fehlenden gesicherten Leistung) von 5,5 GW aus, ohne Berücksichtigung von Kraftwerksstillegungen durch den Kohleausstieg. Nur unter der Annahme, dass die beihilferechtliche Genehmigung für die Netzreserve von 6,6 GW über 2020 hinaus verlängert wird, ergibt sich daraus eine leicht positive Reservemarge von 1,1 GW. Bis 2023 gehen dann infolge der Abschaltung der restlichen Atomkraftwerke und des Kohleausstiegs noch einmal mindestens 17,7 GW gesicherte Leistung vom Netz. Bei gleichbleibender Spitzenlast und ohne Neubauten ergäbe sich damit ein Fehlbetrag von 16,6 GW.

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