Was Deutschland von anderen Ländern lernen kann
Angesichts der weiterhin unbefriedigenden Energiewendebilanz bei wichtigen Kernzielen wie dem CO2-Ausstoß stellt sich die Frage, ob Deutschland im internationalen Vergleich lernen kann, wie diese Ziele schneller zu erreichen sind. Die Antwort lautet grundsätzlich ja – vorausgesetzt, man lenkt den Blick auf jene Länder, die in Politik, Ökonomie und Infrastruktur mit Deutschland vergleichbar sind. Hierzu zählen vor allem Dänemark und Großbritannien. Aus den Vorbildern lassen sich – unter Berücksichtigung der spezifischen deutschen Situation – zwei Handlungsempfehlungen ableiten:
- Deutschland sollte eine geeignete Balance finden zwischen dem politisch gewollten Kernkraftausstieg, einem möglichen Kohleausstieg und dem Erreichen seiner Energiewende-Ziele. Ein Kohleausstieg würde die deutsche CO2-Bilanz fraglos aufbessern, sich jedoch negativ auf die Wirtschaftlichkeit und, je nach Ausgestaltung, auch auf die Versorgungssicherheit auswirken. Flankierende Maßnahmen wie zum Beispiel die Einführung von Kapazitätszahlungen oder -märkten nach dem Vorbild Großbritanniens könnten helfen, die Versorgungssicherheit weiter zu gewährleisten.
- Deutschland muss seine Energiewendekosten in den Griff bekommen (siehe auch et 3/2017, S. 25-29). Schon heute wird mit einer weiteren Verteuerung in Höhe von 15 Mrd. € gerechnet, was sich insbesondere in hohen Strompreisen niederschlägt. Hauptverantwortlich hierfür ist der hohe Anteil an Steuern und Umlagen für Privatkunden und kleinere Industrieunternehmen: Mit 54 % bzw. 45 % Abgaben auf den Strompreis ist Deutschland Spitzenreiter in Europa. Die hohen Energiekosten belasten nicht nur Verbraucher und Mittelstand, sondern erschweren auch die anstehende Sektorkopplung, also die Elektrifizierung der Sektoren Wärmeerzeugung und Verkehr. Eine Überarbeitung des derzeitigen Systems – voraussichtlich durch eine Umverteilung der Kosten – sollte daher schon bald ganz oben auf der politischen Agenda stehen.
Um beide Handlungsfelder effektiv anzugehen, braucht Deutschland als Erstes ein neues Zielbild für den Übergang von einer massiv kohleabhängigen hin zu einer CO2- ärmeren und flexibleren Stromversorgung. Die Transformation des Energiesystems kann nur gelingen mit klar formulierten, langfristig angelegten Zielen und ebenso konkreten wie konsequenten Maßnahmen zu ihrer Umsetzung. Ein transparenter Fahrplan zur Zielerreichung schafft zudem Planungssicherheit und Handlungsorientierung für Industrie und Verbraucher, Versorger und Investoren. Die neue Legislaturperiode bietet jetzt die Chance, die Weichen neu zu stellen, damit Deutschland wieder zum Vorbild für die Energiewende-Initiativen der Welt werden kann.