Der DNV-Report legt den Fokus der Energiewende auf wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Klimaziele. (Bild: Adobe Stock)
Wie verändert sich die Energieversorgung global und den zentralen Wirtschaftsregionen – und wie schnell kommt die Energiewende voran? Der jährlich veröffentlichte Energy Transition Outlook von DNV untersucht die Entwicklung von Energiemix, Energieangebot und -nachfrage auf globaler und regionaler Ebene. Die Ausgabe 2026 blickt bis zum Jahr 2060. Grundlage ist ein unabhängiges Modell des weltweiten Energiesystems. Der Bericht beschreibt dabei die aus Sicht von DNV wahrscheinlichste Entwicklung.
DNV ist ein international tätiges Unternehmen mit Hauptsitz in Norwegen, das auf Prüfung, Zertifizierung, technische Beratung und Risikomanagement spezialisiert ist. Neben seiner Rolle als Klassifikationsgesellschaft für die Schifffahrt begleitet DNV Unternehmen entlang der gesamten Energiewertschöpfungskette – von konventionellen und erneuerbaren Energien bis zum Energiemanagement. Der Outlook verbindet diese technische Expertise mit einer modellgestützten Analyse der langfristigen Energiewende.
Die europäische Entwicklung fasst DNV wie folgt zusammen: Aktuell tritt Europa in die Implementationsphase der Energiewende ein, d. h. die Systemintegration spielt eine größere Rolle als der Erneuerbaren-Ausbau. Essenziell sind dabei der Ausbau von Netzen und Batteriespeichern sowie die Flexibilisierung und weitere Elektrifizierung, um die wachsenden Wind- und Solarerträge zu nutzen. Die Verfolgung der Maßnahmen wird – zusammen mit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren – als zentral angesehen, um die Abhängigkeit von fossilen Energien zu reduzieren, die Energiesicherheit zu festigen und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Laut DNV-Prognose wird Europas Energieautarkie weiter zunehmen – bis 2053 sollen 70 % der Energienachfrage innereuropäisch gedeckt werden. Mit Blick auf den Endenergiebedarf geht der Outlook davon aus, dass sich der Anteil der Elektrizität bis 2050 verdoppeln wird. Laut DNV-Berechnungen werden sich die CO2-Emissionen von aktuell 3,1 Gt auf 0,8 Gt reduzieren. Die gesetzten Ziele für 2050 werden jedoch gerissen. Netto-Null wird Europa danach nicht vor 2067 erreichen.
Genauerer Blick auf den Ist-Zustand
Die europäische Betrachtung des DNV schließt die baltischen Staaten ein. Ausgenommen sind Russland, alle anderen ehemaligen Republiken der Sowjetunion sowie die Türkei. Aktuell entfallen 80 % des europäischen Gesamtenergieverbrauchs auf Österreich, Belgien, die Tschechische Republik, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Polen, Spanien, Schweden und das Vereinigte Königreich.
Laut DNV liefern fossile Energieträger 65 % der Primärenergie. Die Importabhängigkeit ist hoch, da die Hälfte des europäischen Energieverbrauchs aus dem Ausland stammen. Während das Importvolumen seit 2022 sinkt, sind die Importkosten aufgrund höherer Preise im zweiten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahr um 39 % gestiegen. DNV weist darauf hin, dass Länder wie Spanien, die einen höheren Erneuerbaren-Anteil haben, sich resilienter gegenüber Gaspreisvolatilitäten zeigten und dort insgesamt die Preise stärker nachgegeben haben als in anderen europäischen Ländern.
Insgesamt wurden in der EU für Investitionen in erneuerbare Energien, Batterien und Netze und saubere Endverbrauchertechnologien 415 Mrd. US$ mit dem Ziel ausgegeben, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren und nach den aktuellen Energieversorgungsschocks die Resilienz zu stärken. Investments mit Energiebezug machten 75 % der Gesamtausgaben für Energie aus.
Wohin zielt die europäische Agenda?
Die europäische Agenda fasst der Outlook unter drei Rubriken zusammen: 1) dualer Fokus auf wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Klimaziele, 2) Energiesicherheit und strategische Autonomie und 3) Elektrifizierung und Transformation des Energiesystems.
Innerhalb des ersten Punktes verweist DNV auf eine Industriestrategie, die auf Elektrifizierung, Wasserstoff und Carbon Capture and Storage (CCS) setzt, saubere Technologien in der Produktion voranbringt und strategische Lieferketten stärkt und darauf zielt, Industrieführerschaft in etablierten Bereichen zu erhalten – insbesondere Automobilfertigung, Windturbinen- und Elektrolyseur-Herstellung. Zudem erwartet DNV Resilienzkriterien bei der Ausschreibung von EE-Anlagen und ein industriepolitisches Förderinstrumentarium, das sich aus EU-Herkunftsnachweisen, staatlichen Beihilfen und einem CO2-Grenzausgleichsmechanismus zusammensetzt. Erwartet werden darüber hinaus industriepolitische Maßnahmen gegen Wettbewerbsverzerrungen sowie Einschränkungen ausländischer Investitionen im Bereich kritischer Infrastrukturen.
Hinsichtlich Energiesicherheit und strategischer Autonomie erwartet DNV eine Diversifizierung der Importe, den Ausbau heimischer erneuerbarer Erzeugung und die Stärkung strategischer Partnerschaften (u. a. mit Kanada und Indien). Als Schwachstelle wird die Abhängigkeit von US-amerikanischem LNG gesehen. Als Rahmen einer verstärkten europäischen Clean-Tech-Produktion sowie der zunehmenden Eigengewinnung kritischer Mineralien werden der Net-Zero Industry Act, der Critical Raw Materials Act sowie der RESourceEU Action Plan genannt.
Hinsichtlich Elektrifizierung und Energiewende-Bemühungen verweist DNV auf die Zielsetzung des Electrification Action Plans der EU, bis 2040 46 % des Endenergieverbrauchs durch Strom zu decken. Die Abkehr von kohlenwasserstoffhaltigen Energieträgern kann jedoch nur mit der umfassenden Transformation i. S. der Elektrifizierung des Energiesystems gelingen, in das zunehmend Resilienzaspekte hineinspielen. Entscheidend ist laut DNV dabei, dass zur politischen Durchsetzbarkeit der Pläne Bezahlbarkeit gewährleistet ist.
Ausblick auf die weitere Entwicklung
Kernherausforderungen sieht DNV in der Gewährleistung der Systemadäquanz sowie im Netzausbau, der mit der dezentralen Erzeugung Schritt halten muss. Zudem ist sicherzustellen, dass das europäische Stromnetz mit der fortschreitenden Elektrifizierung von Haushalten und Industrie mitwächst.
DNV geht davon aus, dass das Bewusstsein für die Anfälligkeit der europäischen Energieinfrastruktur weiter wächst; dies entwickelt sich sowohl hinsichtlich der Binnenentwicklungen als auch der globalen Lage. Der erfolgreiche Umbau des europäischen Energiesystems muss laut DNV auf drei Pfeilern aufbauen: einem Wechsel von fossilen Energien zu Elektrizität, einem Netzausbau, der der wachsenden Stromerzeugung hinterherkommt, sowie einem angemessenen Erzeugungsmanagement und einer entsprechenden Systemsteuerung.
Internationale Entwicklung
Die Regionalreports bilden nur einen Ausschnitt aus dem Energy Transition Outlook 2026. Im Zentrum steht die internationale Perspektive. Danach geht DNV davon aus, dass 2040 65 % des globalen Strommixes aus erneuerbaren Energien stammen werden. Weiter zunehmen wird der Stromhunger der KI. 2040 erwartet DNV, dass dieser global 3 % der Stromnachfrage ausmacht und bis 2060 auf 11 % anwächst. Auf Basis aktueller Emissionsdaten geht DNV von einer Reduzierung um 44 % bis 2050 aus. 2060 rechnet der Outlook mit einer Reduzierung um 63 %. Hinsichtlich der Erderwärmung erwartet DNV 2100 eine Zunahme um 2,3 °C.
Zum Global Energy Transition Outlook 2026 und den Regionalbetrachtungen: dnv.com