Ein Strommast, der auf digitalen Leiterbahnen steht

Das Bündnis für Smarte Netze sieht durch das Netzpaket Deutschlands Rolle als Leitmarkt für digitale Energielösungen gefährdet. (Bild: Adobe Stock)

Der aus dem Bundeswirtschaftsministerium geleakte Entwurf für ein Netzpaket mit Entwurfsdatum vom 30. Januar 2026 schlägt weiter Wellen. Mit dem Gesetzentwurf möchte das Bundeswirtschaftsministerium das Problem der immer knapper werdenden Netzanschlusskapazitäten adressieren und nimmt dazu insbesondere drei Maßnahmen in den Blick:

  1. In Netzgebieten, in denen im Vorjahr mehr als 3 % des erzeugten Stroms abgeregelt wurden, soll neuen Erneuerbaren-Anlagen der Anschlussvorrang verwehrt werden können. Erzeuger von erneuerbaren Energien, die auf einen prioritären Netzanschluss bestehen, sollen im Gegenzug, wenn sie abgeregelt werden, für 10 Jahre auf Entschädigungszahlungen verzichten (sog. „Redispatch-Vorbehalt in kapazitätslimitierten Netzgebieten").  
  2. Die über 850 deutschlandweit agierenden Verteilnetzbetreiber (VNB) sollen die Möglichkeit erhalten, die Priorisierung von Netzanschlüssen in individuell angepassten Prozessen ausgestalten zu können.
  3. Den Netzbetreibern soll die Möglichkeit eingeräumt werden, die Erneuerbare-Erzeuger über die Erhebung von angemessenen Baukostenzuschüssen an den Kosten für Optimierung, Verstärkung und Ausbau der Netze zu beteiligen.

Netze als Digitalisierungsprojekt begreifen

Diese Pläne kritisiert das „Bündnis für Smarte Netze“ in ihrem offenen Brief an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Das Bündnis warnt vor einer energiepolitischen Richtungsentscheidung mit weitreichenden Folgen für Investitionen, Innovation und Versorgungssicherheit in Deutschland.

Statt regulatorisch auf Anschlussstopps und Kapazitätsverwaltung zu setzen, fordert das Bündnis, Systemintelligenz und marktwirtschaftliche Anreize in den Vordergrund zu stellen. Die Transformation des Energiesystems solle nicht als reines Infrastrukturthema, sondern als Digitalisierungsprojekt verstanden werden. Um bestehende Kapazitäten besser zu nutzen, müsse die intelligente Steuerung und automatisierte Lastverschiebung in Verbindung mit dynamischen Netzentgelten stärker genutzt werden, so das Plädoyer des Bündnisses.

Aktuell würden in einer Phase, in der große Summen in die Entwicklung von Wärmepumpen, den Ausbau der E-Mobilität, Speicherprojekte und dezentrale Erzeugungsanlagen fließen, die vom Ministerium vorgelegten Vorschläge Investoren verunsichern und das Vertrauen in einen planbaren Transformationspfad geschwächt.

Das Netzpaket solle dahingehend nachgeschärft werden, dass Digitalisierung und flexible Steuerung Vorrang vor pauschalen Anschlussbremsen erhalten und die Planbarkeit von Investitionen in dezentrale Anlagen wieder möglich ist.

Reformbedarf anhand von fünf Praxis-Prinzipien

Konkret plädieren die Unternehmen für eine strategische Neuausrichtung entlang von fünf Praxis-Prinzipien:

  • Planungssicherheit statt dauerhafter Kapazitätsbeschränkungen
  • Digitalisierung und Smart-Meter-Rollout vor pauschalen Anschluss-Pausen
  • Konsequente Anreizsysteme für automatisierte Laststeuerung
  • Stärkung dezentraler Strukturen als Beitrag zur Systemresilienz
  • Einrichtung eines praxisnahen Expertenrats für intelligente Netzsteuerung

Die Unterzeichner des offenen Briefs sehen die Frage, wie das Netzpaket ausgestaltet wird, auch als wegweisend für die eigene Unternehmenszukunft. An der Reform entscheide sich, ob Deutschland seine Rolle als Leitmarkt für digitale Energielösungen ausbauen kann oder ob Investitionen und technologische Entwicklung ins Ausland abwandern. Zur konstruktiven Weiterentwicklung des Energiesystems regen sie daher auch den oben genannten Praxisrat für intelligente Vernetzung an, um politische Entscheidungen in der Regulatorik enger mit technologischer Realität zu verzahnen.

Unterzeichner des offenen Briefes sind die Rabot Energy, Ostrom, Tibber, GP Joule, tado, Kiwigrid, Polarstern, Green Planet Energy und LichtBlick.

Weitere Informationen: buendnis-fuer-smarte-netze.de

„et“-Redaktion

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