Nachgefragt

Dr. Carsten Rolle Foto: Weltenergierat – Deutschland

Dr. Carsten Rolle Foto: Weltenergierat – Deutschland

bei Dr. Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierat – Deutschland e.V., und zugleich Leiter der Abteilung Energie- und Klimapolitik des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI)

 „et“: Vor einem Jahr steckte Deutschland in der wohl größten Energiekrise seit dem Wiederaufbau. Wo stehen wir zu Beginn dieses Winters, was haben wir seitdem gelernt?

Rolle: Die Energiekrise infolge des russischen Angriffskrieges war die erste wirklich internationale Energiekrise und die Angst nicht nur vor extremen Preisausschlägen, sondern auch vor einer echten Gasmangellage hat das Land energiewirtschaftlich in einen Ausnahmezustand gebracht. Wir haben uns mit viel Geld aus der ganz unmittelbaren Krise herausgekauft und dafür auch rasch die infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen. Wir haben unfreiwillig auf industrielle Produktion verzichtet und auch viel Glück mit dem milden Winter gehabt. Ärmere gasimportierende Staaten, wie Pakistan, haben schmerzvoll die Folgen unseres Einkaufsverhaltens an den LNG-Märkten zu spüren bekommen. Auch, wenn wir heute besser vorbereitet sind als vor einem Jahr, dürfen wir uns die nächsten drei Winter noch nicht vollends in Sicherheit wiegen. 

„et“: Wo liegen die aktuellen Risiken?

Rolle: Die größten Unsicherheiten sind einerseits, wie kalt und lang der Winter wird und andererseits, ob die Bevölkerung erneut bereit ist, Sparanstrengungen zu unternehmen und z. B. Heiztemperaturen etwas abzusenken, oder ob diese Bemühungen einer gewissen Gleichgültigkeit weichen. War die Panik im letzten Winter im Nachhinein vielleicht etwas zu hoch, so ist die Sensibilität dafür aktuell eher noch zu klein. Hinzu kommt, dass wir nicht wissen, ob die verbliebenen Gasflüsse über die Ukraine nach Europa bis zum Auslaufen der Transitverträge 2025 in vollem Umfang garantiert sind und wie sich die globale LNG-Nachfrage entwickeln wird. Gefüllte Gasspeicher sind wichtig, aber diese allein gewährleisten keine Versorgungssicherheit.

„et“: Was sind die langfristigen Lehren aus der Krise?

Rolle: Die COVID-19-Krise und der Russland-Ukraine-Krieg haben die Risse und Abhängigkeiten in den industriellen Wertschöpfungsketten und damit unsere Verwundbarkeit offengelegt. Wir müssen schmerzvoll erfahren, dass die Zeiten global offener, durch eine starke WTO überwachter Märkte auf absehbare Zeit unterbrochen sind und sich geopolitisch Länderblöcke wieder stärker herausbilden. Seitdem diskutieren wir, wie wir die Resilienz unseres Wirtschaftsmodells stärken können. 

Damit verbunden ist aber auch die Frage, was uns ein Mehr an Versorgungssicherheit als Gesellschaft wert ist und zu welchen industriepolitischen Antworten wir bereit sind. Die Antwort für ein Exportland darf nicht Autarkie lauten, aber sie könnte ein bewussterer Erhalt von Produktions-Know-how und entsprechenden industriellen Netzwerken sein, die sich nicht plötzlich wiederherstellen lassen. Die aktuelle Diskussion um einen Industrie- oder Brückenstrompreis ist meines Erachtens erst der Startpunkt einer Suche danach, wie wir uns als Standort in dieser neuen Welt positionieren wollen.

„et“: Wo können Lösungen in dieser neuen, fragmentierteren Welt für uns liegen – z. B. beim Thema Wasserstoff?

Rolle: Ein Schlüssel liegt für mich in mehr gezielter internationaler Kooperation, wo immer sie möglich ist. Sei es in der Weiterentwicklung eines echten europäischen Energiebinnenmarktes mit einer viel enger verzahnten Transportinfrastruktur oder auch im Aufbau bilateraler und regionaler Partnerschaften. Diese Entwicklung treiben wir im Weltenergierat seit 2018 mit verschiedenen Studien und Projekten zu zukünftigen Importen von Wasserstoff und seinen Derivaten vehement an. Umso mehr freuen wir uns, dass die nächste Weltenergiekonferenz im April 2024 ausgerechnet in Rotterdam stattfindet, dem aktuell wohl bedeutendsten Wasserstoffhub in Europa.

„et“: Da schwingt viel Aufbruchstimmung mit für eine Organisation, die nun ihren 100. Geburtstag feiern wird?

Rolle: Ja, wir freuen uns schon sehr auf diesen Geburtstag mit verschiedenen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern. Wir haben dafür zudem zwei Historiker gebeten, in vielen Archiven nach unseren Anfängen zu recherchieren. Denn auch vor 100 Jahren gab es eine große Aufbruchstimmung. Die goldenen 1920er Jahre begannen und eine Elektrifizierungseuphorie erfasste die damaligen Industrie- und Schwellenländer, d. h., auch damals stand eine fundamentale Transformation des Energiesystems an. 

Der Gründer des World Energy Council – der Schotte Daniel Nicol Dunlop – spürte früh, dass es einen großen Bedarf gab, sich international zu dieser Transformation auszutauschen und voneinander zu lernen. Daher lud er nach einigem Vorlauf 1924 zur ersten World Power Conference nach London gleich Vertreter aus 40 Staaten ein. In Deutschland zählten neben bedeutenden Wirtschaftsverbänden auch sechs Reichsministerien zu den Gründungsmitgliedern. Dass Deutschland so kurz nach dem ersten Weltkrieg eingeladen wurde und 1930 sogar den zweiten Weltkongress in Berlin ausrichten durfte, war trotz der wirtschaftlichen Stärke nicht selbstverständlich. Dort hielt dann sogar Albert Einstein einen Vortrag, u. a. zu seiner speziellen Relativitätstheorie.

Der Weltenergierat – Deutschland ist über die einhundert Jahre nicht nur ein Spiegel der energiewirtschaftlichen Entwicklungen, sondern hat sich deutlich weiterentwickelt zu einem weltweiten energieträgerübergreifenden Kompetenznetzwerk der Energiewirtschaft. Je stärker die Potenziale einer engeren internationalen Zusammenarbeit gesehen werden, desto bedeutender kann die Rolle eines solchen Netzwerkes werden. 

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"et-Redaktion"
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