„et“: Aber reicht das als Unternehmensmaxime heutzutage aus? Das haben sich doch viele Unternehmen auf die Fahnen geschrieben.
Seiler: Das mag schon sein, aber leben die diesen Gedanken auch wirklich? Sehen Sie, alle unsere wichtigen Wettbewerber sind viel, viel größer als wir, bis hin zu großen Konzernen. Aber was ist deren wirkliche Antriebsfeder? Da stehen immer noch Rendite, Aktienkurs und Dividende im Vordergrund. Mit der Globalisierung wird die „Rosinenpickerei“ eingeführt und Fertigungen in Billiglohnländer verlagert. Die Werke sind dann zwar billiger, aber so weit von Kunden entfernt, dass sie überhaupt nicht mehr wissen, wofür sie welchen Arbeitsschritt machen.
Als Nächstes leidet die Qualität, weil z. B.Millimeter in der Blechdicke eingespart werden, was erneut Kosten senkt. Aber niemand fragt sich später, warum der Schaltschrank nicht stabil ist. Denn keiner, der das Produkt baut, war je beim Kunden oder Betreiber der Schaltanlagen und hat sich dessen Wünsche angehört. Ich vermute, dass sie nicht mal ihre eigenen Schaltschränke aufgebaut haben. Geschweige denn die Verantwortlichen in den Führungsebenen. Wie will man da verstehen, wo den Kunden der Schuh drückt? Sie sind beschäftigt mit ihren internen Prozessen und vernachlässigen dabei die Kundensicht. Da wird eher der Rendite gehuldigt, als dem Gedanken, wie sich ein Schaltschrank einfacher auf- und ausbauen lässt.
Hinzu kommt das Machtgehabe gegenüber den Zulieferern, die wie Zitronen ausgepresst werden. Wir haben das 19 Jahre lang erlebt, als wir für den Konzern Lohnaufträge ausgeführt haben, dessen Blechfertigung wir einst übernommen haben. Da werden beispielsweise Zahlungsziele einseitig verlängert von 30 über 90 bis zu 120 Tagen und keiner wehrt sich. Wir sagen inzwischen in solchen Fällen: „Wenn Sie Geld brauchen, dann gehen Sie bitte zu einer Bank. Wir sind keine Bank. Wir verbiegen zwar Blech, aber nicht uns.“ Der Erfolg mit unserem eigenen Produkt Vamocon, das wir 2008 eingeführt haben, gibt uns das nötige Selbstvertrauen. So konnten wir diese Lohnfertigung Ende 2023 aufgeben. Wir sehen uns als Vordenker, der mit redlicher Arbeit und großer Transparenz in Deutschland fertigt und keinen Renditefetisch mit Machtgehabe, Rosinenpickerei und Billigstandorten betreibt. Daraus entstehen anwenderfreundliche, langlebige und preisfaire Produkte in höchster Qualität – und ebensolche Kundenbeziehungen. Nach dem Erfolg 2024 werden wir 2025 richtig durchstarten auf dem Weg zu unserem großen Ziel: Wir wollen 2030 im Bereich der Niederspannungs-Schaltanlagen in unserem Markt die Nummer eins sein.
Langfristiger Plan mit kontinuierlichen Verbesserungen
„et“: Wie wollen Sie das machen? Schließlich haben Sie vorhin erwähnt, dass Ihre Wettbewerber alle viel größer sind.
Seiler: Naja, eben genau deshalb. Wir sind klein, flexibel und schnell. Unser Marktanteil ist noch gewaltig ausbaubar. Hinter unserem bisherigen Erfolg steckt ein langfristiger Plan mit kontinuierlichen Verbesserungen. So haben wir in den letzten Jahren sehr hart an unserem Business Excellence-Status gearbeitet und können heute mit Stolz sagen, dass wir in allen acht Säulen, die dieses Qualitätsmanagement-Programm kennzeichnen, Top-Status erreicht haben. Wir leben eine ausgeprägte Kundenzentrierung, verhalten uns achtsam gegenüber Partnern, Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden sowie gegenüber Umwelt und Gesellschaft und achten auf Ausgewogenheit bei den Ergebnissen, die nicht nur renditeorientiert sind.
Zugleich wächst der Markt, der für uns relevant ist, immm ens. Experten prognostizieren 500 Mio. €, und dass sich der Anteil der Elektrizität am Endenergiebedarf bis 2050 von heute 20 % auf 70 % steigern wird. Verantwortlich dafür sind die großen Megatrends unserer Zeit, Dekarbonisierung, Urbanisierung sowie die allgemeine Elektrifizierung mit der E-Mobilität im Speziellen. Aufgrund wachsender Cloud-Lösungen, von Streamingdiensten und dem Unabhängigkeitsstreben gegenüber den USA entsteht ein riesiger Bedarf an Rechenzentren. Und KI mit ihrem Rechenbedarf kommt noch on top. Gerade bei KI mit immensem Strombedarf wird in Zukunft Nachhaltigkeit und effiziente Energieversorgung gemeinsam mit intelligentem Energiemanagement die zentrale und entscheidende Rolle spielen. Dabei geht es nicht nur darum, Leistung zu steigern und Kosten zu senken, sondern auch um Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft. Da sind wir mit unseren Produkten weit voraus.

