Elektrifizierung der Sektoren und Fernwärmeausbau als Treiber der Netzinfrastruktur

Abb. 1 Überwiegend positive Wahrnehmung der Energiewende (Quelle: Horváth)

Abb. 2 Einschätzung der Entwicklung der Netzinfrastrukturinvestitionen (Quelle: Horváth)
Der Netzentwicklungsplan Strom geht erstmalig für Deutschland von einem Bruttostromverbrauch von über 1.300 TWh aus [6]. Die Auswirkungen der Elektrifizierung im Industrie-, Verkehrs- und Wärmesektor bedeuten für die Energieversorger – auch auf Verteilnetzebene –, dass sich das Niveau der Investitionsaktivitäten verdoppeln, teilweise gar vervielfachen wird.
Obgleich die Notwendigkeit des Netzausbaus und der Erneuerung aufgrund langfristiger Planungszyklen bekannt ist, gehen über 50 % der Befragten unserer Studie davon aus, die selbst gesetzten Ausbau- und Erneuerungsziele nicht erreichen zu können. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Versorger trotz positiver Aussichten nicht unberührt von volkswirtschaftlichen Einflüssen agieren können: Die Knappheit von Ingenieurs- und Tiefbaukapazitäten wirkt sich im Fernwärmebereich ebenso aus wie in allen anderen leitungsgebundenen Medien. Wenig überraschend wollen sich daher über 60 % der EVU noch stärker beim Kauf von Tiefbauunternehmen engagieren. 2021 waren dies in unserer Studie noch 35 %. Eine weitere Herausforderung stellen die gestiegenen Materialpreise, vor allem aber die teureren Finanzierungskonditionen dar. Im Kontext fünfjähriger Regulierungsperioden wird die Wirtschaftlichkeit in den regulierten Sparten zusehends kritisch.
Unsere Ergebnisse zeigen zudem ein weiteres Dilemma auf: Die Investitionssummen im Stromnetz steigen bis zur nächsten Regulierungsperiode bei der Hälfte der EVU noch einmal um mindestens 10 % (Abb. 2). Identisch ist das Bild in den Wärmenetzen. Im Gasnetz sind zwar die Aktivitäten weitestgehend rückläufig. Aber auch ein künftiges Wasserstoffnetz erfordert finanzielle Ressourcen und Kapazitäten. Gleiches gilt für die zu erneuernden Wasser- und Abwasserleitungen sowie den Breitbandausbau. Umso wichtiger ist die spartenübergreifende Infrastrukturstrategie als Handlungsrahmen zur Priorisierung knapper Mittel. Als interne Voraussetzungen für den Ausbau sind End-to-End-Verantwortung, die Output-orientierte Steuerung von Maßnahmen und die Weiterentwicklung der Arbeitskultur essenziell.
Vertriebliche Stärkung des Lösungsgeschäfts
Die beschriebenen Entwicklungen im Wärmebereich und bei erneuerbaren Energien zeigen sich auch mit Blick auf den Vertrieb und die Endkunden im B2C- und B2B-Geschäft. Die Studie macht deutlich, dass ein Großteil der EVU auch künftig höhere Ergebnisse im Commodity- als im Lösungsgeschäft erwartet. Das größte Potenzial wird hierbei im Bereich der Wärme gesehen. Dies erfordert von EVU, mit dem Umbau der Wärmeversorgung gleichzeitig attraktive Endkundenprodukte zu entwickeln und diese mit erfolgversprechenden Vertriebsmodellen zu unterlegen. Versorger sollten darauf achten, ihre bisherigen Gaskunden bei der Transformation einzubinden und beispielsweise über die Vermietung von Gasthermen als Übergangslösung den Umstieg auf die Wärmepumpe oder den späteren Anschluss an die Fernwärme vorzubereiten.
Auch wenn viele Versorger keine Verdrängung des Commodity-Geschäfts durch das Lösungsgeschäft erwarten, steigt dennoch dessen Bedeutung. Die höchsten Margenpotenziale erwarten die teilnehmenden Unternehmen in Geschäftsmodellen rund um die dezentrale Erzeugung von Energie: bei Photovoltaik und Wärmepumpen. Das Interesse der Endkunden an derartigen Lösungen nimmt spürbar zu. Auch aktuelle Herausforderungen – etwa im Kontext des GEG – werden dieser Entwicklung langfristig keinen Abbruch tun. Die Bemühungen konzentrieren sich dabei auf die Skalierung derartiger Geschäftsmodelle. Einige Marktakteure zeigen bereits, dass diese erfolgreich zu leisten ist.
Für EVU mit ihrer häufig besonderen Rolle als kommunaler Versorger rücken hier insbesondere auch die Wohnungswirtschaft sowie Kommunen und öffentliche Einrichtungen als attraktive Zielsegmente in den Fokus des Lösungsgeschäfts. Knapp 75 % aller befragten EVU schätzen das Potenzial für diese Kundensegmente als mindestens hoch ein. Wesentliche Herausforderung und gleichermaßen Erfolgsfaktor für das Lösungsgeschäft der Zukunft wird ein effizientes Operating Model sein.
Notwendigkeiten der Umsetzung der Energiewende
Über die dargestellten Segmente hinweg gibt es gemeinsame Notwendigkeiten für die Umsetzung der Energiewende:
- Erstens sollten sich Energieversorger Handwerkskapazitäten sichern (u. a. für Installation und Service von PV-Anlagen und Wärmepumpen).
- Zweitens gilt es, die notwendigen Ingenieurs- und Tiefbaukapazitäten für die zahlreichen Infrastrukturaktivitäten (u. a. Netz- und EE-Ausbau) zu gewährleisten.
- Drittens sollte systematisch geprüft werden, wo Kooperationen möglich sind, um die Abwicklung effektiver und effizienter stemmen zu können (sowohl finanziell als auch kapazitiv).
- Viertens gilt es, bestehende und zukünftige Prozesse digital und automatisiert zu gestalten, um interne Bottle-Necks zu vermeiden und trotzdem individuelle und attraktive Lösungen für Kunden anzubieten.
Diese Faktoren werden wesentlich den Erfolg der Versorger bei der Energiewende beeinflussen und dementsprechend auch über die zukünftige Marktposition eines EVU bestimmen.
Strategischer Fokus in Zeiten des Umbruchs
Es ist offensichtlich: Die Welt der Energieversorger befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette wird es wesentliche und komplexe Veränderungen geben. Erfreulich ist, dass die Energieversorger dennoch positiv auf die kommenden Jahre blicken. Der technologische Pfad und die nötigen Maßnahmen für den Weg scheinen gleichermaßen klar zu sein. Umso wichtiger ist es, dass die EVU nun den richtigen strategischen Schwerpunkt setzen.
Dies bedeutet vor allem, eine klare Priorisierung der (begrenzten) Investitionsmittel vorzunehmen. Mit den zu tätigenden Investitionen werden die Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt. Ebenso – das ist die zweite große Herausforderung – wird es darum gehen, die eigene Organisation auf diese Veränderungen vorzubereiten. Es werden neue Kompetenzen und weitere Kapazitäten in bestimmten Bereichen benötigt. Das heißt: Personalplanung muss strategisch und langfristig betrieben werden.
Zusätzlich gilt es, eine Mentalität des „Anpackens und Umsetzens“ zu implementieren, um die Energiewende gemeinsam zu meistern. Dies sind wesentliche Komponenten für eine erfolgreiche Gestaltung der zukünftigen Welt der Energieversorger.
Literatur
[1] AGORA Energiewende (2022): Durchbruch für die Wärmepumpe. Praxisoptionen für eine effiziente Wärmewende im Gebäudebestand, static.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2022/2022-04_DE_Scaling_up_heat_pumps/A-EW_273_Waermepumpen_WEB.pdf
[2] Bundesverband Wärmepumpe e.V. (2021): Branchenstudie 2021: Marktanalyse – Szenarien – Handlungsempfehlungen, www.waermepumpe.de/fileadmin/user_upload/BWP_Branchenstudie_2021_WEB.pdf
[3] BMWK (2022): Mehr Tempo bei der Transformation der Wärmeversorgung, www.bmwk.de/Redaktion/DE/Downloads/Energie/0612-erklaerung-fernwaeme-gipfel.pdf?_blob=publicationFile&v=8
[4] Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien (Erneuerbare-Energien-Gesetz – EEG 2023).
[5] Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik (2023): Informationsportal Erneuerbare Energien - Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland im Jahr 2022 (erneuerbare-energien.de)
[6] 50Hertz Transmission GmbH/Amprion GmbH/TenneT TSO GmbH/TransnetBW GmbH (2023): Netzentwicklungsplan Strom 2037-2045, www.netzentwicklungsplan.de/sites/default/files/2023-06/NEP%20kompakt_2037_2045_V2023_2E.pdf