Dr. Rutger Kretschmer, Bereichsleiter Kraft & Wärme bei der Sachsen-Energie: „Die Hauptherausforderung, die wir zu meistern haben, ist die sukzessive Ergrünung der Wärme“

Dr. Rutger Kretschmer, Bereichsleiter Kraft & Wärme bei der Sachsen-Energie: „Die Hauptherausforderung, die wir zu meistern haben, ist die sukzessive Ergrünung der Wärme“ (Quelle: Laufkötter)

EHP: Mit der Fusion von Drewag – Stadtwerke Dresden GmbH und Enso Energie Sachsen Ost AG zur Sachsen-Energie AG ist der größte kommunale Versorger Ostdeutschlands und zugleich der viertgrößte kommunale Versorger Deutschlands entstanden. Die Drewag hat als Marke weiterhin Bestand. Welche Auswirkungen hat die Fusion für die Fernwärme hinsichtlich Ausbau bzw. Umbau in Dresden?

Kretschmer: Die Fusion war der Abschluss einer Reihe vorgelagerter Maßnahmen, die die Fusion vorbereitet haben. Dazu gehörte u. a. die Netztransposition, in deren Rahmen es positive Veränderungen auch für die Fernwärme hier in Dresden gab.

EHP: Was ist unter Netztransposition zu verstehen?

Kretschmer: Mit der Transposition ist aus der bislang gebietsbezogenen Abgrenzung von Versorgungsnetzen eine nach Druckstufen- bzw. Spannungsebenen getrennte Aufteilung hervorgegangen. Gleichzeitig haben wir das strategische Geschäftsfeld Kraft und Wärme gebildet. Somit werden jetzt Fernwärmeerzeugung, -verteilung und -vertrieb gebündelt. Mir wurde die Ehre zuteil, für diese Matrixorganisation verantwortlich zu sein.

EHP: Was wollen Sie dadurch erreichen?

Kretschmer: Wir wollen überall einheitliche Prozesse haben – sowohl im technischen als auch im kaufmännischen Bereich, und vor allem eine einheitliche Verantwortung. Durch diese gesamtheitliche Betrachtung glauben wir, besser aufgestellt zu sein für die großen Themen, die vor uns liegen. Die Fernwärme ist eine wesentliche Säule auch für das Unternehmensergebnis. Die Hauptherausforderung, die wir zu meistern haben, ist die sukzessive Ergrünung der Wärme. Da ist es von Vorteil, wenn wir gesamtheitlich an das Thema herangehen können.

EHP: Dekarbonisierung geht oft mit Dezentralisierung einher. Ist das ein Thema für Sie?

Kretschmer: Auch wir planen dezentrale Einspeiser. Auf die Idee sind wir ganz alleine gekommen und brauchen nicht unbedingt Dritte, die uns erklären wollen, wie das geht. Dabei ist es sehr wichtig, dass das Zusammenspiel von Netzbau, Netzbetrieb und Erzeugung unter einem Hut ist. Wir werden in Dresden die Fernwärme ausbauen und haben eine ganze Reihe noch vor uns liegender Projekte. Ein ganz besonders großes Projekt haben wir gerade abgeschlossen.

EHP: Meinen Sie damit die Quartierserschließung Pieschen, eines Ihrer größten Ausbauprojekte?

Kretschmer: Genau, Pieschen. Dieses EFRE-Förderprojekt ist termingerecht zum 30. Juni 2021 komplett fertiggestellt worden. Das war ein wirkliches Mammutprojekt, das sich über viele Jahre erstreckt hat. Aber jetzt sind wir fertig, das kann ich vermelden. Ein Meilenstein dieses Projekts war der Elbdüker. Wir haben in einer technisch Aufsehen erregenden Aktion die Elbe unterdükert und konnten den Düker am 11. Dezember letzten Jahres in Betrieb nehmen. Im Rahmen dieses Projekts haben wir 11,2 km Fernwärmetrasse fertiggestellt – immerhin davon 1,2 km in fünfhunderter Nennweite, was nicht so häufig vorkommt. Und weitere 2,6 km in vierhunderter Nennweite. Wir haben 250 Gebäude angeschlossen über Fernwärmeverträge mit knapp 25 MW. Damit haben wir den Plan, den wir hatten, übererfüllt. Außerdem ist es uns gelungen, die ursprüngliche Zielstellung der Emissionsreduktion von jährlich 3 200 t CO2 um 10 % zu steigern.

EHP: Pieschen war auch Bestandteil des integrierten Energie- und Klimaschutzkonzepts (IEuKK) in Dresden. Welche Rolle spielt die Fernwärme im Klimakonzept? Welche Bedeutung hat die Fernwärme für die Energie- bzw. Wärmewende?

Kretschmer: Für Dresden hat die Fernwärme einen sehr hohen Stellenwert. Wir haben einen Marktanteil von ungefähr 40 % und sind sehr stolz darauf, dass wir bereits in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unsere Erzeugung umgestellt haben. In anderen Städten wird derzeit der Umstieg von Kohle auf Gas groß gefeiert. Wir sind da schon ein Stückchen weiter, insofern als dass unsere gesamte Erzeugung praktisch erdgasbasiert ist und wir zudem ein wenig erneuerbare Energien einspeisen, womit wir weitermachen wollen.  Wenn wir mit traditioneller Kraft-Wärme-Kopplung die Einzelheizung mit Gas ablösen, dann können wir nach den seriösesten Berechnungsverfahren nachweisen, dass wir sofort eine Emissionsminderung von 40 % hinbekommen. Sofort.

EHP: Ist dabei die Wirtschaftlichkeit gegeben?

Kretschmer: Mit der Förderung aus dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz für Netzausbau und Erzeugung ist das sofort wirtschaftlich. Daraus lässt sich erkennen, wie sinnvoll diese Förderung ist. Wir erhalten also auf den Schlag im Einzugsbereich der Fernwärme 40 % Emissionsminderung CO2. Ich rede gerne davon, dass wir den größten Staubsauger betreiben, der die Luft sauber macht, da die Gasturbinen tonnenweise Dreck aus der Luft saugen. Wenn es uns nun gelingt, die Erzeugung nach und nach auf andere Technologien umzustellen, die kein CO2 emittieren, dann ist die Fernwärme für das Erreichen der Klimaschutzziele in den Ballungszentren unersetzlich.

EHP: Das IEuKK läuft bis 2030. Nun soll es bis 2050 fortgeschrieben werden. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Kretschmer: Positiv. Mit dem vorhandenen Netz und den Plänen, das Fernheiznetz weiter auszubauen, haben wir gute Voraussetzungen, um weitere Beiträge zur CO2-Einsparung zu leisten – bis wir irgendwann klimaneutral sind. Ich sage bewusst irgendwann, weil ich die Zeitschienen nicht seriös belegen kann. Was ich allerdings sagen kann, ist, dass wir heute Technologien haben, die es gestatten, Fernwärme klimaneutral herzustellen. Wenn man diese einsetzt, wird stückweise die erdgasbasierte Kraft-Wärme-Kopplung ersetzt, nicht verdrängt, sondern ersetzt. Dann lässt sich das Ziel der Dekarbonisierung auch technisch erreichen.

EHP: Welche Technologien meinen Sie?

Kretschmer: Ich nenne mal nur schlaglichtartig die großen Komplexe, die uns zur Verfügung stehen. Als Erstes vielleicht Solar­thermie, bei der im städtischen Ballungsgebiet das Potenzial allerdings überschaubar ist. Für jede Fläche, die Sie sich anschauen, gibt es mindestens drei Nutzungskonkurrenten. Für Solarthermie würden wir Förderzuschüsse von über 80 % der Investitionskosten benötigen, um vergleichbare Wärmegestehungskosten zu erhalten, wie wir sie jetzt bei der traditionellen Kraft-Wärme-Kopplung haben. Davon abgesehen kann Solarthermie im Sommer einen guten Beitrag leisten, im Winter müssen wir trotzdem heizen. Deswegen meine ich auch, dass die traditionelle Kraft-Wärme-Kopplung ein stückweit verdrängt wird, aber dass sie völlig aufhört, das kann ich mir selbst in den kühnsten Träumen nicht vorstellen. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

EHP: Windenergie ließe sich auch für die Wärmeerzeugung nutzen. Wie bewerten Sie Power-to-Heat?

Kretschmer: Da sind wir beim zweiten großen Komplex, der uns hier zu Gebote steht: Power-to-Heat. Wir selbst haben einen 40-MW-Elek­troden­heizkessel an der Nossener Brücke, den wir sehr erfolgreich betreiben. Allerdings setzen wir diesen leider nur ein, wenn die Preise ganz, ganz niedrig sind und die Lastlage es zulässt. Für unsere neue 80-MW-KWK-Flex-Anlage, die wir in Dresden-Reick bauen, haben wir für genau diese elektrische Leistung schon die Kabelkanäle verlegen lassen. Der Platz für einen Elektrodenheizkessel ist vorhanden. Aber die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Wenn wir auf Deutschland schauen – und ich glaube, dass wir das müssen sowie wir Wärme und Strom immer zusammendenken müssen –, dann ließe sich viel mehr machen, wenn EEG-Umlage, Stromsteuer, einfach sämtliche Umlagen, die auf dem Strompreis lasten und die auch wir entrichten, nicht wären. Mit anderen Worten: Wenn wir Sektorenkopplung wirklich wollen, dann müssen wir diese Technologie, die im Zusammenhang mit den Fernheiznetzen sehr, sehr gut nutzbar wäre, von den Umlagen befreien.

EHP: Wie steht es mit der Nutzung von Abwärme?

Kretschmer: Wir haben Abwärme in Dresden, aber leider auf niedrigem Temperaturniveau. Das lässt sich technisch lösen, indem z. B. mit Wärmepumpen die Temperaturen angehoben werden. Aber leider wird immer noch unterschieden zwischen guter und schlechter Abwärme. Ich finde: Abwärme ist Abwärme. Denn diese kommt aus Prozessen, in denen der Primärenergieträger seine Arbeit bereits gemacht hat, und jetzt können wir sie nutzen. Das wäre ein weiteres Hindernis, was es zu beseitigen gilt.

EHP: Sie sprachen davon, dass Sie sich nicht vorstellen können, dass es Kraft-Wärme-Kopplung nicht mehr geben wird. KWK-Anlagen könnten auch Wasserstoff einsetzen, der aus erneubaren Energien erzeugt wurde. Wie schätzen Sie diese Option ein?

Kretschmer: Natürlich können wir in unseren Anlagen schon heute zu einem bestimmten Prozentsatz Wasserstoff verwenden. Es ist auch möglich, die KWK-Anlagen bis 2050 für 100 % Wasserstoffeinsatz fit zu machen. Das geht technisch; man muss ein bisschen Geld in die Hand nehmen. Wann aber dieser Wasserstoff zu ökomischen, konkurrenzfähigen Preisen zur Verfügung steht, dass weiß ich nicht, und ehrlich gesagt, wen man auch fragt, so erhält man keine genaue Antwort.

EHP: Was ist mit Biogas, Biomethan, Biomasse?

Kretschmer: Wir hatten immer mal Pläne, ein Holzheizwerk zu bauen. Wohl gemerkt kein Holzheizkraftwerk, sondern ein Holzheizwerk. Dann mussten wir aber erkennen, dass das Holz, das wir verbrennen wollen, gar nicht mehr vorhanden ist, weil der Borkenkäfer es gefressen hat. Deshalb ist der Holzpreis immens gestiegen. Holz aus der Region, was die ökologischste Variante wäre, ist also nicht vorhanden. Bliebe nur der Weg von weit her. Es ist für mich nicht sinnvoll, Holz zu verheizen. Altholz ist noch einmal eine andere Frage, aber so viel gibt es nicht. Deswegen schätze ich das Dekarbonisierungspotenzial von Holz als sehr klein ein.

EHP: Aber Biomethan und Biogas setzen Sie ein...

Kretschmer: Richtig, Biomasse in Form von Biomethan oder Biogas verwenden wir. Wir haben z. B. bei uns in Dresden-Klotzsche eine Biogasanlage, die macht 600 kW elek­trisch und etwa 800 kW thermisch. Das ist ein aufwendiges Geschäft. Wir nutzen Gülle und hauptsächlich Mais. Hierbei handelt es sich allerdings um eine Form von Monokultur. Bei einer so kleinen Anlage wie in Klotzsche geht das vielleicht noch, aber in unserer Anlage in Haßlau benötigen wir jährlich rd. 50 000 t Mais als Substrat. Das sind einige Hektar. Und wenn ich mir das jetzt mal in der Potenz vorstelle, also wenn alle das in ganz großen Umfang machen, dann könnte das problematisch werden.

EHP: Aber es lassen sich doch außer Mais auch andere Substrate verwenden.

Kretschmer: Sicherlich, man kann auch mit anderen Substraten, mit Mischsubstraten, arbeiten, man kann also auch Artenvielfalt befördern, wenn man mit Biomethan hantiert. Nur wird es dann nicht mehr so ertragreich. Damit sind wir wieder sofort bei dem Thema Geld. Wenn jemand mehr Geld in das System hinein gibt, kann er auch eine bunte Mischung an Sub­straten anbauen, vermeidet Monokulturen, aber es kostet. Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt.

EHP: Wie steht es mit Geothermie?

Kretschmer: Geothermie, ein interessanter Punkt. Die TU Bergakademie Freiberg hat bereits Voruntersuchungen gemacht, und wir bilden uns derzeit weiter, was Geothermie angeht. Aber wir haben hier geologisch gesehen keinen besonders leichten Untergrund – also anders als im Oberrheingraben oder in München, wo die Verhältnisse vorteilhaft sind. Wir haben hier unter uns hartes vulkanisches Gestein, was eine gewisse Häufigkeit hat. Zudem sehen wir das gewisse Risiko in einer Stadt, die viel Mikroelektronik hat, dass wir uns beim Bohren nicht nur Freunde machen. Wir suchen jetzt nach Möglichkeiten, wie wir mit dem Thema umgehen. Aber die Geothermie ist tatsächlich eine Option, die wir auch untersuchen.

EHP: Last but not least: Abfall. Welchen Beitrag könnte die Müllverbrennung leisten?

Kretschmer: Ich sehe nennenswertes Potenzial darin, unsere Abfälle zu nutzen. Wenn wir die Abfallmengen aus Dresden und Umgebung einsetzen würden, könnten wir ungefähr 12 % der Fernwärme damit bereitstellen. Das ist viel, denn wir reden hier von einer Wärmemenge von knapp 2 000 GWh, die wir hier in Dresden jährlich benötigen.

EHP: Sie haben bereits Kosten und die Wirtschaftlichkeit angesprochen, haben Förderungen und Umlagebefreiungen genannt. Was brauchen Sie von der Politik, um die Ergrünung der Fernwärme besser vorantreiben zu können?

Kretschmer: Neben den bereits genannten Faktoren vor allem Verlässlichkeit. Wir tätigen in der Fernwärme langfristige Investitionen: Unsere Netze müssen 40 bis 50 Jahre halten. Also verlässliche Rahmenbedingungen, weil wir hier mit viel Geld über lange Zeiträume denken. Und deswegen ist so ein Hin und Her, wie wir es manchmal in der Politik beobachten können, sehr schädlich. Zudem benötigen wir Förderprogramme mit ausreichender Dotierung und zwar möglichst bürokratiearm. Und dann, was brauchen wir noch? Wir dürfen nicht immer nur auf andere zeigen, sondern müssen uns auch mal an die eigene Nase fassen. Am Ende liegt es nämlich auch an uns selbst.

EHP: Meinen Sie jetzt die Branche, Ihre Kunden oder sich persönlich?

Kretschmer: Ich rede jetzt nicht nur über die Kunden, sondern auch über mich. Auch ich selbst, jeder, also wir alle müssten bereit sein, für diese große Transformation, die vor uns liegt, auch selbst etwas zu tun. Es nützt nichts, auf die Unternehmen zu zeigen und zu sagen: Die müssen mal und macht mal. Wenn wir wollen, dass das Produkt eine bessere, höhere Qualität bekommt, dann müssen wir am Ende des Tages bereit sein, ein bisschen mehr dafür zu zahlen. Und vielleicht bedeutet es dann auch, dass ich die eine oder andere Gewohnheit ändern muss.

EHP: Sie sind auch Mitglied des AGFW-Vorstands. Warum bringen Sie sich dort ein? Was möchten Sie bewirken?

Kretschmer: Mein persönlicher Antrieb ist das, was ich eben beschrieben habe. Da ist noch nicht alles gemacht. Da müssen wir noch ein paar Schritte gehen. Mit unserem Verband können wir dabei am besten mithelfen, und deswegen habe ich mich entschlossen, als Vorstand mitzuwirken. Und durch die Mittel, die man mir hier in Dresden gibt, kann ich vielleicht auch etwas bewegen. Das möchte ich, weil ich drei wunderbare Enkeltöchter habe und bestimmt werden es noch mehr. Sie sollen in dieser wunderschönen Welt leben können.

EHP: Der AGFW veranstaltet das Dresdner Fernwärme-Kolloquium, das Ende September stattfindet, wie immer mit Unterstützung der Sachsen-Energie. Warum unterstützen Sie das Fernwärme-Kolloquium? Welche Bedeutung hat es?

Kretschmer: Es ist eine Traditionsveranstaltung, bei der sich die Branche trifft – und zwar aus allen Bereichen: Vertrieb, Netzbetrieb, Netzbau, Erzeugung und auch die Politik. Es werden sämtliche Themen diskutiert. Es ist für die gesamte Fernwärmefamilie, die ja so groß nicht ist, eine ganz interessante Veranstaltung, die wir mit der Abendveranstaltung abrunden. Es ist eine Mischung aus dem Ort, aus der Tradition, die uns von Gestern über Heute nach Morgen trägt, und dem, was wir an Inhalten darbieten.

EHP: Vielen Dank für das Gespräch.

Silke Laufkötter

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