
Die GridCal Nodes (hier als Digitalleiste) lassen sich mit wenigen Handgriffen auch in Bestandsanlagen einbauen und sind in wenigen Minuten einsatzbereit. (Quelle: PSInsight)
Sie haben es bereits angedeutet: Bei Gridcal wird konsequent ein Edge-Computing-Ansatz umgesetzt. Ist dies bei den steigenden Anforderungen im Netzbetrieb weiterhin so konsequent umsetzbar?
Huppertz: Unser Edge-Computing-Ansatz mit dem Gridcal Node ist für uns das Fundament auf der Feldebene. Damit ist sichergestellt, dass die Stationen selbst 99 % der Arbeit mit den Netzdaten bereits vor Ort verrichten können. Dies wird ergänzt durch die zentrale Komponente, den Gridcal Operator. Wir sprechen daher von einem hybriden Ansatz, bei dem der Netzbetreiber entscheiden kann, wie er in Zukunft seine Netzbetriebsführung designen will.
Welche Vorteile hat dieser hybride Ansatz?
Huppertz: Bei vielen zentralisierten Lösungen werden die Massendaten in ein Rechenzentrum transferiert, ohne dass absehbar ist, ob diese irgendwann benötigt werden und auch wirklich zu einem effizienten Netzbetrieb beitragen können – aber trotzdem hohe Kosten verursachen. Mit unserem dezentralen Ansatz können wir dagegen die Probleme an der Wurzel packen und zwar direkt dort, wo sie entstehen. Bildlich gesprochen bringen wir nicht die Daten zu den Algorithmen in den Rechenzentren, sondern wir bringen die Algorithmen runter in die Feldebene und können dort, ohne dass die Daten die Stationen verlassen müssen, bereits viele Aufgaben abarbeiten.
Können Sie dies an einem Beispiel erläutern?
Huppertz: Wenn man über mehrere Jahre die Daten eines Transformators aufzeichnet, stellt sich die Frage, ob diese Daten permanent in einem Rechenzentrum eines externen Cloud-Anbieters gespeichert werden müssen – mit all den Energie- und Transferkosten –, nur um eventuell nach einigen Jahren einen Maximalwert abfragen zu können? Alternativ bleiben die Daten vor Ort in der Station, und erst wenn eine Frage auftaucht, werden die relevanten Datensätze von der Station abgeholt. Ich erhalte also das gleiche Ergebnis, aber mit fast keinen Kosten. Es bleibt natürlich die Entscheidung des Netzbetreibers, für welches Konzept er sich entscheidet. Allerdings verliert er bei einer Cloud unter anderem die Datenhoheit. Und wichtig ist dabei: Wir konnten in den vergangenen fünf bis sechs Jahren nachweisen – auch außerhalb von Pilotierungen und Forschungsprojekten –, dass wir mit unserem dezentralen Ansatz technisch in der Lage sind, eine echte Netzautomatisierung mit hohem Autarkiegrad in den Ortsnetzstationen umzusetzen, als Hilfsmittel für die Betriebsführung der Zukunft. Wir müssen also nicht pauschal hochauflösende Daten durch das Netz schicken und zentral in Cloud-Rechenzentren speichern.
Wie lange können die Daten vor Ort gespeichert werden. Gibt es hier eine Begrenzung?
Huppertz: Wir haben ausreichend Speicherkapazitäten in unserem System vor Ort, auch wenn das natürlich vom Messkonzept und von der angeschlossenen Sensorik abhängig ist. Mit den durchschnittlichen Anforderungen einer Station können wir über mehrere Jahre hinweg sowohl hochaufgelöste als auch bereits aggregierte Daten vorhalten. Zusätzlich besteht auch noch ausreichend Reserve für erweiterte Analysen der Betriebsmessgrößen.
Die Daten werden also vor Ort bereits vorverarbeitet?
Huppertz: Richtig. Der GridCal Node sichtet vor Ort die hochaufgelösten Daten und kann diese auch bewerten, aufbereiten und archivieren. Damit stehen diese Massendaten schon vorverarbeitet für einen einfachen Abruf zur Verfügung. Darüber hinaus sind auch die Rohdaten immer abrufbar, denn die Sensorik liefert Messwerte in einem 200-ms-Raster. Dementsprechend groß sind die Datenmengen. Es wäre also absurd, diese Massendaten in eine Cloud zu schicken und erst dort – bei Bedarf – auszuwerten.
Bei wie vielen Kunden ist GridCal mittlerweile im Einsatz?
Huppertz: Wir sind sehr zufrieden, wie unsere Lösung vom Markt angenommen wird. Schließlich haben wir inzwischen einen mittleren zweistelligen Kundenstamm. Dies zeigt uns, dass die Unternehmen es verstanden haben, wie wichtig es ist, im ersten Schritt der Digitalisierung diese Wertschöpfung nicht außer Haus zu geben. Schließlich gilt: Wenn wir die Unabhängigkeit in der Energieversorgung hervorheben, aber gleichzeitig massive Abhängigkeiten in der IT-Struktur aufbauen, kann dies nicht der richtige Weg sein.
Die Digitalisierung des Verteilnetzes ist ein Prozess, der sich über mehrere Jahre erstreckt. Wie schafft man hier den Einstieg?
Huppertz: Für uns ist entscheidend, dass wir mit unserer Lösung den Prozess vollständig von den internen Abläufen im Unternehmen abkoppeln können. Mit dem Rollout des Gridcal-Systems in den einzelnen Stationen lässt sich also ein Digitalisierungsprozess starten, der nicht davon abhängig ist, ob etwaige Serverstrukturen aufgesetzt sind oder ob interne IT-Projekte umgesetzt wurden. Denn entscheidend ist, möglichst früh zu starten und in einem ersten Schritt so viele Daten wir möglich zu erfassen – und zwar über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr, denn temporäre Messungen sind nicht repräsentativ und nicht hilfreich für eine effiziente Netzbewirtschaftung. Viele unserer Kunden spiegeln uns auch wider, dass sie mit Gridcal sehr schnell und in Eigenregie die Digitalisierung der Ortsnetzstationen vorantreiben können. Damit ist dann auch ein erster wichtiger Schritt getan.
PSInsight ist ein Softwareunternehmen. Sie sind damit auch auf Marktpartner angewiesen, die passende Sensorik zur Verfügung stellen. Dafür haben Sie die Gridcal Alliance gegründet. Was verbirgt sich dahinter?
Huppertz: Die Energiewende ist keine One-Man-Show. Sie lebt vielmehr von den unterschiedlichen Kompetenzen der Technologie- und Dienstleistungsanbieter, die sehr eng mit den Kunden Lösungen entwickeln. Das ist auch unser Credo: Wir entwickeln keine Technik, von der wir nichts verstehen, sondern wir nutzen etablierte Sensorik sowie andere Infrastrukturlösungen und verbinden diese bestmöglich mit unserer Software. All dies versuchen wir in der Gridcal Alliance abzustimmen. Darüber hinaus kooperieren wir mit Dienstleistungspartnern. Denn auch wenn Gridcal so designt ist, dass der Kunde es vollständig selbst beherrschen kann – von der Montage über die Inbetriebnahme bis zur Anwendung –, kann ein Rollout zum Beispiel durch Personalmangel oder andere Engpässe ins Stocken geraten. Dann haben wir auch passende Dienstleister, die bei der Implementierung unterstützten können.
Es kann also unterschiedliche Messtechnik von verschiedenen Herstellern eingesetzt werden?
Huppertz: Wir sind grundsätzlich technologieoffen. Trotzdem empfehlen wir einzelne Messsysteme, vor allem solche Komponenten, bei denen wir sicherstellen können, dass sich die Digitalisierung der Ortsnetzstationen im Bestand bestmöglich umsetzen lässt und wir auch Synergieeffekte erzielen können. Schließlich reicht es nicht, bei der Investitionsentscheidung nur die Kosten für Hardware und Software zu vergleichen. Es ist vielmehr eine Vollkostenrechnung notwendig, bei der auch zum Beispiel die gesamten laufenden Prozesskosten und die Kosten für den Rollout betrachtet werden. Hier können bei unausgegorenen Lösungen durchaus hohe zusätzliche Kosten entstehen, wenn die Systeme nicht flächendeckend und skalierbar funktionieren.
Ist die Gridcal-Lösung vor allem für die Nachrüstung von Bestandsanlagen vorgesehen?
Huppertz: Die Digitalisierung der Ortsnetzstationen im Bestand ist der Benchmark. Wenn es möglich ist, im Bestand ohne großen Aufwand eine Station zu digitalisieren, dann lässt sich dies natürlich auch bei Erneuerungsmaßnahmen und bei neuen Stationen umsetzen. Mit unserer Gridcal-Lösung haben wir den schwierigsten Anwendungsfall – also die Bestandsdigitalisierung als Benchmark – im Griff und alle anderen Anwendungsfälle können wir somit auch realisieren. Dies wird auch von den Netzbetreibern erwartet, denn viele unserer Kunden haben mittlerweile beschlossen, dass jede neu zu errichtende Station mit unserer Technologie ausgestattet werden soll. Hier gibt es zwei Optionen: Zum einen können die Stationen bereits im Werk der Stationsbauer mit unserer Technik ausgestattet werden, sodass sie bereits Gridcal-ready und damit vollständig digitalisiert angeliefert werden. Andere Netzbetreiber gehen dagegen den Weg, neue Stationen selbst vor Ort mit unserer Technologie nachzurüsten – also der gleiche Prozess, wie bei einer Bestandsanlage. Beides war eigentlich nie unser vordergründiges Ziel, zeigt jedoch, wie flexibel unsere Lösung von den Netzbetreibern eingesetzt werden kann.