Ergebnisse der exploratorischen Szenarien des World Energy Council
Der World Energy Council hat zwei exploratorische Szenarien gewählt, die auf unterschiedlichen Grundannahmen basieren (Abb. 2).
Beschreibung der Szenarien
In Rocks werden die globalen Hoffnungen und nationalen Versprechen, die mit dem Pariser Klimaabkommen verbunden sind, durch intensiven Druck in Bezug auf Energiesicherheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und andere Aspekte des nationalen Eigeninteresses bedroht – ein „neuer Tribalismus“. In vielen Teilen der Welt wurden die Pläne für den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe abgeschwächt oder verschoben, und die NDCs (Nationally Determined Contributions) werden kaum eingehalten. Energiesubventionen werden genutzt, um den immer stärker werdenden populistischen Forderungen in einer Welt gerecht zu werden, in der die Staats- und Regierungschefs eher die nationale Stärke als internationale Vereinbarungen oder Verantwortung betonen. Die Energiewende wird dort fortgesetzt, wo sie etabliert ist und sicherheitsrelevante Ziele unterstützt, aber die Vorstellung, dass die ganze Welt die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung erreichen kann, scheint einer längst vergangenen, einfacheren Zeit anzugehören.
In Rivers verändern der digitale Fortschritt und die Marktdynamik das Energieangebot und die Nachfrage erheblich. Das Wachstum vollzieht sich in sporadischen, aber dramatischen Schüben und belohnt Unternehmen, die neue Technologien einführen und Anpassungen in den Lieferketten vorausschauend ausrichten. Verstärkte Kooperation und Öffnung der Märkte bringen Innovationen voran. Zudem entstehen – manchmal unerwartet – neue Formen der Zusammenarbeit auf vielen verschiedenen Ebenen: Nachhaltigkeitsprojekte innerhalb gemeinsamer Wertschöpfungsketten, Austausch bewährter Praktiken zwischen Bürgergruppen, neue Effizienzgewinne durch technologische Innovationen sowie Klimaklubs und andere anreizbasierte Mechanismen. Eine größere digitale Transparenz ermöglicht es den vernetzten Energieakteuren, in ihrem Bereich strategische Entscheidungen zu treffen, anstatt auf politische Vorgaben von oben zu reagieren.
Während in den früheren Szenarien des World Energy Council der Zustand der Geopolitik als zentrale Unsicherheit betrachtet worden war, wird deren Rolle jetzt als vorherbestimmter Faktor definiert. Eine kooperative globalisierte Welt wird auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Vielmehr wird von einer fragmentierten Welt ausgegangen. Die Priorität, die dem Klimaschutz gebührt, ist in beiden Szenarien als hoch angesetzt worden. Hauptunterschiede zwischen den zwei Szenarien bestehen darin, wie stark die Ausprägung sich vollzieht, welche Maßnahmen zu welchem Zeitpunkt ergriffen werden und welche Ergebnisse diese Maßnahmen haben könnten. Die in Rivers bis 2050 quantifizierten globalen CO2-Emissionen korrespondieren mit einem Anstieg der globalen Temperaturen von 2 Grad Celsius. Im Szenario Rocks wäre mit einem Temperaturanstieg von etwa 2,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu rechnen.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Grundannahmen
Die quantitativen Ergebnisse dieser beiden Szenarien, die mittels des POLES-Modells von Enerdata ermittelt wurden, zeigen gemeinsame Tendenzen, aber in unterschiedlichen Ausprägungen. Dies erklärt sich durch die jeweils getroffenen Annahmen. In beiden Szenarien wird von einem Anstieg der Weltbevölkerung von 8,1 Mrd. zu Jahresbeginn 2024 auf 9,6 Mrd. im Jahr 2050 ausgegangen. Der stärkste Bevölkerungszuwachs wird für Afrika angesetzt, und zwar um 1 Mrd. Menschen auf 2,4 Mrd. im Jahr 2050. Das in den beiden Szenarien unterstellte Wirtschaftswachstum differiert. Kurzfristig, bis 2030, wird mit einer Steigerung der globalen Wirtschaftsleistung zwischen 2 und 3 % pro Jahr gerechnet, wobei speziell in Rocks aufgrund der angenommenen Verschlechterung der geopolitischen Situation die Wachstumskräfte niedriger ausfallen als in Rivers. Für die Zeit nach 2030 ist beiden Szenarien ein Wirtschaftswachstum von gut 3 % pro Jahr zugrunde gelegt.
Als wichtige nachfrageseitige Unterscheidungsmerkmale werden genannt: Die Verbesserung der Energieeffizienz stagniert in Rocks wegen eines Mangels an internationaler Zusammenarbeit. Demgegenüber verbessert sich die Energieeffizienz in Rivers stärker, und zwar aufgrund Verbreiterung der Technologieentwicklung und praktizierter Technologietransfers. Die Elektrifizierung des Verkehrs kommt in Rivers schneller voran als in Rocks. Der Ausbau der Infrastruktur nimmt in Rivers aufgrund besserer Anpassungen bei Finanzierung und Genehmigungen mehr Fahrt auf als in Rocks. Der Gebäudebereich steht in Rivers vor einer stärkeren Elektrifizierung als in Rocks, vor allem mittels Wärmepumpen.
In Rivers werden Wind- und Solarenergie dank verbesserter internationaler Zusammenarbeit massiv ausgebaut. In Rocks vollzieht sich diese Entwicklung langsamer und ist stärker auf kleinere regional begrenzte Objekte konzentriert. Der Verbrauch an Kohle vermindert sich, in Rocks aber in signifikantem Umfang erst nach 2040. Die Bedeutung von Erdgas nimmt zu. Wasserstoff wird vermehrt – etwa in der Stahlindustrie – genutzt. In Rivers kommt Wasserstoff auch zur Erzeugung von Energie zur Anwendung, wobei der internationale Handel mit Wasserstoff und deren Derivaten vorankommt. In Rocks stützt sich die Dekarbonisierung der Energieversorgung stärker auf die Technologie der Abscheidung und Speicherung von CO2, während bei Rivers der Fokus mehr auf Wasserstoff und erneuerbaren Energien liegt. In beiden Szenarien bestehen bei der Transformation der Energieversorgung Unterschiede nach Weltregionen. In Europa und Nordamerika erfolgt die Dekarbonisierung vor allem durch eine Abkehr von fossilen Energien. Demgegenüber verharrt Asien einschließlich des Mittleren Ostens noch stärker bei der Nutzung von Kohle, Öl und Erdgas und kompensiert die dadurch bedingten Emissionen zumindest partiell durch CCS.
Quantitative Ergebnisse
Der Primärenergieverbrauch wächst in beiden Szenarien bis 2050 noch um rund ein Fünftel im Vergleich zum Stand des Jahres 2022. Die Unterschiede in der Entwicklung gemäß den beiden Szenarien bestehen darin, dass bis 2030 das in Rivers unterstellte größere wirtschaftliche Wachstum zu einem etwas höheren Primärenergieverbrauch führt als in Rocks, während nach 2040 der Primärenergieverbrauch in Rocks wegen der niedrigeren Effizienzgewinne etwas größer ausfällt als in Rivers (Abb. 3).

