Nachgefragt bei Dr. Carsten Rolle

Dr. Carsten Rolle (Quelle: Weltenergierat – Deutschland)
bei Dr. Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierat – Deutschland e.V., und zugleich Leiter der Abteilung Energie- und Klimapolitik des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI), Berlin
„et“: In der diesjährigen Publikation „Energie für Deutschland“ des Weltenergierates haben Sie das Thema „Energieversorgungssicherheit Deutschlands“ als Schwerpunkt gewählt. Das liegt nahe, aber kommen Sie damit nicht einige Jahre zu spät?
Rolle: Sie haben Recht: Das Thema Versorgungssicherheit ist in den letzten Jahren bedauerlicherweise in Deutschland immer stärker für selbstverständlich genommen und nicht ausreichend ernst adressiert worden. Zwar kenne auch ich weder inner- noch außerhalb des Weltenergierates irgendeinen Energieexperten, der eine Energiekrise diesen Ausmaßes als Folge eines Krieges in Europa vorhergesehen hätte. Das hat schlicht unsere Vorstellungskraft gesprengt. Dazu sind wir zu geneigt, eher linear zu denken.
Aber auf Schieflagen in der Schwerpunktsetzung der energiepolitischen Diskussion haben wir als Weltenergierat regelmäßig hingewiesen. Zum einen im Rahmen der Publikation World Energy Trilemma Index, die eine ausgewogene Verfolgung des energiepolitischen Zieldreiecks laufend nachhält. Zum anderen aber auch sehr explizit mit der Entwicklung eines Indizes, der die Verwundbarkeit des Energiesystems misst – und zwar was Diversifizierung der Rohstoffbezugsquellen, der Transportwege, politische Risiken von Staaten, Speicher, Reserven und Endenergieverbrauch angeht. Als wir 2010 diese Verwundbarkeitsstudie vorgestellt haben, war die Kernaussage, dass die Verbesserungen auf der Effizienzseite die Verdopplung der Verwundbarkeit durch abnehmende Diversifizierung auf der Rohstoffseite nicht ausgleichen können und dringender Handlungsbedarf besteht. Da waren wir aber eher ein einsamer Rufer in der Wüste.
„et“: Nun ist das Thema Versorgungssicherheit gerade bei Erdgas omnipräsent. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?
Rolle: Wir erleben gerade schmerzvoll, welch hohen Preis wir volkswirtschaftlich für das hohe Verwundbarkeitsrisiko bezahlen und wie viel Kraft und Zeit es braucht, um sich daraus wieder zu befreien. Umso mehr hoffe ich, dass wir jenseits der ganz unmittelbaren Krisenbewältigung in den beiden kommenden Wintern auch mittelfristig die richtigen Schlüsse ziehen. Dazu zählen Infrastrukturaufbau und Diversifizierung, der Erhalt eines funktionierenden europäischen Energiebinnenmarktes, aber auch der Wert langfristiger Partnerschaften und Verträge. Diese müssen nicht auf fossile Energien beschränkt bleiben, sondern sollten durchaus breitere Kooperationen zunehmend erneuerbarer Energien und entsprechender Technologien umfassen. Aber sie müssen die Interessen dieser Partnerländer ernst nehmen und dürfen nicht als bevormundend wahrgenommen werden. Sonst zahlen wir erneut einen hohen Preis.
„et“: Sehen Sie jenseits der Gaskrise weitere Versorgungsrisiken?
Rolle: Bereits während der Corona-Krise haben wir an verschiedenen Stellen überdeutlich die Verwundbarkeit unserer industriellen Wertschöpfungsketten erfahren, beispielsweise durch Chipmangel, Lockdowns und Transportengpässe. Das Bewusstsein für diese Verwundbarkeit hat bei vielen Unternehmen stark zugenommen und sie haben begonnen, darauf zu reagieren – etwa durch eine Diversifizierung der Supply Chains und stärker regional ausgerichtete Produktionscluster, trotz entsprechend höherer Kosten.
Eine Kernfrage aber bleibt bestehen: Berücksichtigen Märkte und Unternehmen politische Risiken der Versorgungssicherheit ausreichend oder besteht hier stärkerer Handlungsbedarf für die Politik? Die Konzentration der Herkunft einiger metallischer Rohstoffe wie Gallium oder Germanium und seltener Erdmetalle und ihrer Raffinadekapazitäten ist zum Teil noch wesentlich höher als bei Energierohstoffen. Dabei sind diese Rohstoffe für zahlreiche Technologien und das Gelingen der Energiewende kritisch. So liegt gemäß Deutscher Rohstoffagentur (DERA) der Anteil der drei größten Produktionsländer von Gallium und Seltenerdoxiden bei jeweils 99 %, bei Germanium bei 95 %. Den weitaus größten Anteil hierbei hat stets China, das darüber hinaus weltweit in großem Umfang strategisch Explorations- und Förderrechte im Ausland erwirbt.
Wie kann ein einzelnes deutsches Technologieunternehmen solchen systemischen Risiken begegnen, wenn es keine alternativen Anbieter gibt – auch weil bspw. das Raffinieren von Seltenen Erden umweltrechtlich in Europa heute kaum darstellbar wäre und eine riskante Rückwärtsintegration beim Rohstoffbezug die Eigenkapitalbasis bei weitem überschritte? Hier sehe ich Ansatzpunkte für eine europäische Industriepolitik, die das Thema Resilienz stärker in den Mittelpunkt stellt.
„et“: Neben den Verfügbarkeitsrisiken bestimmen die massiv gestiegenen Energiepreise die politische Debatte. Wie stehen Sie zu den Vorschlägen der ExpertInnen-Kommission für Gas und Wärme, an denen Sie mitwirken konnten?
Rolle: Die Gaskommission hat trotz der sehr heterogenen Zusammensetzung ihrer 21 Mitglieder in extrem kurzer Zeit sehr einvernehmlich pragmatische Vorschläge ausgearbeitet, wie sozial und ökonomisch gefährliche Auswirkungen hoher Gaspreise auf private Haushalte und Unternehmen möglichst schnell abgefedert werden können, ohne weiter notwendige Sparanreize zu nehmen. Ich finde dieses Maßnahmenpaket nicht nur zielgerichtet und ausgewogen, sondern halte es insgesamt auch für rasch umsetzbar. Allerdings wird der nun parallel geänderte EU-Beihilferechtsrahmen für einige, gerade größere, Unternehmen noch Beschränkungen implizieren, die noch aufgelöst werden müssen.
Die vorgeschlagene Gaspreisbremse, die eigentlich eine Gaskostenbremse ist, bringt ein Minimum von der Planungssicherheit zurück, die Präsident Putin in diesem Hybridkrieg ganz bewusst zerstören will. Was sie nicht leisten kann, ist alle Mehrbelastungen dieser Energiekrise zu schultern und zu sozialisieren. Eine offene Frage wird daher sein, wie wir in Europa mittelfristig mit Gaspreisen umgehen können, die LNG-bedingt signifikant höher als vor der Krise und vor allem höher als in anderen Weltregionen, wie Nordamerika und dem Mittleren Osten, bleiben werden. Dies kann für einige energieintensive Teile der europäischen Industrie eine schwierige Situation werden.
„et“: Worauf sollten wir neben akuten Preisbremsen achten?
Rolle: Eine andere Gefahr ist zwar sicher noch nicht vorüber, aber hat sich zuletzt doch hoffentlich zumindest ein wenig entspannt. Diese sehe ich in einer wachsenden Fragmentierung politischer Ansätze und einer dauerhaften Umkehrung der Liberalisierungserfolge des europäischen Energiebinnenmarktes. Daher halte ich es für wichtig, viele der in der akuten Krise nachvollziehbar getroffenen Maßnahmen sehr klar zu befristen, um danach nicht in einem deutlich stärker staatlich dominierten Energiesystem gefangen zu bleiben. Diese neue Balance zwischen staatlicher Rahmensetzung und weiterentwickelter Marktordnung muss erst noch gefunden werden.
„et“-Redaktion