Neue Anreize für die Schwellen- und Entwicklungsländer setzen

Abb. 3 CO₂-Emissionen pro Kopf in t 2022

Abb. 3 CO₂-Emissionen pro Kopf in t 2022 (Quelle: Ziesing ET 10/2023).

Abb. 4 Energieproduktivität 2022 in US-$/GJ

Abb. 4 Energieproduktivität 2022 in US-$/GJ (Quelle: Ziesing ET 10/2023).

Die Möglichkeit, ein globales Emissionshandelssystem zu etablieren, ist unrealistisch geworden, insbesondere weil China als weltweit größter Emittent nunmehr zu den Nettozahlern gehören würde und pro Kopf (7,5 t) weit mehr CO2 als der Weltdurchschnitt (4,4 t) emittiert (Abb. 3). Nun gibt es seit dem Copenhagen Accord von 2009 einen Konsens unter allen großen Emittentenländer, dass die Industrieländer ab 2020 jährlich 100 Mrd. US-$, mit steigender Tendenz, bereitstellen müssen, um die Entwicklungsländer bei ihren Investitionen zum Energiewandel und der Abwehr von Klimafolgenschäden zu unterstützen. Dieses Potential sollte nicht wie Entwicklungshilfe eingesetzt werden. Vielmehr sollte damit ein Anreiz geschaffen werden, sowohl eigene Anstrengungen zum Ausstieg aus fossilen Energien zu honorieren wie insbesondere die Energieeffizienz (Abb. 4) zu verbessern und damit Energie zu sparen.  So benötigt Indien 3,4mal so viel Energie, um eine Einheit des Bruttoinlandsproduktes herzustellen, als die fünf größten EU-Länder (EU-5). In der Verbesserung der Energieeffizienz stecken die weltweit größten Potentiale zur Reduzierung von CO2-Emissionen. Dies betrifft natürlich nicht nur Indien, sondern auch Länder wie China und Russland. Würde Indien ein nationales Emissionshandelssystem für CO2-Emissionen einführen, das fossile Energien im Vergleich zu erneuerbaren verteuerte, so hätte dies einen erwünschten Lenkungs-effekt, würde Geld mobilisieren, das für Investitionen in erneuerbare Energien verfügbar wäre und sollte aus dem 100-Mrd.-US-$-Topf begünstigt werden, um damit das bevölkerungsreichste Land der Erde von seiner Argumentationsweise abzubringen, dass, solange es bei den Pro-Kopf-Emissionen weit unter dem Weltdurchschnitt liegt, keinen Beitrag zur Lösung des globalen Klimaproblems leisten muss. 

Es liegt in unserem Interesse seit den 1990er-Jahren, die Entwicklungsländer davon abzubringen, unseren Entwicklungspfad nachzuahmen. Nicholas Stern hat bereits 2006 nachgewiesen [15], dass die Lösung des Klimaproblems um ein Vielfaches billiger ist als die Nichtlösung. So können wir es uns durchaus etwas kosten lassen, dort zu investieren, wo es den größten Effekt macht.

Quellen

[1] Brundtland-Bericht, Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Unsere gemeinsame Zukunft, Greven, Eggenkamp 1987, S. 46. [2] William J. Baumol, Wallace E. Oates, The Theory of Environmental Policy, 2. Auflage, Cambridge, MA, Cambridge University Press, 1988, S. 7. [3] Der renommierte Völkerrechtler Ernst-Ulrich Petersmann empfahl 1992 eine Internalisierungsabgabe im Sinne einer Pigou-Steuer oder „handelbare Verschmutzungsrechte“. Ernst-Ulrich Petersmann, Umweltschutz und Welthandelsordnung im GATT-, OECD- und EWG-Rahmen, Europa Archiv Heft 9, 1992 (S. 257-266), S. 257. [4] Klaus Töpfer, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.5.1993 S. B3. [5] Klaus Töpfer, Plädoyer für eine gleichberechtigte Partnerschaft, Europa Archiv, Heft 9, 1992 (S.238-243), S. 238. [6] Al Gore, Earth in Balance – Ecology and the Human Spirit, Boston, New York 1992.
[7] Anil Agarwal, Sunita Narain, Global Warming in an Unequal World – a Case of Environmental Colonialism, New Delhi, Centre for Science and Environment, 1991, S.13. [8] Klaus Töpfer, Plädoyer für eine gleichberechtigte Partnerschaft, Europa Archiv, Heft 9, 1992 (S.238-243), S. 240. [9] Siehe das grundlegende Werk zu den Verhandlungen bis zum Kyoto-Protokoll: Sebastian Oberthür, Hermann Ott, Das Kyoto-Protokoll, Leske und Budrich, Opladen, S. 79.  [10] Ebd. S. 247-248. [11] Quelle: Hans-Joachim Ziesing, Weltweite CO2-Emissionen 2014, Energiewirtschaftliche Tagesfragen, Heft 9/2015, S. 4. [12] So lautet der zentrale Artikel 3 des Abkommens: „Zur Verwirklichung des in Artikel 2 genannten Zieles dieses Übereinkommens sind von allen Vertragsparteien als national festgelegte Beiträge zu der weltweiten Reaktion auf Klimaänderungen ehrgeizige Anstrengungen … zu unternehmen und zu übermitteln. Quelle: www.bmuv.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/paris_abkommen_bf.pdf [13] Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2022, S. 39. [14] International Monetary Fund, India Can Balance Curbing Emissions and Economic Growth, Washington, D.C. 7.3.2023. [15] Nicholas Stern, The Economics of Climate Change (Stern Report), Cambridge: Cambridge University Press, 2006/2007. 

Dr. F. Müller, langjähriger Leiter der Forschungsgruppe „Globale Fragen“ bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, und Leiter des transatlantischen Projekts „International Network To Advance Climate Talks“ (INTACT) 

Der Artikel beruht auf dem Buch: Friedemann Müller, Zur Geschichte der nicht gelungenen Klimapolitik, Baden-Baden 2023.

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Friedemann Müller
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