Ausblick
Mehr und mehr wird verstanden, dass die Kunst in der Energie- und Klimapolitik nicht darin besteht, andere Länder zu übertrumpfen, sondern die gemeinsamen Interessen herauszustellen. Wichtig ist es, möglichst viele Länder zu einer Zusammenarbeit zu bewegen und zwar am besten durch konkrete Hilfestellungen und Angebote zur Kooperation. Niemand sagt, dass eine solche Neuakzentuierung der Energie- und Klimapolitik der Bundesregierung einfach wäre. Es ist auch völlig offen, ob es unter den gegenwärtigen, sich eher eintrübenden wirtschaftlichen Perspektiven in Deutschland gelingen kann, die dafür notwendigen politischen Mehrheiten zu gewinnen. Aber auf diesem Weg voranzuschreiten, wäre sachgerecht und für alle von Vorteil. Für Deutschland wäre es vor allem vorteilhaft, weil man den Umbau der Energieversorgung in einem geordneten Strukturprozess ohne größere Kapitalvernichtung und unnötige Ressourcenverschwendung organisieren und doch das Ziel „Klimaneutralität“ einhalten könnte.
Leser, die einer solchen Bewertung skeptisch gegenüberstehen, sei eine erneute Beschäftigung mit der „Goldenen Gleichung der Energie- und Klimapolitik“ empfohlen. Das mag für den einen oder anderen „unangenehm“ sein; schon Johann Wolfgang von Goethe – Bergbauminister im damaligen Herzogtum „Sachsen-Weimar-Eisenach“ und damit sicher einer der ersten Energiepolitiker in Deutschland – wusste: „Mit Mathematikern ist kein heiteres Verhältnis zu gewinnen“. Gleichwohl, wer die Warnungen der Klimawissenschaftler für bare Münze nimmt und sich vor aller Welt zu den entsprechenden Zielen verpflichtet, kann sich nicht oft genug die gewaltige Dimension der globalen Herausforderung beim „Schutz der Erdatmosphäre“ vor Augen führen.
Da man Geld nur einmal ausgeben kann, stellt sich die Frage, wie lange und mit welchen Argumenten Deutschland an den vielen, im weltweiten Vergleich mehr oder weniger stark überteuerten klimapolitischen Maßnahmen festhalten will. Eine fachliche und politische Diskussion dieser Zusammenhänge wäre interessant und aufschlussreich; auch weil man dann besser bewerten könnte, wie es um die Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit des Engagements Deutschlands für den globalen Klimaschutz steht.
Anmerkungen
[1] Wallace-Wells, D.: The Uninhabitable Earth – Life after Warming, New York 2019.
[2] WBGU: Sondergutachten „Klimaschutz als Weltbürgerbewegung“, Berlin 2014, S. 17.
[3] WBGU: Sondergutachten „Klimaschutz als Weltbürgerbewegung“, Berlin 2014, S. 1.
[4] Der jüngste IPCC-Bericht „Global Warming of 1,5°C“ fordert für den Fall einer maximalen Erwärmung von 1,5 °C einen Pfad für die anthropogenen CO2-Emissionen, der für 2050 gerade noch so viel Emissionen zulässt, wie sie von der Natur absorbiert werden können („reaching net zero“).
[5] United Nations: Transforming our World: The 2030 Agenda for sustainable Development, New York 2015.
[6] United Nations: The World Population Prospects, 2017 Revision, Data Booklet, New York 2017.
[7] Latour, B.: Down to Earth – Politics in the New Climatic Regime, Cambridge 2019, S. 5.
[8] Interview mit Helge Braun, Kanzleramtsminister: „Wir wollen weltweit ein Vorbild sein“, in: General-Anzeiger: Bonn, 18./19.04.2019.
[9] In Japan sind mittlerweile wieder acht Reaktoren in Betrieb, bis zu 33 weitere Reaktoren sollen in den kommenden Jahren an das Netz gehen; Quelle: Akademien Projekt ESYS (Hrsg.): Welche Bedeutung hat die Kernenergie für die künftige Weltstromerzeugung, München 2019.
[10] BP: BP Statistical Review of World Energy, June 2018.
[11] McKibben, B.(Hrsg.): The Global Warming Reader – A Century of Writing About Climate Change, New York 2011.
[12] McKinsey&Company: Pathways to a Low-Carbon Economy – Version 2 of the Global Greenhouse Gas Abatement Cost Curve, 2009.
[13] European Commission: A Clean Planet for all – A European strategic long-term vision for a prosperous, modern, competitive and climate neutral economy, Brüssel 28.11.2018.
[14] Bundeskanzlerin Merkel hat sich in einer Rede vor dem Petersberger Klimadialog am 13./14.2019 zum Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 bekannt.
[15] Bei „Joint Implementation“ kann Deutschland in einem anderen Industrieland Maßnahmen zum Klimaschutz finanzieren und die dort erzielten Emissionseinsparungen auf die eigenen Verpflichtungen anrechnen lassen kann. Der „Clean Development Mechanism“ ermöglicht es, in einem Entwicklungsland Maßnahmen zu unterstützen und sich die dabei erzielten Erfolge gut schreiben zu lassen.
[16] Radermacher, F.-J.: Der Milliardenjoker – Wie Deutschland und Europa den globalen Klimaschutz revolutionieren können, Hamburg 2018.
Dr. K. Kübler, Rheinbach