NACHGEFRAGT bei Dr. Carsten Rolle, Geschäftsführer des Weltenergierat – Deutschland e.V., Berlin

„et“: Nach eher systemischen Fragestellungen mit akutem Krisenbezug in den vergangenen Ausgaben der Weltenergierat-Jahrespublikation „Energie für Deutschland“ beleuchten Sie in diesem Jahr mit dem Thema Offshore-Windkraft den globalen Markt für eine einzelne erneuerbare Energiequelle. Welchen Hintergrund hat das?

Rolle: Die unmittelbare Energiekrise liegt glücklicherweise hinter uns. Dafür werden die strukturellen Herausforderungen des Wirtschaftsstandortes Deutschland nun umso sichtbarer. Gerade deshalb ist es wichtig aufzuzeigen, wo auch Chancen liegen und wie wir sie richtig nutzen. Die Offshore-Windenergieerzeugung ist so ein vielversprechender Zukunftsmarkt mit globalen Perspektiven. Und einer Reihe von Vorteilen:  Mit bis zu 4.000 Betriebsstunden im Jahr gilt die Offshore-Windenergie als eine grundlastnahe Erzeugungsform. Unabhängig von der Jahreszeit können Windenergieanlagen auf See aufgrund starker und beständiger Winde im Durchschnitt deutlich größere Mengen an erneuerbarem Strom produzieren als an Land. Hinzu kommt die andere Dimension, mit der Offshore-Windturbinen aufwarten: Während 2022 noch Anlagen von je 8 MW im Offshore-Windpark Hornsea 2 (UK) in Betrieb genommen wurden, geht es bei der Beschaffung in heutigen Projekten um Turbinen mit einer Leistung von 15, 18 und absehbar auch 20 MW.

Aktuell sind in Deutschland 8,5 GW Offshore-Windleistung installiert – davon 7,1 GW in der Nordsee. Diese haben 2023 23,5 TWh Strom erzeugt, d.h., gut 5 % der deutschen Stromerzeugung. Offshore-Wind wird angesichts des ambitionierten Ausbaus damit systemisch zunehmend relevant. International ist die Ausbaudynamik für Offshore-Wind noch sehr unterschiedlich ausgeprägt und auch innerhalb der Europäischen Union (EU) gibt es große Unterschiede, trotz grundsätzlich großem Potenzial – energiewirtschaftlich wie industriepolitisch. 

„et“: Welche aktuellen Entwicklungen in der deutschen und auch europäischen Industrielandschaft sehen Sie als besonders kritisch oder relevant an?

Rolle: Die aktuelle BDI-Studie „Transformationspfade für das Industrieland Deutschland“ (bdi.eu/artikel/news/transformationspfade-fuer-das-industrieland-deutschland-studie-langfassung), die zeitgleich mit dem Draghi-Report herauskam, ist ein Weckruf an die Politik, wie es um den Industriestandort bestellt ist. Im Kern ist rund ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung in Deutschland mittelfristig gefährdet – vor allem durch hohe Energiekosten und schrumpfende Märkte für bisherige deutsche Kerntechnologien, aber auch hohe Bürokratielasten und Unternehmenssteuern sowie eine veraltete Infrastruktur. Aufgrund der hohen Verflechtung der Industriebranchen miteinander strahlt diese Krise auf weitere Branchen ab. Verstärkend könnten die jüngsten Entwicklungen in den USA zu weiteren Abschottungstendenzen und Umleitungen von Handelsströmen führen, die die deutsche Industrie herausfordern werden.

Die Antwort auf diese strukturellen und in dieser Ballung neuen Herausforderungen für den Industriestandort muss eine Wachstumsagenda sein, die zu deutlich höheren Investitionen führt. 1,4 Bio. € Mehrinvestitionen bis 2030, davon rund zwei Drittel private Investitionen, wären für die Transformation erforderlich. Das macht auch eine andere Prioritätensetzung notwendig und die Bereitschaft, wo möglich, stärker auf europäische Lösungen und integrierte Märkte zu setzen.

„et“: Was könnte ein geeigneter Umgang auf EU-Ebene mit den Herausforderungen der europäischen Wirtschaftsstandorte bzw. der noch kleinen Offshore-Wind-Wertschöpfungskette sein?

Rolle: Trotz der grundsätzlich positiven Vision und der Erwartung einer wachsenden Nachfrage steht die europäische Offshore-Industrie vor spürbaren Herausforderungen. Auf Herstellerseite hängt das vor allem mit der staatlich geförderten chinesischen Konkurrenz zusammen, die in kurzer Zeit große Kapazitäten aufgebaut hat und heute fast zwei Drittel der Vorleistungskette für Offshore Wind beherrscht. Ihre Größenvorteile übersetzen sie geschickt in kurze Innovations- und Modellzyklen und niedrige Preise. Demgegenüber war der politische Ausbaupfad in Europa zuletzt wenig verlässlich. Hinzu kommen Engpässe bei der schwerlastfähigen Hafeninfrastruktur, Installationsschiffen sowie bei der Finanzierung. 

Wenn wir das Thema Resilienz wirklich ernst nehmen als Learning aus den jüngsten Krisen, dann werden wir ein gewisses Maß an Anbietervielfalt sicherstellen müssen, beispielsweise über stärker qualitative Ausschreibungskriterien anstelle eines reinen Preiswettbewerbs. Zudem brauchen wir eine gemeinsame europäische Vision von Nord- und Ostsee als Offshore-Netzinfrastrukturen, die eine deutlich höhere Werthaltigkeit des vermarktbaren Stroms sicherstellen würde. Hier hoffe ich, dass der Green Industrial Deal der neuen EU-Kommission im Konkreten hält, was er abstrakt verspricht. 

„et“: Mit Blick auf das Ergebnis der U.S.-Präsidentschaftswahlen Anfang November – was treibt Sie an, all den globalen Ereignissen mit Optimismus zu begegnen und weiter neue Lösungen anzubieten?

Rolle: Ich räume ein, dass auch ich nach dem Ausgang der U.S.-Wahlen zunächst vor allem an die Herausforderungen für Freihandel, für internationale Kooperation und für die globale Klimadiplomatie und Klimafinanzierung gedacht habe. Denn das Verhalten der USA mag für einige Staaten einen Vorwand bieten, eigene klimapolitische Anstrengungen abzuschwächen.
Was die USA selbst angeht, habe ich die Hoffnung, dass die positive Entwicklung einiger Klimatechnologien dort vergleichsweise robust ist – nicht nur durch den Inflation Reduction Act (IRA), sondern auch unterstützt durch die Energiepolitik der jeweiligen Bundesstaaten. Im besten Fall kann die US-Entwicklung in der EU und in Deutschland dazu führen, deutlich pragmatischer und kosteneffizienter in der Klimapolitik zu werden. Und letztlich zu erkennen, welche großen Vorteile in einer engeren energiewirtschaftlichen Kooperation der Staaten doch liegen.

„et“-Redaktion

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