Fluss mit wechselnden Aufgaben

Abb. 2 Verbands- und Tätigkeitsbereich des Erftverbandes (Quelle: Erftverband)

Abb. 3 Geplante Tagebaurestseen und Rheinwasserüberleitung im Rheinischen Braunkohlerevier (Quelle: Erftverband/RWE Power AG)
Bisher hatte die das Rheinische Revier durchfließende Erft die Aufgabe, überschüssiges Sümpfungswasser abzuführen. Der Verlauf des Flusses wurde in der Vergangenheit mehrfach den Fortschritten und Veränderungen der Tagebaue angepasst. Allein im Bereich des ehemaligen Tagebaus Frimmersdorf wurde der Flussverlauf zwischen 1942 und 1976 insgesamt fünf Mal verlegt.
Der natürliche Abfluss der Erft liegt bei knapp 5 m3 pro Sekunde. Durch die Einleitung der Sümpfungswässer beträgt die Wasserführung derzeit etwa das Doppelte der normalen natürlichen Menge. In der Periode zwischen 1970 und 1985, als durch umfangreiche Sümpfungsmaßnahmen die erheblichen Grundwasserdefizite entstanden, stieg die Wasserführung der Erft auf Werte von bis zu 26 m3 pro Sekunde. Ab 2030 wird die Wasserführung des Flusses wieder deutlich sinken.
Der Erftverband arbeitet bereits seit längerem am Zukunftsbild der Erft. Die Flussregion erfüllt eine wichtige Aufgabe im regionalen Landschaftsbild und muss attraktiv bleiben (siehe Abb. 2). Diese Aufgabe bis 2030, also innerhalb von sechs Jahren, zu bewältigen, werde kaum möglich sein, befürchtet der Verbandsvorstand: Die für die grundlegende Neugestaltung des Flussverlaufs benötigten zusätzlichen Flächen sind schwer zu bekommen. Planungs- und Genehmigungsfristen sind zu lang, außerdem müssen die Folgen des Klimawandels und die Hochwassergefahr in die Planungen einbezogen werden. Ziel sei die Schaffung eines sich selbst regulierenden natürlichen Wasserhaushalts im Bereich der Erft von den bisherigen Tagebauen bis zur Mündung in den Rhein. Ewigkeitslasten und menschliches Zutun sollen vermieden und ein attraktiver Raum gestaltet werden. Im Rahmen eines Perspektivkonzepts "Untere Erft" wurde der Fluss in zahlreiche Abschnitte gegliedert, die schrittweise an die neuen Anforderungen herangeführt werden.
Zuleitung von Rheinwasser ist ein Erfolgsfaktor für den Wandel des Reviers
Für das neue Landschaftsbild und einen naturnahen Wasserhaushalt in der gesamten Region reicht die natürliche Wasserführung der Erft keinesfalls aus. Zusätzliches Wasser aus dem Rhein wird nach dem Ende des Tagebaubetriebs essentiell für die Herstellung eines natürlichen Grundwasserspiegels und unverzichtbar für die Befüllung der Tagebauseen. Bisher wurden die Feuchtgebiete nördlich des Tagebaus Garzweiler, inklusive des Naturparks SchwalmNette, durch das bergbautreibende Unternehmen über ein weitverzweigtes Rohrleitungsnetz und zahlreiche Versickerungsanlagen versorgt. Zukünftig wird das Rheinwasser wesentlich zum Erhalt dieser Feuchtgebiete beitragen (siehe Abb. 3).
Durch die Entscheidung, die Laufzeit der Tagebaue im Rheinischen Revier zu verkürzen, muss ab 2030 mehr Rheinwasser durch die Leitung fließen als zunächst geplant. Neben Garzweiler benötigt zeitgleich auch der Tagebau Hambach eine leistungsfähige Zuleitung, um den geplanten Tagebausee zu befüllen. Dem Rhein bei Dormagen sollen zeitweise bis zu 18 m3 pro Sekunde (die durchschnittliche Wasserführung des Rheins liegt bei 2.100 m3 pro Sekunde) entnommen werden und durch die unterirdisch verlaufende Rheinwassertransportleitung zu den Tagebauen und in die angrenzenden Feuchtgebiete fließen.
Die Trasse von Dormagen bis Frimmersdorf wurde bereits 2020 von der nordrhein-westfälischen Landesregierung genehmigt. Jetzt müssen die Baupläne infolge des neu festgelegten Enddatums für den Kohleausstieg im Rheinischen Revier angepasst und erweitert werden.
Dazu gehört insbesondere die Projektierung einer Trasse für die sog. HambachLeitung. Benötigt wird ein etwa 70 Meter breiter Arbeitsstreifen, um die Leitung inklusive Kabel, Be und Entlüftungs sowie Entleerungseinrichtungen und Einstiegsbauwerken zu errichten. Für den künftigen Betrieb ist ein 25 Meter breiter Schutzstreifens vorgesehen.
Die Erweiterung der Rheinwassertransportleitung erfordert eine Vergrößerung des Entnahmebauwerks am Rhein sowie eine Erhöhung der Leitungskapazität im ersten Abschnitt zwischen Dormagen und Frimmersdorf. Hier wird die Bündelungsleitung von zwei auf drei Rohre erweitert. In den übrigen Leitungsabschnitten werden jeweils zwei Rohre verlegt: vom Verteilbauwerk Allrath bis zum Betriebsgelände von RWE Power am Kraftwerk Frimmersdorf mit einem Durchmesser von je 1,40 Metern und zwischen dem Verteilbauwerk Allrath und Hambach mit einem Durchmesser von je 2,20 Metern. Die Gesamtlänge der Leitungen wird voraussichtlich etwa 45 km betragen. Spätestens 2025 soll der erste Spatenstich erfolgen, die gesamte Bauzeit wird auf fünf Jahre geschätzt.
Fazit
Im Rheinischen Revier stehen mit der Neugestaltung der Flusslandschaft Erft und dem Bau einer 45 Kilometer langen Rheinwasser-Transportleitung wichtige Aufgabe im Rahmen des Strukturwandels an. Durch das auf 2030 vorgezogene Ende der Kohlegewinnung sind die Aufgaben deutlich komplexer geworden, insbesondere weil nun drei Tagebaue parallel befüllt werden müssen. Der neue Zeitrahmen macht deutlich beschleunigte Genehmigungsverfahren unerlässlich.
Die Nutzung des Rheinwassers für die Befüllung der Tagebauseen sowie für die Erfüllung weiterer ökologischer Aufgaben bietet mengen- und qualitätsmäßig gute Voraussetzungen für die Wiederherstellung eines natürlichen Wasserhaushalts in der Region sowie für den erfolgreichen Strukturwandel.
Quellen
Bernd Bucher: Kohleausstieg. Herausforderungen für den Wasserhaushalt. Vortrag auf dem Braunkohlentag 2023 in Köln (01.06.2023). Online unter: braunkohle.de/wp-content/uploads/2023/06/20230601_Vortrag_Dr-Bucher_Wasserhaushalt.pdf (letzter Zugriff am 10.08.2023).
Rheinwasser-Transportleitung: Ein Großprojekt zur Rekultivierung unserer Tagebaue Hambach und Garzweiler. Online unter: www.rwe.com/forschung-und-entwicklung/projektvorhaben/rheinwassertransportleitung/projekt/ (letzter Zugriff am 10.08.2023).
Gerhard Dumbeck: Landwirtschaftliche Rekultivierung im Rheinischen Braunkohlenrevier, Clausthal-Zellerfeld 2023.
„et“-Redaktion/Wieland Kramer