Erhaltung der Integrität des europäischen Gasmarktes

Abb. 5: Der europäische Gasmarkt kann aufgrund nationaler Unterschiede hinsichtlich Menge, Art und relativem Anteil der Gase fragmentiert sein, Szenario für das Jahr 2040 (Quelle: Frontier Economics basierend auf dem "Distributed Energy Scenario" des TYNDP 2020 Scenario Berichtsentwurfs)
Wie bereits erwähnt, kann der Transport großer Energiemengen über weite Strecken zumindest teilweise effektiver in Form von treibhausgasneutralem oder kohlenstoffarmem Gas als allein durch Strom erfolgen. Dabei hilft ggf. auch, dass die Gasmärkte in weiten Teilen Europas sehr liquide sind. Der Gashandel bietet die Möglichkeit, regionale Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage von Gas in Teilen Europas auszugleichen, die zukünftig aufgrund der ungleichen räumlichen Verteilung erneuerbarer Energiequellen und des Energiebedarfs entstehen können.
Diese zukünftige Versorgung könnte aber in Form von stark unterschiedlichen Spezifikationen von Gasen erfolgen. Abb. 5 zeigt ein mögliches Szenario der Gasproduktion auf Ebene der EU-Länder im Jahr 2040. Während diese Abbildung bereits sich international unterscheidende Mengen, Arten und relative Anteile der Gase aufweist, ist dennoch sogar eine deutlich ausgeprägtere Unterscheidung denkbar, wenn die Länder noch unterschiedlichere Schwerpunkte auf bestimmte Gase oder ein bestimmtes Gas setzen. Dies erhöht das Risiko einer Produktfragmentierung des europäischen Gasmarktes, was wiederum die Integrität des Gasbinnenmarktes gefährden und Business Cases für Investitionen in neue Gase beeinträchtigen könnte. Die Herausforderung besteht also darin, einen integrierten und liquiden Gasmarkt trotz unterschiedlicher chemischer Spezifikationen der Gase aufrechtzuerhalten.
Daher gilt es, eine maximale Interoperabilität zwischen den Ländern und zwischen den Gasen zu gewährleisten. Entsprechend wird es wichtig sein,
- zu überprüfen, welche Gasqualitätsnormen im Zeitalter treibhausgasneutraler Gase angemessen sind (z.B. die maximale Wasserstoff-Beimischung im Gasnetz);
- technische Maßnahmen wie das „Entmischen“ zu untersuchen, die eine größere technische Flexibilität bei der gelieferten Gasqualität ermöglichen und gleichzeitig sicherstellen würden, dass ein Standardprodukt im Gashandel beibehalten wird;
- zu ermitteln, welche Teile der Gasinfrastruktur besonders anfällig für Gasqualitätsschwankungen sind und kostengünstige Lösungen für deren Handhabung zu ermitteln; und
- zu überlegen, welche Standards (sowohl innerhalb der EU als auch international) für treibhausgasneutrale oder kohlenstoffarme Herkunftszertifikate geschaffen werden könnten, um einen effizienten grenzüberschreitenden Handel der Umwelteigenschaften von Gasen unabhängig von den Gasen selbst zu erleichtern, und die Erneuerbaren- und Emissionsziele umsetzen zu können.
Fazit
Die Emissionsminderung des Gassystems und die volle Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Sektorkopplung werden letztlich profitable Business Cases für Investitionen erfordern. Das Fehlen umfassender klimapolitischer Regeln für den Gassektor stellt dabei eine signifikante Lücke im Ordnungsrahmen dar. Es gibt keine einfache regulatorische Lösung, die dies schafft. Vielmehr ist der Übergang hin zu einem kohlenstoffarmem und zunehmend treibhausgasneutralem Energiesystem eine sehr komplexe und vielschichtige Gestaltungsaufgabe für die Politik.
Politische Entscheidungsträger müssen die Marktkräfte nutzen – sowohl bezüglich der Emissionsminderungsanreize als auch um sicherzustellen, dass die Marktbedingungen die Kosten und Nutzen widerspiegeln, die unterschiedliche Technologien für das System mit sich bringen.
Die Politik muss sich auch mit weiteren Fragen auseinandersetzen, darunter die Festlegung allgemeiner Ziele für die Emissionsminderung des Gassektors und eine zentrale Koordinierung in bestimmten Bereichen, wie beispielsweise der schrittweisen regionalen Umstellung von bestimmten Netzteilen auf Wasserstoff.
Es müssen alle Elemente der Wertschöpfungskette berücksichtigt werden, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen Technologien und Energieträgern zu gewährleisten und sicherzustellen, dass die Energiewende gelingt, ohne die Gesellschaft übermäßig zu belasten.
Anmerkungen
[1] Agora Verkehrswende, Agora Energiewende und Frontier Economics: Die zukünftigen Kosten von stromabhängigen synthetischen Kraftstoffen. 2018. www.agora-energiewende.de/fileadmin2/Projekte/2017/SynKost_2050/Agora_SynKost_Study_EN_WEB.pdf
[2] AaO. (Fn. 1).
[3] Frontier Economics, IAEW (2019): "The value of gas infrastructure in a climate-neutral Europe". Studie für Green Gas Initiative (GGI) und Net4Gas. 2019.
[4] Nicht berücksichtigt bei diesem Vergleich sind dabei sind Stromspeicher mit natürlichem Wasserzufluss, wie z.B. Hydrospeicher. Solche Anlagen können nicht ohne weiteres überschüssigen Strom aus PV oder Spitzenwerten der Windenergie speichern, aber zumindest ihre Ausspeicherung in Zeiten geringer Stromnachfrage und hoher PV- und Windstromerzeugung reduzieren. Dies bietet eine zusätzliche Möglichkeit, die Winterspitzennachfrage zu decken (wenn auch weniger flexibel als andere Formen der Stromspeicherung wie Batterien und Pumpspeicherwerke).
[5] Frontier Economics, IAEW, 4Management und EMCEL (2017): „Die Bedeutung der Gasinfrastruktur für die deutsche Energiewende“. 2017. Im Auftrag des Verbandes der deutschen Gasleitungsunternehmen. Darin enthalten sind auch Kosteneinsparungen für Endgeräte in Gebäuden.
[6] Belgien, Schweiz, Dänemark, Frankreich, Niederlande, Schweden und Tschechische Republik.
[7] Frontier Economics, IAEW (2019): "The value of gas infrastructure in a climate-neutral Europe". Studie für Green Gas Initiative (GGI) und Net4Gas. 2019.
[8] Ein System, das eine elektrische Wärmepumpe mit einem Gaskessel verbindet und über eine spezielle Steuerung zum Umschalten zwischen den Wärmequellen verfügt.
[9] Vgl. Frontier Economics, CE Delft und Thema (2019): Potentials of sector coupling for decarbonisation – Assessing regulatory barriers in linking the gas and electricity sectors in the EU”. Im Auftrag der Europäischen Kommission. 2019.
https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/60fadfee-216c-11ea-95ab-01aa75ed71a1/language-en https://ec.europa.eu/info/sites/info/files/frontier_-_potentials_of_sector_coupling_for_decarbonisation.pdf
[10] Eine noch offene Frage ist, ob der deutsche Vorschlag zur Einführung des Emissionshandels in den Bereichen Wärme und Verkehr dazu beitragen könnte, die Argumente für ein Eingreifen auf EU-Ebene zu verbessern oder die Rationalisierung der EU-Klimapolitik zu verzögern.
[11] Zum Beispiel in Deutschland, den Niederlanden und Spanien.
V. Balachandar, Dr. D. Bothe, Dr. M. Janssen, Dr. C. Riechmann und T. Steinfort, Frontier Economics Ltd., Köln theresa.steinfort@frontier-economics.com