Umso wichtiger ist es, zu priorisieren. OT-Sicherheit ist kein Hexenwerk. Anstelle von Maximalforderungen sollten sich Unternehmen auf die aus Pentest und Schwachstellenbewertung relevanten und machbaren Sicherheitsprinzipien konzentrieren (Tab. 1).

Tab. 1: Die Beachtung fünf essenzieller Prinzipien schafft grundlegende OT-Sicherheit

Prinzip

Warum?

Wie?

Legacy-Systeme unter den Sicherheitsschirm bringen

Klartext-Protokolle, fehlende Authentifizierung oder schwache Zugangsdaten ermöglichen sehr einfachen Zugriff und Übernahme. Alte Schwachstellen verschärfen diesen Zustand. Deaktivierte Sicherheitseinstellungen herrschen als Werkseinstellung in vielen OT-Systemen vor.

Eine kurzfristige Absicherung oder der Austausch von Legacy-Systemen sind in der Regel nicht möglich. Daher sollte sich auf „architektonische Kompensationsmaßnahmen konzentriert werden:
  • Segmentierung inkl. Isolierung nicht patchbarer Systeme,
  • Einsatz von Datendioden,
  • Minimalregeln für Firewalls,
  • Engineering und Betrieb trennen,
  • Saubere Trennung von IT und OT,
  • nicht notwendige Dienste und Protokolle deaktivieren,
  • Legacy-Systeme per netzbasiertem Angriffserkennungssystem (NIDS) überwachen.

Verantwortliche der IT und OT in Kontakt bringen

Zwischen IT und OT herrschen Missverständnisse und divergierende Prioritäten, die zu unpraktischen oder unzureichenden Lösungen führen

Organisatorisch: Es empfehlen sich Jour Fixes, in denen gemeinsam Risiken, Bedingungen und Maßnahmen bewertet und abgestimmt werden. IT und OT müssen enger zusammenwachsen, um ein gegenseitiges Verständnis zu etablieren. Wichtig ist auch eine risikobasierte Bewertung, bei der Kritikalität, Verfügbarkeit, Prozessauswirkung und Kompensation abgestimmt werden.
Technisch: Log-Files von Anlagen und Meldungen eines NIDS sollten per Schnittstelle (z. B. zu einem Security Information & Event Management (SIEM) System) an die IT-Sicherheit übermittelt werden, um die OT in die Cybersicherheitsstrategie des Unternehmens einzubinden.
OT-spezifischen Patch-Management-Prozess etablieren Angreifende nutzen bekannte wie unbekannte Schwachstellen für die Penetration und Ausbreitung. 
Ungeprüfte Patches können wiederum Prozesse und Arbeitsschutz gefährden. Viele OT-Systeme sind seit Jahren ungepatcht.

OT-spezifisch bedeutet das:

  • Patches auf Testsystemen oder redundanten Systemen prüfen und freigeben.
  • Patch-Zyklen mit Wartungszyklen synchronisieren.
  • Möglichkeiten automatisierter Patchprüfung nutzen (z. B. bei Siemens-PCS-7-Rechnern).
  • Bei Konflikten mit Arbeitsschutz und Anlagenverfügbarkeit Entscheidung zum Nicht-Patchen zulassen. Entscheidung begründen und dokumentieren.
  • Bei bewusstem Nicht-Patchen betroffene Anlagen per NIDS kontinuierlich überwachen.
Fernzugriffe streng 
überwachen und steuern
Fernzugriffe gehören zu den häufigsten Angriffsvektoren in die OT. Da sie häufig dauerhaft eingerichtet und ohne Personalisierung genutzt werden, fehlt in der Regel jegliche Kontrolle. Fernzugänge:
  • zeitlich begrenzen,
  • lückenlos dokumentieren und loggen,
  • per Multi-Faktor-Authentifizierung sichern,
  • mit Notfalltrennung einrichten,
  • über Jump-Server leiten.
Sichtbarkeit im OT-Netz herstellen OT-Netze sind in der Regel Black Boxes. Ohne Sichtbarkeit und Kenntnis über die Systeme, IPs und Verbindungen sind sowohl eine Risiko-bewertung als auch die priorisierte Absicherung schwer möglich.

Die Integration eines OT-spezifischen netzbasierten Angriffserkennungssystems (NIDS für network-based intrusion detection system) erfüllt die Anforderungen der OT und IT:

  • passives Scannen zur Asset-Erkennung,
  • Visualisierung der Verbindungen und Kommunikationsmuster,
  • Anomalieerkennung innerhalb der sonst deterministischen, repetitiven Kommunikation,
  • rückwirkungsfreie Funktionsweise ohne Störung industrieller Prozesse,
  • Alarmierungslogik und Schnittstelle zu einem SIEM für koordinierten Incident Response.

Nicht in der Überforderung untergehen

OT-Sicherheit ist in vielen Unternehmen noch immer Neuland und mit vielen Unklarheiten und Unsicherheiten behaftet. Zugleich ist längst Gefahr in Verzug, wie Ergebnisse aus Pentests und Schwachstellenbewertungen zeigen. Für die ersten Schritte lohnt es sich mitunter, auf externe Expertise zurückzugreifen. Mit einem klaren Fahrplan und einem priorisierten Blick auf die wesentlichen fünf Prinzipien können Verantwortliche für OT und Cybersicherheit die Basis für ihre OT-Sicherheit legen und Schritt für Schritt darauf aufbauen.

Anmerkungen

[1] Todorow, A.: „Tusk: Blackout durch – wohl russische – Cyberangriffe auf Polens Energie-Infrastruktur abgewehrt“, in: Euro News, 16.01.2026, abrufbar unter: de.euronews.com/2026/01/16/tusk-blackout-russland-cyberangriffe-polens

[2] Minder, R.: „Russian hackers target Polish hospitals and city water supply“, in Financial Times, 16.09.2026, abrufbar unter: www.ft.com/content/3e7c7a96-09e7-407f-98d7-a29310743d28

[3] Corvin, A.-M.: „US hints at cyber role in Venezuela power outage during Caracas operation“, in: Cybernews, 05.01.2026, abrufbar unter: cybernews.com/cyber-war/us-cyber-attack-venezuela-power-outage/

[4] Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI): Die Lage der IT-Sicherheit in Deutschland 2025: Berichtszeitraum: 01.07.2024 – 30.06.2025, abrufbar unter: medien.bsi.bund.de/lagebericht/de/index.html

René Krause, Teamlead Services, Rhebo, Leipzig, Patrick Latus, OT Security Experte, ITrocks, Neu­strassburg-Burbach
info@rhebo.com

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