Vier Indikatoren auf der Kippe
Der deutsche Haushaltsstrompreisliegt (Stand Juni) 31 % über dem europäischen Durchschnitt – im Dezember 2022 waren es noch 28,5 %. Grund dafür ist, dass die sinkenden Großhandelspreise im Ausland oft schneller an die Endkunden weitergereicht wurden und die hiesige Strompreisbremse weniger Wirkung entfaltet hat als erwartet. Mit den niedrigeren Preisen im Großhandel steigt zudem der Anteil der Steuern und Gebühren, die in Deutschland vergleichsweise hoch sind. Die Zielerreichung es Indikators verschlechtert sich dadurch von 88 auf 78 %.
Der CO2e-Ausstoß liegt nach den letzten Hochrechnungen für 2022 bei 746 Mt und damit 14 Mt unter dem Vorjahr. Das Reduktionstempo reicht allerdings noch nicht, um das 2030er-Ziel zu erreichen. Um die Emissionen auf die angestrebten 438 Mt zu drücken, ist ab jetzt eine Reduktion um 44 Mt pro Jahr nötig. Mit 81 % Zielerreichung steht der Indikator deshalb weiter auf der Kippe.
Der Primärenergieverbrauch liegt nach der neuen Hochrechnung für 2022 bei 11.769 PJ, was einer Zielerreichung von 83 % entspricht.
Die gesicherte Reservemarge verschlechtert ihre Zielerreichung nach dem Abschalten der letzten Kernkraftwerke im vergangenen April deutlich um 17 %. Zugleich wurde die Methodik zur Betrachtung der fluktuierenden Erneuerbaren überarbeitet, um die zeitliche Überschneidung mit der Last besser berücksichtigen zu können: Ab jetzt werden die Last und die Einspeisung aus Wind- und Solarenergie integriert über die „Residuallast“ (Last abzüglich EE-Einspeisung) betrachtet und mit der gesicherten Kapazität verglichen. Eine Zielerreichung von 100 % liegt dann vor, wenn erwartet werden kann, dass die gesicherten Kapazitäten die Residuallast entsprechend den gesetzlichen Vorgaben in 99,94% der Zeit voll decken können. Nach der neuen Methodik fällt die Reservemarge nun von 9,2 % in 2022 auf 5,0 % in 2023. Ursache hierfür ist vor allem der Kernkraftausstieg. Die erwartete Stilllegung von Kohlekraftwerken wird die Reservemarge schon 2024 weiter drastisch verschlechtern, daher bleibt der Indikator auf der Kippe.
Sechs Indikatoren mit stabil realistischer Zielerreichung
Der EE-Anteil am Bruttostromverbrauch ist gegenüber dem zweiten Halbjahr 2022 von 46 auf 52,3 % gestiegen und liegt auch deutlich über dem in der ersten Vorjahreshälfte (49 %). Das ist der höchste Wert seit Beginn der Energiewende. Die Zielerreichung verbessert sich von 110 auf 123 %. Haupttreiber war jedoch nicht der verstärkte EE-Ausbau, sondern der Rückgang des Stromverbrauchs um 7 % im Zuge der Energiekrise. Tatsächlich sank die Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Energien trotz Ausbau um 1 % aufgrund ungünstiger Witterungsbedingungen.
Der Industriestrompreishat sich ungeachtet gestiegener Stromkosten weiter verbessert. Das liegt in der Berechnungsmethodik des Indikators begründet, der die deutsche Strompreisentwicklung im Vergleich zum europäischen Durchschnitt abbildet: Steigen also die Preise im europäischen Ausland stärker als in Deutschland, verbessert sich der Indikator. In der aktuellen Erhebung liegt der deutsche Industriestrompreis sogar 1,4 % unter dem Europa-Mittel, während er im Vorhalbjahr noch 3,5 % darüber gelegen hatte. Damit steigt seine Zielerreichung auf 206 %. Ursache hierfür ist allerdings lediglich, dass die Preissteigerungen im Ausland (+20 %) weiterhin höher ausfallen als in Deutschland (+15 %). Zu berücksichtigen ist außerdem, dass der Indikator nur den Vergleich mit Europa zeigt, nicht jedoch mit dem Rest der Welt. Dort entwickelten sich die Strompreise deutlich moderater, während sie für die europäische Industrie infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine stark angezogen haben. Der Indikator spiegelt demnach nicht die verminderte Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands infolge der überproportional gestiegenen Energiepreise gegenüber den Regionen außerhalb Europas wider.
Der EE-Anteil am Bruttoendenergieverbrauch betrug zuletzt 20,4 % und verbessert sich damit weiter leicht. Sein Zielerreichungsgrad liegt unverändert bei 100 %.
Für die übrigen drei Indikatoren Ausfall Stromversorgung, verfügbare Kapazität für Import ausNachbarländern und Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien wurden keine neuen Werte veröffentlicht. Sie verbleiben daher in ihrer bisherigen Kategorie der stabil realistischen Zielerreichung.
Dr. T. Vahlenkamp, Senior Partner, McKinsey & Company, Düsseldorf; S. Overlack, Partner, McKinsey & Company, Frankfurt; Dr. F. Pflugmann, Associate Partner, McKinsey & Company, Frankfurt; T. Ipers, Fellow Senior Associate, McKinsey & Company, Düsseldorf; E. Hosius, Capabilities and Insights Analyst, McKinsey & Company, Düsseldorf; C. Kauth, Junior Capabilities and Insights Analyst, McKinsey & Company, Düsseldorf
thomas_vahlenkamp@mckinsey.com
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