Gesamtbild
Es lohnt sich, alle Ergebnisse noch einmal in einem Tableau zusammenzufassen (Tab.). Nach dem Blick auf dieses Gesamtbild kann man besser verstehen, welche Veränderungen und Anpassungen notwendig sind, um das Ziel „Klimaneutralität 2045“ zu erreichen. Hilfreich ist an dieser Stelle insbesondere ein Hinweis auf den sich aus den Rechnungen implizit für 2045 ergebenden Endenergieverbrauch. Er liegt bei 5.123 PJ und ist damit um fast 40 % niedriger als der entsprechende Wert für das Jahr 2022.
| 2022 | 2045 | 2022/2045 | |
| Erneuerbare in PJ | 2.034 | 6.247 | + 207 % |
| PEV in PJ | 11.829 | 6.247 | - 47 % |
| Umwandlungsfaktor | 0,7129 | 0,820 | + 15 % |
| Endenergieproduktivität Mrd. € (2015) / PJ | 0,3883 | 0,6673 | + 72 % |
| BIP in Mrd. € (2015) | 3.275 | 3.419 | + 4 % |
| Endenergieverbrauch in PJ | 8.433 | 5.123 | + 39 % |
Besonders aufschlussreich ist die Einordnung des für 2045 errechneten Endenergieverbrauchs in eine historische Betrachtung: Der Energieverbrauch 2045 entspricht einem Verbrauchswert, wie man ihn in den alten Bundesländern Anfang der 1960er Jahre beobachtet hat (Abb. 4). Bei dieser Gegenüberstellung kann man leicht ins Grübeln kommen, insbesondere wenn man sich klarmacht, dass 1960 in den alten Bundesländern 56 Mio. Einwohner lebten und die aktuellen Schätzungen für 2045 von einer Bevölkerungszahl für Gesamtdeutschland von rd. 80 Mio. Einwohnern ausgehen.
An dieser Stelle wird sich vielleicht der eine oder andere fragen, ob eine so drastische Energieeinsparung innerhalb von 22 Jahren realistisch ist. Auch der vollkommene Verzicht auf die fossilen Energieträger erscheint manchen zweifelhaft. Man weiß, dass es Industrie-zweige gibt, die nicht ohne fossile Energieträger arbeiten können. Im Übrigen kann man aus aktuellem Anlass auch fragen, wie im Jahr 2045 der Energiebedarf des Militärs gedeckt werden soll. Es gibt Bemühungen, die Bundeswehrverwaltung treibhausgasneutral umzubauen [9]. Das ist möglich und unkompliziert. Unklarer ist dagegen, wie die Vorgabe „Treibhausgasneutralität“ im militärischen Bereich erreicht werden soll. So wie die Dinge liegen, bleibt hier für weite Bereiche nur die Option, auf sog. „E-Fuels“ zurückzugreifen. Das sind synthetische Kohlenwasserstoffe, die aus Wasserstoff und CO2 hergestellt werden. Hier ist daran zu erinnern, dass man zur Produktion von treibhausneutralen „E-Fuels“ große Mengen an erneuerbaren Energien braucht. Und so kann man fragen: Wenn diese Mengen aus sicherheitspolitischen Überlegungen aus heimischen Quellen bereitgestellt werden sollen, wäre es da nicht an der Zeit, diesen spezifischen Bedarf auch in den energiepolitischen Strategien zu berücksichtigen?
Politische Abwägung
Eine unzureichende Verfügbarkeit von erneuerbaren Energien kann zu einem limitierenden Faktor für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen werden. Diese Einsicht führt unmittelbar zu der Frage: Was ist, wenn die Bereitstellung von erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2045 nicht in dem angestrebten Maß gelingt? Was ist, wenn das Bruttoinlands-produkt in der Konsequenz eines begrenzten Energieangebots nicht mehr wachsen kann oder sogar – manche werden sagen: horribile dictu – nicht einmal mehr das heutige Niveau erreicht? Hält die Politik dann an der Vorgabe der „Klimaneutralität“ fest? Oder gibt die Politik das Ziel „Klimaneutralität“ auf und ergänzt das unzureichende Angebot bei den erneuerbaren Energien durch einen Rückgriff auf Kohle, Öl oder Erdgas?
Ohne Zweifel ist das aus heutiger Sicht eine hypothetische Entscheidungssituation. Aller-dings gibt es aktuelle Erfahrungen auf diesem Gebiet. So rechtfertigte Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck den Rückgriff auf die Kohle zur Sicherung der Strom-versorgung nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine in einem Interview am 2. März 2022 mit der Aussage: „Im Zweifel ist Versorgungssicherheit wichtiger als Klimaschutz“. Und die Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie in NRW, Mona Neubaur, sagte in einem Gespräch mit der ZEIT am 2. Februar 2023 im Zusammenhang mit der Diskussion um den Tagebau in Lützerath und den dabei getroffenen Entscheidungen zugunsten der Braunkohle: „Natürlich geht es mir persönlich auch nicht schnell genug mit den Maßnahmen hin zur Klimaneutralität. Aber ich muss auch mein Möglichstes dafür tun, sichere Lebensverhältnisse für die Menschen in NRW zu erreichen“. Schließlich bewertete Robert Habeck die Verbrennung fossiler Energieträger in Verbindung mit einer Abtrennung von CO2 und Speicherung in unterirdischen Lagerstätten bei einem Treffen mit Politikern in Oslo am 5. Januar 2023 mit den Worten: „Wenn Sie mich fragen: lieber CO2 in die Erde als in die Atmosphäre“.
Es gibt offensichtlich Entwicklungen, die die Politik immer wieder zwingen, sich für pragmatische Lösungen zu entscheiden, auch wenn dadurch Grundsatzpositionen aufgegeben werden müssen. Damit rücken Überlegungen zur Risikoabsicherung in den Mittelpunkt. Sobald man beginnt, darüber nachzudenken, wird immer klarer, welche zentrale Rolle die Themen „Energieeffizienz und Energieeinsparung“ spielen. Erst wenn der Energiebedarf klein genug ist, dass man ohne Probleme mit den nur begrenzt verfügbaren erneuerbaren Energien zurechtkommt, erübrigt sich ein Zugriff auf Kohle, Öl und Gas. So wächst die Erkenntnis: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass eine ineffiziente und verschwenderische Volkswirtschaft in das Reich der Treibhausgasneutralität gelangt“.
Ausblick
Diese Erkenntnis zu vermitteln, ist keine leichte Aufgabe. Bei der anstehenden Entwicklung von Kommunikationsstrategien wird es vor allem darauf ankommen, eine glaubwürdige Balance zwischen zwei Herausforderungen zu finden. Einerseits geht es um eine möglichst wahrheitsgemäße Darstellung der absehbaren wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Konsequenzen der Energiewende, andererseits um eine Argumentation, die den Umbau der Energieversorgung als die von so vielen beschworene Chance für eine nachhaltige Zukunft herausstellt.
Bei der Lösung dieser Aufgabe kann man es als Vorteil bewerten, dass über Energieeffizienz und Energieeinsparung schon seit Jahrzehnten diskutiert wird (siehe etwa [10], [11] und [12]). Energieeffizienz und Energieeinsparung stehen auch im Mittelpunkt aktueller Überlegungen [13]. Der bescheidene Beitrag dieses Textes zu der laufenden Debatte könnte in der Anregung bestehen, zusätzlich zu alldem, was wir schon wissen, über einen neuen Ansatz der Entscheidungsfindung nachzudenken. So könnte die Politik durch Prioritäten auf ihren verschiedenen Aktionsfeldern, insbesondere im Ordnungsrecht, im Steuerrecht und bei ihren Fördermaßnahmen, versuchen darauf hinzuwirken, dass sich in Deutschland ab sofort keine Strukturen herausbilden oder verfestigen, die man in erkennbarer Weise später nicht in dem notwendigen Umfang mit erneuerbaren Energien bedienen kann.
Wäre das nicht ein sinnvoller Bestandteil der von der Bundesregierung in dem Jahreswirtschaftsbericht 2023 angekündigten „klugen Angebotspolitik“? Sicher wird ein solcher Ansatz auf Widerstände treffen und daher auch politisch nur schwer umzusetzen sein. Andererseits wäre eine solche Kultur des „vorauseilenden Verzichts“ konsequent und könnte einiges dazu beitragen, Fehlentwicklungen zu begrenzen, Investitionsruinen zu vermeiden, Kosten einzusparen und die Glaubwürdigkeit der Politik auf dem Gebiet des Klimaschutzes zu sichern.
Literatur
[1] Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: Jahreswirtschaftsbericht 2023 – Wohlstand erneuern, Berlin, Januar 2023.
[2] Frerichs, W.; Kübler, K.: Gesamtwirtschaftliche Prognoseverfahren, München 1980.
[3] Prognos/ Öko-Institut/ Wuppertal-Institut: Klimaneutrales Deutschland 2045. Wie Deutschland seine Klimaziele schon vor 2050 erreichen kann, 2021.
[4] Stolten, D. u.a.: Neue Ziele auf alten Wegen? Strategien für eine treibhausgasneutrale Energieversorgung bis zum Jahr 2045, Forschungszentrum Jülich, Jülich 2022.
[5] acatech/Leopoldina/Akademieunion (Hrsg.): Wie wird Deutschland klimaneutral? Handlungsoptionen für Technologieumbau, Verbrauchsreduktion und Kohlenstoffmanagement, München 2023.
[6] Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e.V.: Energie in Zahlen – Arbeit und Leistungen der AG Energiebilanzen, Berlin 2019.
[7] Kübler, K.: Energieeinsparung durch Statistik: Geht das? in: Energiewirtschaftliche Tagesfragen, Heft 3/2019, S. 25-30.
[8] Deutscher Bundestag: Entwurf eines ersten Gesetzes zur Änderung des Bundes-Klimaschutz-gesetzes, Drucksache 19/30230, Berlin 2021.
[9] Luhmann, H-J.: Klimaneutrale Streitkräfte, in: Internationale Politik - Spezial, Nr. 6/2022, S. 17-21.
[10] Jochem, E.: Rationelle Energieverwendung - ein erstrangiges energiepolitisches Ziel auch in Zeiten entspannter Energiemärkte? Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung, Karlsruhe 1984.
[11] Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre“: Mehr Zukunft für die Erde, Nachhaltige Energiepolitik für dauerhaften Klimaschutz, Bonn 1995.
[12] Jochem, E. (Hrsg.): Steps towards a sustainable development – A White Book for R&D of energy-efficient technologies, ETH-Zürich, 2004.
[13] Kübler, K.: Energiewende und Zeitenwende: Zur Zukunft der Energiepolitik in Deutschland, in: Energiewirtschaftliche Tagesfragen, Heft 12/2022, S. 27-31.

