Gaswirtschaft: Die Herausforderungen der Marktgebietszusammenlegung
Herausforderungen der Marktgebietszusammenlegung: Die Komplexität des Systems wird steigen. Das zeigt die Entwicklung der Kombination der Entry-Exit-Punkte. (Bildquelle: www.marktgebietszusammenlegung.de)

Komplexere Aufgabe der Bewirtschaftung

Die Bewirtschaftung des neuen Marktgebiets wird nach Einschätzung von Branchenexperten aber komplexer sein als unter den bisherigen Strukturen (Bild 1). Daher beschäftigt sich die Branche intensiv mit unterschiedlichen Szenarien und Modellrechnungen. Bisher ist die Austauschleistung zwischen den beiden Marktgebieten relativ gering. Grundsätzlich erwarten die Betreiber, dass durch die Zusammenlegung die frei zuordenbaren Transportkapazitäten verringert werden. Zudem kommen durch die Umstellung von L-Gas auf H-Gas in den westlichen Teilen Deutschlands neue H-Gas-Verbrauchsgebiete hinzu.

Zur Abschätzung der künftigen Auslastung des Systems wurde ein Kapazitätsmodell entwickelt. Als Datengrundlage dienen historische Flussdaten, Netzsimulationen und die Kapazitäten an den Netzpunkten der Fernleitungsnetzbetreiber. Damit können in über 60 Szenarien unterschiedliche Marktverschiebungen analysiert werden. Auch die Wirkung von Korrekturmaßnahmen fließt ein. Als Ergebnis wurden in dem sogenannten Knoten-Kanten-Modell rund 130 000 Netznutzungsfälle simuliert.

Vorbereitungen für einen funktionierenden Gashandel

Aus Branchensicht sollten einige Vorbereitungen getroffen werden, damit der Gashandel auch im einheitlichen Marktgebiet reibungslos funktioniert. Dabei werden unterschiedliche Maßnahmen vorgeschlagen. Dazu gehört der Netzausbau ebenso wie eine Vermeidung zusätzlicher Kosten durch eine Reduzierung der Einspeisekapazitäten. Aber auch marktliche Maßnahmen sind denkbar, zum Beispiel die Nutzung der Netze in angrenzenden Ländern sowie die Einführung eines börsenbasierten Spreadprodukts. Praktiker argumentieren allerdings, dass sich das Marktverhalten nicht im Voraus abstrakt simulieren lasse. Entscheidend sei, was die Marktteilnehmer tatsächlich buchen. Die Betrachtung von Langfristbuchungen wird zwar als Indikator gesehen. Der allein würde jedoch nicht ausreichen.

Große Unsicherheit bei Investitionen in die Gasinfrastruktur

Die Zusammenlegung der Marktgebiete wirft zudem ein Schlaglicht auf die grundsätzliche Frage nach der Zukunft der Gasversorgung. Vor allem gibt es unterschiedliche Einschätzungen darüber, wie sich die Gasnachfrage in Zukunft entwickeln wird und woher die Lieferungen kommen werden. So würde für den Fall steigender Importe aus Russland ein anderes Gasnetz benötigt, als bei einer Zunahme von Flüssiggas-Importen oder einem Anstieg der Lieferungen aus Norwegen. Aufgrund der Energiewende und Dekarbonisierungsbemühungen herrscht große Unsicherheit bei den Gasversorgern, für welchen zeitlichen Horizont die Infrastruktur überhaupt ausgebaut werden sollte. Zwar ließe sich ein Netzausbau innerhalb von fünf bis sieben Jahren realisieren. Diese Anlagen müssten dann jedoch über einen Zeitraum von über 55 Jahren abgeschrieben werden.

Nach Einschätzung von Branchenkennern sind bis zum Stichtag der Marktgebietszusammenlegung ohnehin keine Investitionen mehr realisierbar. Insofern kommen vor allem marktliche Lösungen zum Umgang mit fehlenden Kapazitäten in Betracht. Die Diskussion zu diesem Thema ist aber noch nicht abgeschlossen. Sie wird im Rahmen des Marktdialogs zwischen den Fernleitungsbetreibern und der Bundesnetzagentur im Laufe des Jahres 2019 weitergeführt werden.

Astrid Sonja Fischer
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