Primärenergiebilanz 2045

Mit den Vorgaben des Klimaschutzgesetzes und des Energieeffizienzgesetzes ist es nun möglich, den Blick zu weiten und – zusammen mit einigen Nebenüberlegungen – die von der Bundesregierung implizite angestrebte Primärenergiebilanz 2045 aufzustellen (Tab. 1). Wie das geht, kann man am besten schrittweise verständlich machen:

  • Der erste Schritt orientiert sich am Klimaschutzgesetz. Danach liegen die Beiträge der fossilen Energieträger, Mineralöl, Steinkohle, Braunkohle und Erdgas in 2045 bei null.
  • Auch der zweite Schritt ist sofort nachvollziehbar. Die Bundesregierung hat entschieden, auf die Kernenergie zu verzichten. Damit ergibt sich auch für den Beitrag der Kernenergie in 2045 ein Wert von null.
  • In einem dritten Schritt wagen wir eine Schätzung für die Kategorien „Sonstige Energien“ und „Außenhandel Strom“. Bei „Sonstige Energien“ geht es in erster Linie um energetisch genutzten Siedlungsmüll und um Industrieabfälle. Zu erwarten ist, dass der Wert in 2045 unter dem heutigen Niveau liegt. Plausibel scheint ein Wert von 100 PJ. Bei der Position „Außenhandel Strom“ ist ein im Trend zunehmender Stromimport wahrscheinlich. Daraus ergibt sich für 2045 ein Schätzwert von 80 PJ.
  • Der vierte Schritt ist komplizierter. Das Energieeffizienzgesetz gibt für den Endenergieverbrauch 2045 einen Wert von 5.130 PJ vor. Diese Zahl ist die Basis für eine Schätzung des Primärenergieverbrauchs in 2045. Zur Berechnung nutzen wir eine einfache Fortschreibung der Relation „Endenergieverbrauch/Primärenergieverbrauch“ (EEV/PEV). Ohne hier auf weitere Details einzugehen, setzen wir den Wert EEV/PEV für 2045 auf 0,82 (siehe dazu auch [8]). Damit ergibt sich für den Primärenergieverbrauch in 2045 ein Wert von 6.256 PJ (Rechenhinweis: 6.256 PJ = 5.130 PJ/0,82).
  • Jetzt ist es möglich, den Primärenergieverbrauch „erneuerbare Energien“ zu ermitteln. Er ergibt sich als Restwert aus den bisherigen Eintragungen. Ergebnis: Der Primärenergieverbrauch der erneuerbaren Energien im Jahr 2045 beträgt 6.076 PJ.

Der Zugriff auf die Primärenergiebilanz 2045 hat den entscheidenden Vorteil, die „Energiewende“ in einen längerfristigen Kontext zu stellen und so die damit verbundenen energie-wirtschaftlichen Herausforderungen besser zu verstehen. Um die Dinge auch hier einfach zu halten, teilen wir die Energieträger in zwei Kategorien, fossile Energien/Kernenergie auf der einen und erneuerbare Energien auf der anderen Seite (Abb. 1). Für diesen Fall zeigt die Statistik das folgende Bild:

  • Von 1990 bis 2000 lag der Verbrauch von fossilen Energien plus Kernenergie auf einem relativ stabilen Niveau von rd. 14.000 PJ. Nach 2000 ging der Verbrauch stetig zurück; zunächst langsam, dann aber immer schneller und erreichte in 2023 einen Wert von 8.382 PJ (2000/2023: minus 40 %). Ein wesentlicher Faktor für diesen Rückgang war der Ausstieg aus der Kernenergie, der mit der Abschaltung der drei letzten Kernkraftwerke am 15. April 2023 abgeschlossen wurde. In den kommenden Jahren soll der Verbrauch dann weiter zurückgefahren werden. Planmäßig werden die fossilen Energien in 2045 keinen Beitrag mehr zur Energieversorgung leisten.
  • Bei den erneuerbaren Energien kann man eine gegenläufige Entwicklung beobachten. Hier zeigt die Statistik ab 1990 bis 2000 einen zunächst eher bescheidenen Zuwachs. In den dann folgenden Jahren beschleunigte sich das Wachstum. Im Jahr 2010 lag der Beitrag der erneuerbaren Energien zum Primärenergieverbrauch schon bei 1.310 PJ und erreichte schließlich im Jahr 2023 einen Wert von 2.107 PJ. Rechnet man in Wachstumsraten, kommt man für die Jahre 2010 bis 2023 auf einen jährlichen Zuwachs von 3,72 %. Dieser Trend soll sich in den kommenden Jahren fortsetzen. So plant die Bundesregierung bei den erneuerbaren Energien von 2023 bis 2045 einen deutlichen, aber keineswegs spektakulären Zuwachs von 4,93 % pro Jahr. Das Ergebnis ist ein Wert für den Primärenergieverbrauch 2045 in Höhe von 6.076 PJ.

Insgesamt weist das Bild auf einen Sachverhalt hin, der – soweit man sehen kann – bisher kaum richtig zur Kenntnis genommen wird. Nimmt man die Bundesregierung beim Wort, wird Deutschland im Jahr 2045 nur noch ein deutlich reduziertes Energieangebot zur Verfügung haben. Eine Illustration zur Größenordnung: Das Energieangebot in 2045 soll auf ein Niveau reduziert werden, das nur noch 43 % des im Jahr 2000 zur Verfügung gestandenen Angebots entspricht. Es ist offensichtlich, dass eine so deutliche Begrenzung des Energieangebots nicht ohne weitreichende Konsequenzen bleiben wird.

 

Tab. 1 Primärenergieverbrauch in Deutschland
 200020232045
 PJ%PJ%PJ%
Mineralöl5.49938,23.82235,600
Steinkohle2.02114,09318,700
Braunkohle1.55010,88958,300
Erdgas2.99620,82.65524,700
Kernenergie1.85112,9790,700
Erneuerbare4172,92.10719,66.07697,1
Sonstige Energien560,42041,91001,6
Außenhandel Strom110,1420,4801,3
Summe14.401100,010.735100,06.256100
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